Salzkammergut. Die Landschaft als Inspiration

Was ist am Salzkammergut so besonders? Warum inspirierte diese österreichische Gegend so viele Künstler und Literaten, von Gustav Mahler bis Adalbert Stifter? Der Autor Dietmar Grieser erklärt in seiner literarischen Spurensuche Nachsommertraum im Salzkammergut, was es mit dieser Seen- und Seelenlandschaft auf sich hat. Eine Lektüreempfehlung!

St.-Wolfgang-am-Wolfgangssee

Wolfgangsee, St. Wolfgang

In Nachsommertraum im Salzkammergut. Eine literarische Spurensuche (Insel Verlag, 1996) zeigt Dietmar Grieser in 15 gründlich recherchierten Kapiteln die Verbindung von Landschaft und künstlerischer Entfaltung: Er stellt das Salzkammergut als Inspirationsquell für Kunst, Musik und Literatur vor und erzählt spannende Geschichten über so unterschiedliche Menschen wie Adalbert Stifter, Gustav Klimt oder Richard Wagner. Meine Eltern haben mir das Buch empfohlen, das mir die besondere Landschaft Salzkammergut und ihren genius loci näherbrachte.

Mein Besuch im Dorf Altaussee

Die Ausläufer des Toten Gebirges und der Hausberg Loser umstehen Altaussee im Norden und Osten. Streng blicken sie auf den See hinab, dessen Wasser von einer mystischen Schwärze ist.

Dorfspaziergang

Ich besuche Altaussee an einem kühlen, regnerischen Tag im April: Dräuende Regenwolken am düstergrauen Himmel, Wolkenschleier, die sich von den Berghängen gen Tal ziehen, das Einsetzen eines leichten Nieselregens verstärken den wildromantischen Eindruck der Gegend nur. Die wunderschöne Dorfkirche stammt aus dem späten 13. Jahrhundert. Von dem sie umgebenden Friedhof öffnet sich der Blick auf das Ufer und die Spiegelfläche des Sees. Auf einer Weide im Vordergrund grasen zwei stämmige Pferde. Sonst regt sich nichts im Kern des Dorfes – die Bewohner sind allesamt in der Sonntagsmesse.

Am Rande von Altaussee, dort wo der Uferrundweg beginnt und die Wassermann-Villa steht, befindet sich auch der Friedhof mit seinen schmiedeeisernen Kreuzen und Grabtafeln. Allerhand illustre und fremdklingende Namen finden sich hier: Adelige und begüterte Zuwanderer, die sich hier einst niedergelassen hatten und nun in ihrer Ferienidylle oder Wahlheimat begraben sind.

Jakob Wassermann in Altaussee

Ein Besuch des Dorfes Altaussee lässt rasch verstehen, weshalb ein Schriftsteller wie Jakob Wassermann dort Inspiration fand. Wassermann, mit Titeln wie „Die Juden von Zirndorf“, „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens“ oder „Der Fall Maurizius“ ein Erfolgsautor des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, verliebte sich in das schmucke Dorf am Talende. Seinem Freund Hugo von Hoffmannsthal und anderen Gönnern verdankt es Wassermann, dass er 1923 sein eigenes Haus in Altaussee beziehen kann: Die sogenannte Andrian-Villa samt dazugehörigem Park. Wassermann liebt das Anwesen bald heiß und innig: Bis zu seinem Tod wird er hier mit seiner Familie glücklich leben und intensiv an seinen Werken arbeiten – das alles unter dem Eindruck von Bergkulissen, Bäumen und einem friedlich-zurückgezogenen Dorfleben.

Wassermanns Leben in Altaussee hat mir Dietmar Grieser in seinem Nachsommertraum im Salzkammergut näher gebracht. In jenem Buch begibt Grieser sich auf die Spuren, die Literaten, Maler und Musiker im Salzkammergut zwischen Mondsee und Ischl, Hallstatt und Gmunden hinterlassen haben. Gleichzeitig entdeckt er die Landschaft die künstlerische Inspiration dieser Menschen nachhaltig beeinflusste.

Adalbert Stifter in Hallstatt

In seinem ersten Kapitel, „Die Erdbeerkinder“, erzählt Grieser beispielsweise von Adalbert Stifters kurzem, aber intensivem Aufenthalt in Hallstatt. In der kleinen Ortschaft am Hallstätter See, deren Häuser so malerisch und dicht gedrängt am Hang zu kleben scheinen, fand der Schriftsteller Stifter die Komponenten seiner weltberühmten Erzählung „Bergkristall“. Wer diese besondere Weihnachtsgeschichte nicht gelesen hat, kennt möglicherweise ihre gleichnamige Verfilmung von Joseph Vilsmaier (2004).

In der Folge stellt der Autor auch Gustav Mahlers Komponierhäuschen am Attersee, die Wagner-Muse Mathilde Wesendonk oder die Ursprünge der Erfolgsoperette „Im Weißen Rössl“ vor. Grieser interessiert, wie er es im Vorwort beschreibt, die „künstlerische Initialzündung, der Geistesbitz des Gelehrten“. Er nähert sich in seiner Studie der „Seelenlandschaft“ Salzkammergut mit großer Behutsamkeit an und schreibt mit tiefem Gespür für die Persönlichkeiten, die dort ihre Sommerfrische verbrachten und bedeutende Werke schufen.

Mein Tipp:

Jeder, der selbst in diese österreichische Seelenlandschaft reist und dabei mehr als nur das Offensichtliche, mehr als nur eindrucksvolle Bergkulissen, zauberhafte Seen und Dörfer wahrnehmen will, wer die inspirierende Kraft der verschiedenen Orte verstehen will, muss Dietmar Griesers Buch als Reiselektüre mit in den Koffer packen!

Siehe auch: „Ein Literaturdetektiv“, von Klaus Gasseleder auf literaturkritik.de

 

 

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Ein Gedanke zu “Salzkammergut. Die Landschaft als Inspiration

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