Im zaristischen Moskau mit Fandorin

Boris Akunin: Die Entführung des Großfürsten. Fandorin ermittelt

Eher skeptisch begann ich mit der Lektüre dieses Kriminalromans à la russe. Dass er russische Romantradition mit den Elementen einer Detektivgeschichte mischt, weckte durchaus mein Interesse: Anna Karenina meets Sherlock Holmes meets James Bond? Warum nicht!

Doch die ersten Seiten, die ich probehalber überflogen hatten, ließen mich aber erst einmal zweifeln, ob dieser Krimi um den genialen Ermittler Fandorin wirklich spannend zu lesen sei. Mich überforderten die vielen Namen und Informationen auf den ersten Seiten (gut, bei Tolstoi & Co. geht es dem Leser auch manchmal nicht anders) und noch dazu war ich eine ganze Weile lang überzeugt, Fandorin, der Held, sei selbst der Erzähler der Geschichte. (Schuld daran trägt auch der Klappentext, der den Erzähler-Protagonisten komplett außer Acht lässt.)

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Abb.: Aufbau-Verlag

Nein, Fandorin ist nicht der Erzähler des Romans, er taucht erst zum Zeitpunkt des Verbrechens auf.

Die Geschichte

Die Entführung des Großfürsten wird von Afanassi Stepanowitsch Sjukin erzählt, dem Haushofmeister des Zaren-Onkels Großfürst Georgi Alexandrowitsch. Die Handlung ereignet sich in den Tagen um die Krönung des Zaren Nikolaus II. im Jahr 1894. Der jüngste Sohn von Großfürst Georgi, der vierjährige Großfürst Michail, wird vom überaus bösartigen und gerissenen Schurken Dr. Lind entführt. Diesem phantomartigen, rätselhaften Verbrecher ist Fandorin schon lange auf der Spur und so ist es kein Wunder, das er rasch die Ermittlungen in diesem äußerst heiklen Fall aufnimmt.

Sjukin, der Ich-Erzähler, beobachtet und begleitet Fandorin voller Misstrauen und widerwiliger Bewunderung bis zur Auflösung des Falls. Ja, Sjukin ist bald selbst an der Verbrecherjagd beteiligt und wird selbst Opfer des durchtriebenen Spiels von Dr. Lind…

Meine Gedanken zum Buch

Soweit, so viel zu Inhalt. Ich will den Roman nicht sezieren, aber ein paar Anmerkungen will ich doch machen. Weil mich dieser Krimi sehr stark beeindruckt und begeistert hat.

Sjukin, den großfürstlichen Haushofmeister, habe ich sehr rasch ins Herz geschlossen. Er ist ein überzeugter Diener, er meint gewissermaßen, zum Dienen geboren zu sein. Sein Amt führt er mit großer Würde und großem Pflichtgefühl aus. Seine Ansichten über das Dienen in der kaiserlichen Familie, über das korrekte Verhalten von Dienstboten, über haushofmeisterliche Pflichten und dergleichen schildert er dem Leser im Verlauf der Geschichte immer wieder voller Überzeugung.

Schnell hat man ein Bild von Sjukin im Kopf: ein beflissener und gutherziger Mann mit auffälligem Backenbart, der allerhand Vorurteile und ein recht begrenztes Weltbild pflegt. Er ist ein Mann ohne Frau und Kinder (denn gewissermaßen fühlt er sich mit seiner Stellung und der Fürstenfamilie verheiratet), der aber unter den Haushofmeistern hoch geschätzt und geachtet ist. Als Leser teilt man kaum alle Ansichten des Erzählers und hin und wieder gibt es Grund, seinem Urteil nicht zu trauen. So sehr Sjukin auf sein „psychologisches Gespür“ und seine Menschenkenntnis in Hinsicht auf Dienstboten vertraut, so sehr kann er sich in seinem Urteil in anderen Dingen täuschen. Er ist kein ganz verlässlicher Erzähler, das ahnt der Leser schnell. Aber er ist so ein feinsinnig gezeichneter, authentischer, runder Charakter, dass er einfach liebenswert erscheinen und den Leser für sich einnehmen muss. Ich jedenfalls folgte dem guten Sjukin mit all seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten unglaublich gerne durch die Geschichte. Und als ich die letzte Zeile gelesen und das Buch zugeschlagen hatte, wurde es mit weh ums Herz. Ich bedauerte, nicht länger von seiner Erzählstimme durch das zaristische Moskau geleitet zu werden und nicht länger seinen bunten Schilderungen des Lebens im alten Russland folgen zu können.

Ja, das Moskau des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben Sjukin bzw. der Autor Boris Akunin mir durchaus nahegebracht. Es ist eine Stadt mit einer gewaltigen Schere zwischen Arm und Reich: Der Erzähler bewegt sich zwischen dem Luxus der Romanow-Familie und der Armseligkeit der Vorstädte, wo Verbrecherbanden und arme Schlucker hausen. Voller Petersburger Arroganz bescheidet Sjukin der alten Hauptstadt Moskau kein gutes Urteil: „Die Stadt war ja noch weniger zivilsiert, als ich gedacht hatte – kein Vergleich mit Petersburg“, ist sein erstes Urteil (auf Seite 18). Und weiter: „Enge, sinnlos verwinkelte Straßen, ärmliche Häuser, schmuddelige, provinzielle Menschen.“

Im Verlauf des Kriminalromans lernt Haushofmeister Sjukin die Welt jenseits der Adelspaläste kennen, verirrt sich in Armenvierteln, wird ausgeraubt, belauscht Verbrecher in ihren Kellerlöchern. Am Ende der Geschichte ist Sjukin ein anderer geworden, er ist gereift und zugleich hat die Entführung des kleinen Großfürsten sein Weltbild erschüttert.

Mein Fazit:

Ein unterhaltsamer Schmöker und ein lebhaftes Zeitporträt, geschrieben mit viel Liebe zum Detail und spannend bis zum Schluss!

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