Insel-Leben mit Matilda und Pip

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In der vergangenen Woche befand ich mich auf einer kleinen Insel im Pazifischen Ozean, irgendwo nördlich von Australien und östlich von Neuguinea. Das Dorf, in dem ich mich aufhielt, war von steil abfallenden Hügeln, riesenhaft aufragenden Bäumen, sprudelnden Bächen und Stränden umgeben. Aus dem Dschungel, aus den dichten grünen Baumkronen ertönte das Gekreisch von Affen und exotischen Vögeln. Dicke, träge Schweine und halbwilde Hunde tummelten sich auf den Wegen zwischen den Häusern. Kinder spielten miteinander oder folgten dem Schatten ihrer Mütter, die in den Gärten arbeiteten oder im Bach Wäsche wuschen. Ein wenig abseits lag das alte Schulhaus, das schon eine ganze Weile leer gestanden hatte und nun von der üppigen Dschungelvegetation ganz überwuchert war. Und noch ein wenig weiter stand das alte Pastorenhaus, in dem jetzt Mr. Watts lebte, der einzige Weiße, der noch auf dieser winzigen, von der Welt vergessenen Insel zurückgeblieben war…

Nein, natürlich war ich letzte Woche nicht wirklich auf dieser kleinen Insel, bei der es sich übrigens um Bougainville handelt. (Bougainville gehört zu der Salomonen-Inseln und ist Teil Papua Neuguineas.) Ich reiste vielmehr mit dem Roman Mister Pip des neuseeländischen Autors Lloyd Jones dorthin.

Das Mädchen Matilda, die Erzählerin der Geschichte, zeigte mir ihre kleine Welt „which only new sameness“ (Mister Pip, Seite 2). Sie beschreibt ihr Leben als Dreizehnjährige in dieser 60-Seelen-Gemeinschaft. Dschungel, Berge und Meer sind die Dinge, die sie kennt. Das Leben ist friedlich und fließt in immergleichem Rhythmus dahin. Bis ein Bürgerkrieg ausbricht und sich mit der Zeit immer brutaler auf das Leben von Matilda und den anderen Dorfbewohnern auswirkt.

1990 beginnt die Blockade von Bougainville, das letzte Schiff hat die Insel verlassen und nun kommt keiner mehr fort. Mr 20140928_121256Watts, der letzte Weiße auf der Insel, hat das Schiff abfahren lassen und bleibt mit seiner schwarzen Frau Grace in seinem vom Dschungel verschlungenen Haus zurück. Er fasziniert Matilda und die anderen Kinder, weil er so weiß ist – weiß wie „all die important things, like ice cream, aspirin, ribbon, the moon, the stars“ (S.4). Eines Tages übernimmt Mr Watts den Schulunterricht der Dorfkinder (denn auch alle Lehrer haben das Dorf mit dem letzten Schiff verlassen). Es gibt keinerlei Unterrichtsmaterial, keine Bücher in dem Schulhaus bis auf eine Ausgabe von Charles Dickens Roman Große Erwartungen. Und daraus liest der selbsternannte Lehrer Mr Watts den Kindern täglich vor.

Das Buch im Buch wird zu einem Leitmotiv des Romans und von Matildas Leben. Wie Mr. Watts wird sie die Geschichte um Pip ihr Leben lang begleiten. Pip wird zu ihrem Freund, seine Geschichte (auch wenn sie im England des 19. Jahrhunderts angesiedelt, auch wenn Pip ein weißer Junge und sie selbst ein schwarzes Mädchen ist) verwebt sich mit ihrer Geschichte.

Mister Pip passt gerade deshalb so gut zu diesem Blog, finde ich, weil es darin auch um die Verbindung von (mentalen) Reisen und Büchern, von Orten und Worten geht. Matilda schreibt: „Mr Watts had given us kids another piece of the world“ (S. 2). Die Kinder, die Watts unterrichtet, wissen im Grunde nichts über die Welt außerhalb ihrer Insel; sie verstehen viele Wörter in Dickens‘ Roman nicht. Wie könnten sie – Bewohner einer tropischen Insel – auch begreifen, was ein „frostiger Morgen“ ist oder „die Marschen“, in denen der Junge Pip aufwächst! So wie mich Mister Pip auf die Salomonen-Insel entführte, entführt Große Erwartungen Matilda ins viktorianische London. Für sie wird Pips Geschichte zu einer Zuflucht, einem Ausweg aus der grausamen Realität des Bürgerkriegs.

Natürlich lässt sich der Krieg mit all seinen Gräueln nicht für immer verdrängen. Eines Tages beginnt er sein hässliches Gesicht auch Matildas Dorf zu zeigen und verändert ihr Leben für immer…

Mehr will ich aber gar nicht verraten, lest das Buch selbst!

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Lloyd James: Mister Pip (2006)

Tipp:

Vor der Lektüre von Mister Pip solltet ihr unbedingt Große Erwartungen gelesen haben. Matilda verrät nach und nach die Handlung von Dickens‘ Roman, es besteht also akuter „spoiler alarm“! 😉 Wer allerdings keine Lust hat, sich über den viktorianischen Klassiker herzumachen bzw. wer sich Lesezeit sparen will, der kann sich natürlich getrost Mister Pip vornehmen und erfährt dabei, worum es in „Große Erwartungen“ geht.

 

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