Die Bibliothek der träumenden Bücher

Oxford. Der Name einer englischen Stadt, der zugleich für eine der ältesten und bedeutendsten Universitäten der Welt steht. Ein Name, der an schwarze Talare, honigfarbene College-Mauern und Ruderbootrennen denken lässt. Und der unweigerlich mit britischer Bildungstradition und Bücherwissen verbunden ist.

Oxford, diese quirlige, von Studenten und Touristen geprägte Stadt, liegt etwa 90 Kilometer nordwestlich von London an den Flüssen Themse und Cherwell. Das Zentrum ist von den historischen College-Gebäuden mit ihren Zinnen und Schornsteinen und Türmchen geprägt, weshalb der Dichter und Kulturkritiker Matthew Arnold Oxford „city of dreaming spires“ („Stadt der träumenden Turmspitzen“) nannte.

In den von hohen Steinmauern gesäumten Gassen und den altehrwürdigen Colleges scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kein Wunder, dass sich von Lewis Caroll über J.R.R. Tolkien bis Philip Pullman zahlreiche Autoren von der verträumten Aura der Stadt inspirieren ließen. Egal ob Alice im Wunderland, Der Goldene Kompass, Die Chroniken von Narnia oder Der Herr der Ringe – Oxford regte offenbar besonders Schriftsteller von Kinderbüchern und Fantasy-Romanen an, vielleicht, weil es selbst manchmal wie ein verwunschener Ort in einer anderen Welt und Zeit erscheint…

Besuch in Balliol

Manche der Colleges sind zu bestimmten Zeiten Besuchern zugänglich. Als ich Anfang September auf einer Englandreise auch für ein paar Tage nach Oxford kam, waren gerade Semesterferien und so konnte ich das Balliol-College an der Broad Street besichtigen: Hinter dem Eingangsportal mit der Pförtnerloge liegt ein rechteckiger Hof mit einer gepflegten, sehr englischen Rasenfläche und herrlichen Blumenbeeten. Die Mauern, die diesen Innenhof umgeben, gehören zu der alten College-Kapelle (mit ihrem etwas eigenartigen Turm aus dem 19. Jahrhundert), der College-Bibliothek, den Büros und Unterrichtsräumen. Ein Durchgang führte zur Kapelle und zu einem beschaulichen Gärtchen dahinter. Folgt man dem Fußweg kommt man geradewegs auf einen weiten, baumbestandenen Hof, an den die Studentenunterkünfte und die hall, der Speisesaal, grenzen.

IMG_4069Auch die hall durfte man an jenem Tag besichtigen: „Hall open to visitors“ war auf einer Tafel zu lesen, die jemand auf die breite Treppe gestellt hatte, die vom Hof in diese Mensa der besonderen Art führte. Beim Betreten dieses Raumes musste ich unwillkürlich an Harry Potter denken: Mehrere lange Tischreihen zogen sich längs durch den Saal, an dessen Ende auf einer erhöhten Plattform ein einzelner langer Tisch quer stand. Fast sah ich Dumbledore, Professor McGonagall und Hagrid von dort auf die langen Tischreihen herabblicken, wo fröhlich lärmend und stühlerückend die Schüler von Hogwarts ihre Plätze einnahmen…

Die Tafeln waren bereits für das Mittagessen gedeckt und sahen mit ihren weißen Stoffservietten, den weißen Kerzen und den Tassen mit dem Balliol-Wappen sehr vornehm aus. Der Saal an sich wirkte düster, was an den dunklen Hozpaneelen lag, mit denen die Wände vertäfelt waren. Aus einer Vielzahl von Porträts schauten ältere Männer gewichtig und voller Würde auf die Tischreihen vor ihnen: Allesamt Alumni von Balliol, darunter einige britische Premierminister und Nobelpreisträger. Über den Holzvertäfelungen waren flächige, gotische Fenster eingelassen; durch sie schien an diesem Tag freundlich die Sonne und brach sich in den Weingläsern auf den Tischen. An einem regnerischen Tag aber dürfte dieser Speisesaal mit all dem dunklen, lichtschluckenden Holz weniger einladend wirken.IMG_4075Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich wohl anfühlt, hier Student zu sein, täglich Mahlzeiten in diesem Saal an einem der langen Holztische einzunehmen, den Blick auf die Porträts berühmter Vorgänger gerichtet, die einen immerzu daran erinnern, welch ein alter, ehrwürdiger und besonderer Ort dies ist und wie viele bedeutsame Persönlichkeiten der Wissenschaft und Politik hieraus hervorgegangen sind … Der Raum und das gesamte College ließen mich an allerhand Filme denken, deren Handlung in Oxford, im Studentenmilieu angesiedelt ist und aus denen mir solche College-Säle schon vertraut waren. Egal ob in den 1920er oder 1960er Jahren oder eben im Jahr 2014: Es hat sich (scheinbar) nichts geändert.

Die Bodleian Library

Doch nun zu einem Ort in Oxford, der Stadt des Wissens und der Bücher, den sich kein bibliophiler Besucher entgehen lassen sollte:

Folgt man vom Balliol College der Broad Street Richtung Osten sieht man bald zur Rechten das Sheldonian Theatre, eines der berühmten Bauwerke der Stadt. Dahinter ragt der Gebäudekomplex auf, der wohl wirklich als das Herz von Oxford und seiner Universität gelten darf: Die Bodleian Library, die Bibliothek von Thomas Bodley.

Der Innenhof

Von drei Seiten führen Durchgänge in den Innenhof, den sogenannten „Old Schools Quadrangle„: Ringsum sind Holztüren in die gelben Sandsteinwände eingelassen; zu lesen ist – in goldenen Lettern auf blauem Grund – der Name der jeweiligen schola, die sich hinter der Tür verbirgt: Schola moralis philosophiae beispielsweise, die Schule der Moralphilosophie. An den Türen und ihren Aufschriften lässt sich das Curriculum des frühen 17. Jahrhunderts ablesen: Logik, Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie, Musik, Philosophie und Sprachen.

Die Statue des Earl of Pembroke, William Herbert, der einst Kanzler der Universtität und Wohltäter der Bibliothek war, steht vor dem Eingang der weltberühmten Bücherstätte.

Eine Führung durch die Bodleian Library

Führungen durch die Bodleian Library sind rasch ausgebucht und ich hatte Glück, gerade noch eine der letzten drei Karten für eine morgendliche Tour zu ergattern, die neben dem ältesten Teil der Bibliothek auch eine Besichtigung der Radcliffe Camera und des unterirdischen Gladstone Link beinhaltet.

In der Divinity School, einem langgestreckten Saal aus spätgotischer Zeit, in dem vor über fünfhundert Jahren Unterricht und bis zum 19. Jahrhundert mündliche Prüfungen in Theologie abgehalten wurden, begann die Führung mit der fidelen Naomi. Da, wo nun wir staunenden Touristen auf ein paar langen Holzbänken saßen, das kunstvolle Gewölbe bewunderten und Naomis anschaulichen Beschreibungen lauschten, reihten sich vor Jahrhunderten die Studenten und schulten ihren Geist im Disput mit ihren Professoren.

Die zweite Station unseres Rundgangs – und meiner Meinung nach auch die eindrucksvollste – war die Duke Humfrey’s Library: Sie war von Humfrey, dem Herzog von Gloucester und einem Bruder von König Heinrich V., im 15. Jahrhundert gestiftet worden. Kostbare Manuskripte wurden hier aufbewahrt und mit schweren Ketten gegen Diebstahl gesichert, denn zu jener Zeit besaß ein Buch so viel Wert wie heutzutage ein Porsche. Im Zuge der antikatholischen Bewegung unter Edward VI. wurde der Bücherschatz der Bibliothek jedoch zerschlagen, das Gebäude verfiel, durchs löchrige Dach tropfte über Jahrzehnte der Regen in den Lesesaal… Traurige Zeiten für Wissbegierige und Bücherfreunde!

Diesem miserablen Zustand setzte der ehemalige Oxford-Student und weitgereiste Diplomat Thomas Bodley (1545–1613) Anfang des 17. Jahrhunderts ein Ende: Die Bibliothek wurde mit seinen Mitteln restauriert und neu ausgestattet. Auch trieb er Sponsoren für die Erweiterung des Gebäudes auf, das schließlich nach ihm, dem engagierten Förderer, „Bodleian Library“ genannt wurde.

Am nachdrücklichsten hat sich mir der ganz eigene Duft der der Duke Humfrey’s Library eingeprägt: Kaum, dass wir vom Treppenhaus her den alten Lesesaal betraten, schlug uns ein schwerer, intensiver Geruch nach altem Leder und Pergament, nach Holz und Bücherstaub entgegen. Ein langgestreckter Raum lag vor uns: zu beiden Seiten hölzerne Bücherregale und Balustraden bis unters Dach; verzierte Holzstreben und gemalte Wappen an der hohen Decke. Durch das flächige, zum Innenhof weisende Fenster in der Mitte des Saals fiel die Morgensonne. Dem Fenster gegenüber öffnete sich der eigentliche Lesesaal, in dem auch heute noch die Oxford-Studenten lesen und lernen.

Radcliffe Camera und Gladstone Link

Die Radcliffe Camera, die auf dem Platz (Radcliffe Square) zwischen der Old Bodleian Library und der Kirche St. Mary steht, war der nächste Anlaufpunkt unserer Führung. Diese Rotunde aus der Zeit der Renaissance sticht aus den mittelalterlichen Universitätsbauten Oxfords geradezu provokativ hervor – zumindest müssen es die Zeitgenossen so empfunden haben, als diese erste in Rundform angelegte Bibliothek auf britischem Boden erbaut wurde. Namensgeber war Dr. John Radcliffe, der Leibarzt von Königin Anne, der das Projekt zwar finanzierte, aber bei Baubeginn bereits mehr als zwanzig Jahre tot war!

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Das Innere der Radcliffe Camera, den großzügigen Lesesaal mit seinen marmornen Säulen, fand ich sehr beeindruckend und ein wenig neidisch dachte ich an die Studenten, die hier, in diesem prächtigen Ambiente, arbeiten dürfen. Und dennoch: Die düsterere, muffigere Humfrey’s Library mit ihrem dunklen Holz und ihrem schweren Bücher-Aroma hatte es mir mehr angetan als dieser herrschaftliche (und im Grunde protzige) neoklassizistische Bau.

Richtig aufregend erschien mir die Vorstellung, die Büchersammlung unter der Erde zu erkunden und einem unterirdischen Gang zurück zur alten Bibliothek zu folgen: Von der Radcliffe Camera aus erreicht man nämlich über eine Treppe den Gladstone Link. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man die Bibliothek, die aus allen Nähten platzte, um unterirdische Bücherlager erweitert: Heute befinden sich auch hier zwischen den Regalen Arbeitsplätze und bequeme Sessel, in denen die Studenten sich zwischendurch bestimmt recht gut vom Bücherwälzen erholen können…

Ein schmaler, unscheinbarer Verbindungsgang führte uns am Ende unserer Tour wieder zurück zur alten Bibliothek – unter dem Radcliffe Square und dem Old School Quadrangle hindurch ins Treppenhaus der Old Bodleian Library!

Bücher, die in / um die Bodleian Library spielen:

Matthew Skelton: Endymion Spring – Ein spannende Geschichte für Jugendliche über ein geheimnisvolles altes Buch, das einen Jungen in die Tiefen der Oxforder Bibliotheken entführt…

Dorothy L. Sayers: Aufruhr in Oxford  – Ein Krimi um den adeligen Ermittler Lord Peter Wimsey

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2 Gedanken zu “Die Bibliothek der träumenden Bücher

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