Jungenstreiche in Budapest

IMG_0456Bei einem Kurzurlaub in Budapest im Frühjahr 2014 ließ ich mir in der Buchhandlung „Atlantisz Könyvsziget“ in der Király utca ein paar ungarische Romane empfehlen, die am besten etwas mit Budapest zu tun haben sollten. Natürlich hielt ich mich vor den Regalen der deutschsprachigen Sektion der Buchhandlung auf – denn Ungarisch, diese schöne, melodiöse Sprache, beherrsche ich (bis auf „Jó napot“ = „Guten Tag“ und „közsönöm“= „danke“) leider nicht. Unter den Büchern, die mir von dem jungen ungarischen Buchhändler ans Herz gelegt wurden, war auch Ferenc Molnárs Die Jungen der Paulstraße

Dieser 1907 erschienene Jugendroman gehört, so der Klappentext der deutschsprachigen Ausgabe, für Generationen ungarischer Leser zu den Lieblingsbüchern ihrer Kindheit.

Monlnár erzählt darin von zwei verfeindeten Jungsbanden, die im Jahr 1889 „Krieg“ führen um einen leer stehenden Bauplatz. Dieser „Grund“, wie ihn die titelgebenden Jungen der Paulstraße nennen, ist mehr als nur irgendein Spielplatz. Für die Budapester Jungen, die in der großen Stadt mit ihren vielen hohen Gebäuden und verkehrsreichen Straßen beengt leben, bedeutet der Grund alles: „Er bedeutet ihnen die Ebene, das Heideland, die Steppe. Er bedeutet ihnen Unendlichkeit und Freiheit, ein Stückchen Erde, auf einer Seite von morschen Planken eingezäunt, auf den anderen Seiten von Häusermassen umgeben, die zum Himmel starren.“ (F. Molnár, Die Jungen der Paulstraße, S. 20).

Um diesen leeren Bauplatz herum entspinnen sich viele kleine Geschichten. Molnár beschreibt Szenen aus dem Schulalltag, erzählt von innigen Freund- und Feinschaften und lässt auch so etwas Bizarres wie den Kitt-Verein auftreten: Ein paar der Paulstraßen-Buben kratzen, wo sie nur können, Kitt aus den Fenstern. Einer muss den zusammengetragenen Klumpen Fensterkitt beständig kauen, damit er weich bleibt. Diese Vorstellung fand ich überaus grotesk, aber so sahen vielleicht früher tatsächlich die Vergnügungen von Schulkindern aus… 😉

Im Mittelpunkt der Geschichte scheint Boka zu stehen, der Anführer der Bande vom Grund. Er ist ein sympathischer, kluger, ausgeglichener Junge. Aber vielleicht ein bisschen zu „perfekt“, zu aufrichtig und ernsthaft. Und die anderen sind zu sehr in ihre Streitereien, ihre Vereinsmeiereien und Rivalitäten verstrickt, um die Lesergunst vollends zu erringen. Der liebenswerteste der Jungen ist, ganz klar, der „kleine Blonde“: Ernst Nemecsek. Zunächst von niemandem für voll genommen, zu einem Dasein als einfachem Fußsoldaten verurteilt (während alle anderen Paulstraßen-Jungen in ihren Spielen den Rang eines Hauptmanns, Leutnants oder Oberleutnants tragen), macht der schmächtige, zarte Nemecsek plötzlich eine Wandlung zum Helden durch: Sein Mut wie seine Loyalität zu Boka und dem Grund erschüttern im Laufe der Geschichte Freund wie Feind.

Die Jungen der Paulstraße ist eine rührende Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Vor allem die Zeichnung der Charaktere begeisterte mich: Sie wirken allesamt sehr lebendig und echt, wie alte Bekannte treten sie vor den Leser hin. Auf eine schlichte Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet Molnár – keiner der Jungen ist nur gut oder schlecht: Sie alle besitzen menschliche Schwächen, aber letztlich doch auch Größe und Liebenswürdigkeit.

Ferenc Molnár zeigt sich als ein einfühlsamer Autor – und ein humorvoller. Die Spinnereien seiner Jungen (etwa den Kitt-Verein mit all seinen Regeln und Satzungen und Vereinsbüchern) nimmt er keineswegs ernst. Das Augenzwinkern des Erzählers jedenfalls mildert den oft recht altväterlichen Ton.

Ich glaube, heute könnte man mit einem solchen Roman nur die allerwenigsten Kinder oder Jugendlichen hinterm Ofen hervorlocken. Mir selbst hätte er mit zwölf, dreizehn Jahren wahrscheinlich nicht gefallen, ich hätte ihn wohl langweilig gefunden. Aber trotzdem ist Die Jungen der Paulstraße ein Buch, das nicht in Vergessenheit geraten sollte: Zu allgemeingültig ist seine Botschaft über Freundschaft und Loyalität!

Mich freute beim Lesen vor allem, dass die Erzählung das Budapest von vor über hundert Jahren vor meinem geistigen Auge auferstehen ließ. So erinnerte ich mich an meinen Budapest-Urlaub zurück, an meine eigenen Eindrücke vom Budapest des 21. Jahrhunderts. Ich sah die Straßen in der Josefstadt, dem VIII. Bezirk, vor mir, die alten Häuser, die ratternden Straßenbahnen, die baumbestandenen Plätze.

Natürlich ist das Gebiet der Jungen im Roman ein recht eng gestecktes. Für mich gehören zu Budapest vor allem die Donau mit ihren großen Schiffen und den Brücken, die sie an so vielen Stellen überspannen; die beschaulichen Gassen im Burgviertel; die Plätze und Kirchen in Buda wie die Jugendstilbauten und Kaffeehäuser in Pest.

Neben der vielfältigen Architektur und den so verschiedenen Charakteren der Stadtviertel blieben mir vor allem die Straßen des jüdischen Viertels hinter der Großen Synagoge in Erinnerung. Hier aßen wir zweimal im atmosphärischen Café-Restaurant Spinoza ausgezeichnete jüdisch-ungarische Gerichte und lauschten von der Galerie aus dem Klavierspiel des grauhaarigen Pianisten.

Und natürlich gehören zu Budapest seine Thermalbäder – von ihnen gibt es unzählige über die ganze Stadt verteilt. Im schmucken Jugendstil-Bad Gellért fürdö (am Fuße des Gellért-Berges) lässt es sich stilvoll baden, genauso wie im weitläufigeren Széchenyi fürdö mit seinen großen, beheizten Außenbecken.

Budapest hat unglaublich viel zu bieten, wie ich finde. Ich hoffe, dass ich es bald einmal wieder bereisen kann – nicht nur im Geiste, sondern real!

Weitere Infos zu Budapest gibt es hier.

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