Blick in den Kristall mit Julio Cortázar

Vor ein paar Tagen habe ich ein Büchlein aus dem Regal gezogen, das ich mir vor zwei Jahren in Buenos Aires gekauft hatte: eine Anthologie mit Geschichten des Argentiniers Julio Cortázar. Ich war damals in einer Filiale der Libreria Hernandez in der calle Corrientes gestanden und hatte Schwierigkeiten mich für eines der angebotenen Cortázar-Bücher zu entscheiden. Im Zweifelsfalle gehe ich ja nach dem Cover (ein Buch muss schon auch von außen ein Augenschmaus sein, finde ich). Doch in diesem Fall entschied ich mich für die Ausgabe des Verlags Alfaguara, weil darin die Kurzgeschichte „Continuidad de los parques“ enthalten war.

Ich will an dieser Stelle nichts Näheres über die Geschichte schreiben, denn eigentlich ist das nicht möglich ohne schon zu viel zu verraten. Ich empfehle euch, die zwei kurzen Seiten, die “ Continuidad de los parques“ umfasst, einfach mal selbst zu lesen – so bekommt ihr einen ersten kleinen Einblick in sein besonderes Schreiben. Und vielleicht habt ihr anschließend Lust, euch an ein paar weitere seiner Texte zu machen. (Wenn ihr hier klickt, kommt ihr zur spanischen Version.)

In einem meiner Seminare an der Universidad de Buenos Aires hatte die Professorin von der Geschichte erzählt. Obwohl ich dann bereits die Pointe kannte, wollte ich sie unbedingt noch einmal für mich selbst lesen, so sehr faszinierte mich die Idee dahinter. Ein klein wenig kann ich vielleicht doch verraten: Es geht dabei um einen Mann, der liest – und während seiner Lektüre bricht das Moment des Unheimlichen herein, das für Cortázar so typisch ist.

Zwischen Traum und Realität

Meine Faszination dafür ist vielleicht auch meinem Faible für Texte geschuldet, die mit der Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion, Realität und Traum spielen. Cortázars Erzählungen und Kurzgeschichten tun genau dies, sie lassen den Leser rätseln, was nun „wahr“ und „real“ ist und was nicht. Ihre Sprache übt auf den Leser eine starke Sogwirkung aus – wenigstens habe ich beim Lesen augenblicklich das Gefühl, in die Geschichten förmlich hineingesaugt zu werden.

So ging es mir auch vorgestern, als ich „La noche boca arriba“ las: Die Geschichte beginnt recht unspektakulär mit einem jungen Mann, der sein Motorrad besteigt und damit über eine nächtliche Straße fährt. Und doch zogen mich bereits die ersten Sätze in ihren Bann. Der junge Mann hat einen Unfall, wird von herbeigeeilten Helfern von der Straße getragen und schließlich ins Krankenhaus gebracht. Dort wird er nachts von einem Fiebertraum geplagt. Sooft er erwacht und wieder einschläft–jedes Mal träumt er denselben Traum. Bis irgendwann unklar ist: welche Geschichte ist wahr? Die des verunglückten Motorradfahrers oder die des Traums?

 

Luisa Valenzuela schreibt im Prolog meiner Cortázar-Ausgabe:

 

Wir wissen, dass ihn [gemeint ist Cortázar, meine Anm.] von Kindheit auf Kristalle faszinierten, feste Materie, durch welche die Realität hindurchscheint und manchmal sich teilt und multipliziert. Ebenso die Worte.

(meine Übersetzung)

Dieses Bild des die Realität verzerrenden, in Frage stellenden Kristalls finde ich sehr zutreffend für das Werk von Julio Cortázar: Nichts ist darin so, wie es zunächst erscheint. Nie gibt es am Ende eine „Auflösung“, eine befreiende Erklärung. Der Leser wird verwirrt zurückgelassen, grübelnd, ja unbefriedigt und zugleich berückt, verzaubert von dem eben Gelesenen.

Cortázar und Buenos Aires

 

Julio Cortázar, dieser große argentinische Autor, wurde nicht in Argentinien geboren, sondern in Brüssel (1914), wo sein Vater an der argentinischen Botschaft tätig war. Ein paar Jahr später ging die Familie zurück nach Buenos Aires. 1951 wanderte Cortázar endgültig nach Paris aus und kam bis zu seinem Tod 1984 nur noch besuchsweise in die argentinische Hauptstadt. Trotzdem taucht die Stadt Buenos Aires immer wieder in seinen Werken auf, etwa in der Geschichte „El otro cielo“ („Der gläserne Himmel“):

Darin beschreibt der Protagonist die Pasaje Güemes, eine überdachte Galerie an der Straße (calle) Florida: Hier fand er als Heranwachsender alles wonach er sich sehnte, hier „mischten sich köstlich die Ahnung von Sünde und Pfefferminzpastillen“ (S. 144). In der Passage gab es „Abendzeitungen mit Verbrechen auf jeder Seite“, einen Kinosaal, der „unerreichbare realistische Filme“ zeigte und einen Kiosk mit pornographischen Heftchen. Unter ihrem „Himmel“ aus Stuckornamenten und schmutzigen Oberlichtern wurde der Tag zur Nacht. Natürlich fehlten auch Prostituierte nicht, die auf der Suche nach Kundschaft durch die Passage schlenderten, und im oberen Stockwerk lagen die Praxen für Geschlechtskrankheiten und die Wohnungen der „amoralischen Frauen“. In diesem Milieu streifte sich der Erzähler „die Kindheit ab wie einen alten Anzug“.

Doch die Geschichte wäre nicht von Cortázar, wenn sich nicht in ihrem Verlauf die Realität teilen und doppeln würde: Quasi als Spiegel zur Pasaje Güemes in Buenos Aires und dem eintönigen, unbefriedigenden Leben des Protagonisten als berufstätigem Familienvater fungiert die Galerie Vivienne in Paris, wo er seinen Traum eines anderen, freieren Lebens ausleben kann.
Julio Cortazars Geschichten machen es dem Leser nicht unbedingt leicht. Doch wie Luisa Valenzuela schreibt (S. 8, eigene Übersetzung):

Niemand, der ein Buch von Julio Cortázar zur Hand nimmt, wird gleichgültig bleiben gegenüber dem, was er da liest.

 

 

 

Meine Cortázar-Ausgabe:

Julio Cortázar. Casa tomada y otros cuentos (Alfaguara, 2011)

 

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