Im Tal der Narzissen mit William Wordsworth

Eigentlich bin ich ja keine übermäßig große Lyrik-Liebhaberin. Es zieht mich einfach mehr zu Prosa-Texten hin und meist habe ich nicht die rechte Geduld für Gedichte – oder bilde mir das zumindest ein. Trotzdem gibt es einige Gedichte, die mir ausgesprochen gut gefallen. Und die möchte ich gern auch hier im Blog ab und zu vorstellen.

Eines meiner liebsten Gedichte, das mich schon seit einigen Jahren im Geiste begleitet, ist „I Wandered Lonely As a Cloud“ oder „Daffodils“ (1804) von William Wordsworth (deutscher Titel: „Narzissen“). Hier erst die deutsche Übersetzung, dann die englische Originalversion:

 

Der Wolke gleich, zog ich einher,
die einsam zieht hoch übers Land,
als unverhofft vor mir ein Meer
von goldenen Narzissen stand.
Am See, dort wo die Bäume sind,
flatterten, tanzten sie im Wind.

So stetig wie der Sterne Schein
und Funkeln hoch am Himmelszelt,
war’n sie in endlos langen Reih’n
am Saum der Bucht entlang gestellt.
Zehntausende, auf einen Blick,
bogen im Tanz den Kopf zurück.

Ihr Tanzen übertraf sogar
des Wellentanzes Funkelschein:
In dieser ausgelass’nen Schar
muss selbst ein Dichter heiter sein!
Ich schaut’ und schaute, kaum bedacht,
welch Wohl dies Schauspiel mir gebracht.

Denn oft, wenn auf der Couch ich ruh’
gedankenschwer, des Grübelns leid,
gesell’n dem Herzen sie sich zu:
dies ist das Glück der Einsamkeit.
Erfüllt von Glück mein Herz dann singt
mit den Narzissen tanzt und springt.

© Bertram Kottmann.


I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed–and gazed–but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

 

Während meines Anglistik-Studiums war mir dieses Gedicht des englischen Romantikers William Wordsworth in irgendeinem Seminar untergekommen. Gleich beim ersten Lesen verzauberten mich die Verse. Sie ließen vor meinem geistigen Auge eine Landschaft entstehen, die so real und greifbar schien, als befände ich mich selbst an Stelle des lyrischen Ichs: Es ist eine unberührte, sanfte Landschaft, über der sich der blaue Frühlingshimmel spannt. Dichte, bauschige Wolken ziehen vorüber. Von einem Hügelkamm aus blicke ich auf das vor mir liegende Tal hinunter. Dort sehe ich den See, an dessen Ufer – wie ein Meer aus Gelb – Abertausende Narzissen wogen.

„Fluttering and dancing in the breeze“

In Schottland habe ich selbst oft solch eine Narzissenpracht gesehen: Im Frühjahr breiten sie sich wie goldgelbe Teppiche auf Hügeln, in Parks und entlang vielbefahrener Straßen aus. In Inverness ist die Böschung entlang des Flüßleins Ness von Narzissen gesäumt und sogar am rauen Küstenfußweg zur malerischen, wellenumtosten Burgruine Dunnottar Castle bei Aberdeen sprießen die gelben Farbkleckse.

Wordsworth‘ Verse haben auf mich interessanterweise die gleiche Wirkung, wie das beschriebene Narzissenmeer auf das lyrische Ich: Selbst wenn ich das Gedicht lange Zeit nicht gelesen habe und mich auch seiner genauen Worte nicht mehr entsinnen kann, haben sich dennoch die Bilder, die es entstehen lässt, in meine Vorstellung gebrannt. Beim Anblick von ein paar gelben Narzissen im Frühjahr muss ich sofort an Wordsworth‘ „daffodils“ denken, „tossing their heads in sprightly dance“.

Und wenn ich mich besonderer Naturorte entsinne – eine Schweizer Berglandschaft, ein See in Österreich, ein Pinienhain in der Toskana – und in meinen Erinnerungen schwelge, obwohl ich eigentlich gerade in der U-Bahn fahre oder vorm Fenster der Herbstwind tost, dann kommt mir oft an die letzte Strophe des Gedichts in den Sinn:

For oft, when on my couch I lie / In vacant or in pensive mood,/ They flash upon that inward eye/ Which is the bliss of solitude.

Auch wenn es Jahre her sein mag, dass man von einer Landschaft, einem Ausblick tief beeindruckt war, erinnert man sich oft ein Leben lang gerne daran zurück. In einem ruhigen Moment (und das muss nicht unbedingt zuhause auf der Couch sein) kommt die Erinnerung an die Narzissen oder das Bergpanorama oder den See. Und mit ihr taucht ganz lebhaft wieder das wohlig-warme Gefühl auf, das einem die Schönheit der Natur in jenem längst vergangenen Moment beschert hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s