♫Kookaburra sits on an old gum tree…♫ – Vom Vogel, der lachen kann und vom Reisen mit und ohne Vorwissen

Letzte Woche habe ich „Das Gelächter des Kukkaburra“ (1968) von Siegfried Lenz gelesen. In dieser Erzählung geht es nach Australien: Der namenlose Erzähler ist zu einer Lesereise auf den roten Kontinent eingeladen. Vor seiner Abreise fragt er sich, wie die ideale Vorbereitung auf diese Reise aussehen könne: die Geschichte des Landes, seine Politik, seine Literatur studieren?

„…ich musste mich doch vorbereiten, wappnen, einstimmen.“

Reisephilosophische Betrachtungen

Ähnlich geht es sicher vielen von uns, die eine große (oder auch nicht so große) Reise antreten. Zum einen beschäftigt man sich schon aus reiner Vorfreude mit dem Zielland, dem Ort, den man bald zum ersten Mal betreten wird und auf den man schon so gespannt ist. Zum anderen will man, wie Lenz‘ Erzähler, nicht „unpräpariert, und das heißt: schutzlos“ dort ankommen. Und wer nicht als reiseuntüchtiger Hasenfuß gelten mag, der sagt eben, er wolle sich „einfach schon mal einstimmen“ auf die kommenden Eindrücke, ein „Gefühl bekommen“ für das Reiseziel.

Auch ich kann mich immer nur schwer beherrschen, muss vor jeder Reise, jedem Kurzurlaub Reiseführer und Magazine durchblättern oder nach den speziellen Sehenswürdigen und kulinarischen Besonderheiten googeln. Doch eigentlich denke ich mir so oft auch, welcher Reiz im vollkommenen Unvorbereitetsein liegen kann: Ein Land betreten, von dem man so gut wie nichts weiß; am Bahnhof einer Stadt ankommen, die große, lärmende Halle verlassen und ganz ahnungslos, unvoreingenommen hinaustreten unter den fremden Himmel…

Einmal reisen wie Odysseus: Ohne Vorwarnung, ohne Vorwissen, ohne festgelegtes Besichtigungsprogramm drauflos und sich in das Abenteuer stürzen, unbekannte Orte zu erkunden!

Wer nicht wie Odysseus unvorbereitet auf Reisen gehen will, der bereitet sich lieber gründlich vorAber natürlich ist das schwierig. (Und unbequem obendrein.) Schwierig schon allein, weil wir ja doch immer schon irgendeine Vorstellung im Kopf haben. Wir hätten uns nicht für die Reise nach Griechenland entschieden, wenn wir nicht Bilder von tiefblauem, blitzendem Wasser und malerischen Buchten vor unserem inneren Auge hätten. Wir würden nicht die Sehnsucht nach Kanada und seinen Wäldern verspüren, hätte uns nicht schon mal eine Fernsehdokumentation dorthin entführt oder eine Kollegin so sehr von der Weite des Landes und den freundlichen Kanadiern geschwärmt.

Der Protagonist der Lenz-Geschichte wagt es schließlich, ganz ohne Vorkenntnisse nach Australien zu gehen: „Tabula rasa: ist das nicht die ideale Ausgangslage für jede Reise?“

Und doch: ganz „unbelastet“ kann auch er nicht reisen. Irgendjemand erzählt ihm vom eigentümlichen Vogel Kookaburra, der ihm dann nicht mehr aus dem Kopf geht: Einmal wenigstens will er sein Gelächter hören. Jeden seiner australischen Gastgeber wird er damit behelligen. Doch den „lachenden Hans“ zu erlauschen entpuppt sich als schwieriger als gedacht…

Der Vogel, der Australien bedeutet

Auch hier erkannte ich mich in dem Erzähler wieder: Lange Zeit war auch für mich das erste und einzige, was ich mit Australien verband, der Vogel Kookaburra, dessen Aussehen ich nicht kannte, von dem ich dafür aber wusste, dass sein seltsamer Ruf wie menschliches Gelächter klingt.

Es gibt ja das Lied „Kookaburra“♪♪♪, das ich irgendwann in sehr jungen Jahren, noch bevor ich Englisch verstand, gelernt hatte. Das Lied gefiel mir gut, seine Melodie und sein Text waren eingängig und auch außerhalb des Musikunterrichts trällerte ich es gern vor mich hin.

Kookaburra sits in the old gum tree
Merry, merry king of the bush is he
Laugh, Kookaburra! Laugh, Kookaburra!
What a life you lead

Kookaburra sits in the old gum tree
Merry, merry, merry little bird is he
Sing, Kookaburra! Sing, Kookabura!
Sing your song for me.

Kookaburra sits in the old gum tree
Eating all the gum drops he can see
Stop, Kookaburra! Stop, Kookaburra!
Leave some there for me

Kookaburra sits in the old gum tree
Counting all the monkeys he can see
Stop, Kookaburra! Stop, Kookaburra!
That’s not a monkey that is me.

Dieses Lied, dieser lachende Vogel bedeuteten für mich also lange Zeit Australien, noch bevor ich an das Great Barrier Reef, den Uluru oder Sydneys Opernhaus dachte.

Das Lachen der Kookaburras

Als ich selbst vor vier Jahren auf den roten Kontinent reiste, hoffte ich natürlich, wie Lenz‘ Protagonist, einmal das Gelächter des Kookaburra zu hören. Auf einer Farm nahe Melbourne, auf der ich für mehrere Wochen Beeren erntete (Himbeeren, Johannisbeeren, Heidelbeeren), hatte ich dazu Gelegenheit. Die Felder mit den Beerensträuchern waren von hohen Eukalyptusbäumen („gum trees“) gesäumt. Und irgendwo in den luftigen Höhen der Wipfel, verdeckt vom dichten, lindgrünen Laub, saßen die Kookaburras und ließen dann und wann ihr Gelächter hören.

Ich erinnere mich noch genau an einen Tag, als ich allein in der mir zugeteilten Strauchreihe stand, meine Himbeeren erntete und dabei meinen Gedanken nachhing, ein wenig tagträumte. Da erscholl vom Wald her mit einem Mal ein vielstimmiges Gelächter, langanhaltend, blechern, schadenfroh vergnügt. Das Gelächter war so scheppernd, taktlos und zugleich übermütig, dass ich nicht an mich halten konnte: Unweigerlich stimmte ich mit ein, ließ mich anstecken vom Lachen der Kookaburras, lachte herzlich mit, als ob uns jemand soeben den gleichen Witz erzählt hätte.

Ein Foto von einem Kookaburra habe ich leider nicht zu bieten. Ich habe nie einen zu Gesicht bekommen.

Hier enden meine Gemeinsamkeiten mit Lenz‘ Erzähler: Er sieht am Ende ein Kookaburra-Pärchen in einem Zoo, das Lachen hört er kein einziges Mal. Ich dagegen werde immer das ansteckende, vorwitzige Gelächter im Ohr haben. Doch vor meinem inneren Auge tauchen statt des Vogels selbst nur die lindgrünen Kronen der Eukalypten auf, die sachte im Wind schwanken.

Australischer GummibaumDas Buch zum Post:

Siegfried Lenz. „Das Gelächter des Kukkaburra“. In: Die Flut ist pünktlich. Meistererzählungen. Zusammengestellt von Günter Berg. Hoffmann und Campe: Hamburg, 2014.

Und hier Foto-Eindrücke vom atemberaubenden, wunderschönen, eindrucksvollen AUSTRALIEN:

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