Wände aus Papier

~ Eine literarische Reise an den Río de la Plata und die Städte Buenos Aires und Montevideo ~

Zweimal wurde ich vor kurzem an ein schmales Buch erinnert, das bei mir im Regal steht, nämlich an „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez: Zunächst entdeckte ich in einer Buchhandlung die aktuell erschienene, illustrierte Neuausgabe des Insel-Verlags. Sie gefiel mir auf Anhieb so gut, dass ich glatt versucht war, mir das Buch ein zweites Mal zu kaufen.  Wenige Tage später rief mir ein Radiobeitrag auf BR2 (ab Minute 00:52:00!) diese bibliophile Erzählung erneut ins Gedächtnis: Ich lauschte, als Ausschnitte aus dem ersten Kapitel vorgelesen wurden und war sofort wieder vom Zauber der Worte erfasst. Dann beschloss ich, dass ich das Buch unbedingt wieder aus dem Regal hervorziehen müsste, um es ein drittes Mal zu lesen und anschließend darüber zu bloggen.

Eine Erzählung über die Macht der Bücher

Gelesen ist die kleine Erzählung schnell, nicht einmal hundert Seiten umfasst sie. Außerdem ist die Geschichte kurzweilig und originell und mir gefällt die sanfte Ironie, die zwischen ihren Zeilen schwingt. Vor allem aber ist ihr Thema eines meiner Lieblingsthemen: Es geht um die Liebe zu Büchern. Aber auch um besessene Leser und die Macht, die Bücher über uns Lesende ausüben können.

Um – teils exzessive – Liebe zu Büchern geht es in der Erzählung „Das Papierhaus“

Der argentinische Autor Domínguez lässt seine Geschichte mit der sachlichen Schilderung eines tragikomischen Todesfalls beginnen: Eine britische Universitätsdozentin wird, Gedichte von Emily Dickinson lesend, an einer Straßenecke von einem Auto überfahren. Der Erzähler stellt die These auf: „Bücher verändern das Schicksal von Menschen“ (S.7). Und natürlich ist die Geschichte, die „Das Papierhaus“ erzählt, ein weiterer Beweis für die „Gefahr“ die von Büchern ausgehen kann. Der Erzähler, ein Kollege der verstorbenen Uni-Dozentin, erhält eines Tages ein Päckchen, das eigentlich für sie bestimmt war. Darin findet er ein Buch – aber was für eines: Vollkommen verschmutzt und mit einer krümeligen Kruste auf dem Umschlag, die sich als Mörtel entpuppt.

Reise an den Río de la Plata

Neugierig geworden beschließt der Erzähler, das seltsame Buch dem Absender, einem gewissen Carlos Brauer aus Uruguay, zurückzubringen. Dazu reist er an den Río de la Plata, in die Hauptstädte Argentiniens und Uruguays. Als ich „Das Papierhaus“ das erste Mal las, hatten die beschriebenen Orte einen fremdartigen und reizvollen Klang für mich, aber ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen; es entstand bei der Lektüre kein deutliches Bild vor meinem geistigen Auge.

Hafen-Buenos-Aires

Braunes Gewässer: Der Río de la Plata bei Buenos Aires

Domínguez‘ Schilderungen von Buenos Aires und Montevideo sind in der Tat sehr knapp gehalten, er geht nicht allzu detailliert auf diese Städte ein. Viel mehr interessiert ihn (wie seinen Erzähler) die Geschichte um Carlos Brauer und die mannigfachen Formen der Bücherliebe seiner Figuren. Doch die wenigen Ortsbeschreibungen sind dafür umso prägnanter, wie ich nun, bei meiner dritten Lektüre, unweigerlich feststellte. Die Essenz der Städte, ihre so verschiedenen Charaktere, hält Domínguez darin sehr treffend fest. Zugleich vermutet man die Ansichten des Autors selbst hinter den Worten des Erzählers – denn wie dieser zieht der gebürtige Porteño (so heißen die Einwohner von Buenos Aires) Carlos María Domínguez seiner quirligen Heimatstadt das kleinere Montevideo vor: Er „lebt heute in Montevideo“, wie die Autoreninformation im Buch knapp informiert.

Bücherkrieg in Buenos Aires

Aber zurück zum „Papierhaus“ und seinem Protagonisten: Dieser fliegt zunächst nach Buenos Aires, um dort seine Mutter und seine schriftstellernden Freunde zu besuchen. Doch die alte Heimatstadt enttäuscht ihn, er fühlt sich in ihr nicht mehr wohl, jetzt, da alles „verglaster und moderner“ wirkt und es scheint, „als ob das Verkehrsgewirr, die Lichter und die Fernseher in den Cafés aus der Ermattung der Einwohner Kraft schöpften“ (S. 21). Auch der „Krieg“, der in der Stadt um Bücher und schriftstellerischen Erfolg geführt wird, widert ihn an.

 Beschaulichkeit in Montevideo

Nach diesem kurzen, ernüchternden Zwischenstopp geht er an Bord eines Schiffes, das ihn nach Montevideo bringt, auf die andere Seite des „braun[en] und ruhig[en]“ (S.22) Flusses (d.h. des Río de la Plata). Die Hauptstadt Uruguays wirkt „unaufdringlich“ auf ihn und er lässt sich von dieser Stadt verzaubern, die wirkt, „als wäre die Zeit hier in einer längst vergangenen Epoche stehengeblieben“ (S. 32).

Tatsächlich empfand ich Montevideo, als ich es vor zwei Jahren besuchte, ähnlich wie der Erzähler als ruhig, unaufdringlich und charmant. Wie er kam ich von Buenos Aires her über den Río de la Plata, allerdings mit einem Zwischenaufenthalt im malerischen Städtchen Colonia de Sacramento. Montevideo wird von Argentiniern wie Uruguayos gleichermaßen mit Buenos Aires verglichen – es ist für beide gleichsam eine kleinere Ausgabe der argentinischen Hauptstadt. Während die einen das mit leicht abfälligem bis mitleidigem Ton äußern, ist für die anderen die Überschaubarkeit und Beschaulichkeit Montevideos ein großer Vorzug. Tatsächlich empfand auch ich die Abwechslung vom Lärm, Verkehrschaos und Trubel von Buenos Aires als sehr angenehm.

Das Geheimnis von Carlos Brauer

In „Das Papierhaus“ lässt Domínguez seinen Erzähler hier auf einen Antiquar treffen, der ihm mehr über den bücherbesessenen Carlos Brauer erzählen kann und der auch das Geheimnis um das zementverklebte Buch lüftet.

[Achtung: Wer sich beim Lesen überraschen lassen will, sollte den folgenden Absatz überspringen!!]

Der Titel lässt es ja schon ahnen, was kommen muss: Brauer – der „Mann, der sich dem Reisen durch Bücher widmete“ (S.59) – häufte so viele Bücher an, dass sein Haus beinahe davon überquoll. Er war ein besessener Leser, der sein Leben ganz der Anschaffung und dem Verschlingen von Büchern weihte. Als eines Tages ein Brand seine komplette Kartei und damit die Ordnung seiner immensen Bibliothek zerstört, findet er sich in seinem Labyrinth aus Büchern mit einem Mal nicht mehr zurecht. Das verkraftet er nicht; sein Lebenswerk, ja sein Lebensinhalt ist ihm entglitten. Kurzerhand lässt Brauer seine gesamte Bibliothek auf Laster laden, kehrt Montevideo den Rücken und zieht in ein ärmliches Fischernest, wo er sich am Strand eine Hütte bauen lässt: Ein Maurer rührt Zement an und beginnt auf Brauers Geheiß die Mauern aufzuschichten – doch statt Ziegelsteinen verwendet er dessen heißgeliebte Bücher. So entsteht ein „Papierhaus“…

 Fazit

„Das Papierhaus“ ist ein kleines, feines Buch über Bücher und Bücherliebhaber. Dass ich es nun schon zum dritten Mal mit Genuss gelesen habe, liegt sicher auch an der schönen Gestaltung meiner Ausgabe vom Eichborn-Verlag (2004): Der dunkle, gemaserte Hardcover-Einband wirkt fast wie ein Stück Holz; eine ausklappbare, transparente Karte markiert wichtige Stationen der Geschichte (Cambridge, Buenos Aires, Montevideo, die Lagune von La Rocha); der Text ist auf starkes, weißes Papier gedruckt und lässt großzügige Ränder, die man gegebenenfalls wie der Lesefanatiker Brauer mit Notizen vollkritzeln könnte.

Dass ich mir die neue Insel-Ausgabe des „Papierhauses“ neulich doch nicht kaufte − weil ich das Buch ja schließlich schon besitze und bereits mehrfach gelesen habe −, beweist mir, dass bei mir noch alles in Ordnung ist: Zwar trenne ich mich wie Carlos Brauer auch ungern von meinen Büchern und freue mich über jeden Neuzugang in meiner bescheidenen „Bibliothek“. Aber ich werde wohl nicht in einem Haus aus Papier enden, in dem Bücher als Ziegelsteine dienen müssen. Lieber schlage ich meine Bücher wieder auf, blättere darin, lese sie erneut oder betrachte zufrieden die bunte Reihe ihrer Rücken im Regal.

 

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