Pablo De Santis‘ fantastische Kriminalromane „Die Übersetzung“ und „Die Fakultät“

Pablo de Santis ist mein neuer Lieblingsautor! Der Argentinier schreibt Kriminalromane mit Witz und Spannung. Die beiden Bücher, um die es hier gehen soll, entführen uns an die argentinische Atlantikküste und in ein verfallenes Universitätsgebäude in Buenos Aires.

Bücher-Pablo-de-Santis

Die Kriminalromane des Argentiniers de Santis sind amüsant, intelligent und voller rätselhafter Vorgänge. Sprache und Literatur spielen in beiden Fällen eine zentrale Rolle. Poe und Borges hätten bestimmt ihre Freude daran gehabt.

Diesen Beitrag über zwei Krimis des Argentiniers Pablo de Santis beginne ich am besten, indem ich Juan Manuel de Prada zitiere, der Borges zitiert, der Poe zitiert.
In de Pradas Rezension „Das Glück der Lektüre“ (dem Roman Die Übersetzung beigefügt) heißt es:

„Poe wollte nicht, dass das Krimigenre ein realistisches Genre sei, er wollte, dass es ein intellektuelles Genre sei, ein fantastisches, wenn Sie wollen, aber ein fantastisches der Intelligenz“, so schrieb Borges […]. Eine ähnliche Intention könnte man Pablo de Santis zuschreiben.

Somit ist eigentlich das Wesentliche gesagt: Die zwei Kriminal-Romane Die Übersetzung und Die Fakultät des Argentiniers Pablo de Santis (geb. 1963 in Buenos Aires – wie jeder Argentinier, der etwas auf sich hält) beginnen zwar durchaus realistisch, doch die Kriminalfälle, die sich im Verlaufe der Handlung entspinnen, sind eindeutig dem magisch-fantastischen Genre zuzuordnen. Borges hätten beide Bücher wohl gefallen. Sie sind intelligent geschrieben, es geht um die Mysterien von Sprache(n) und Literatur. In Die Übersetzung muss Sprache selbst gar als Mordwaffe herhalten. Doch trotz eines gewissen intellektuellen Anspruchs sind beide Romane unterhaltsam geschrieben und flüssig zu lesen.

Die Erzähler beider Geschichten sind einzelgängerische Typen, die unwillentlich in mysteriöse Vorfälle verstrickt werden.

Die Übersetzung (1998)

Die-Übersetzung-gespiegelter-TitelDer Übersetzer Manuel de Blast, Ende Dreißig und verheiratet, reist zu einem Übersetzer-Kongress irgendwo an der argentinischen Küste, im Hafenörtchen Puerto Esfinge (zu deutsch: Hafen der Sphinx). Das nur halb fertiggestellte, verfallene Hotel und seine melancholische Umgebung bilden genau den richtigen Hintergrund für die Geschichte um tote Sprachen und tote Übersetzer. Zunächst tauchen am unwirtlichen Strand von Puerto Esfinge die Kadaver von Seelöwen auf. Dann kommt es auch unter den Gästen des Hotels zu rätselhaften Todesfällen…

Der kleine Roman verfügt über ein reichhaltiges Figurenrepertoire: den esoterisch-abgehobenen Sprachforscher Valner, der an die Sprache der Engel glaubt; den stoischen, kettenrauchenden Kommissar des Örtchens; der unglückselige Organisator Kuhn, dessen Kongress dank der tragischen Vorkommnisse zum Scheitern verurteilt ist. Zudem treten Manuels Jugendliebe Ana auf sowie Naum, sein alter, schneidiger Rivale, der ihm Ana einst abspenstig gemacht hat und in der akademischen Welt Erfolge feiert. Jede einzelne dieser Gestalten stellt „eine virtuose Miniatur“ dar, wie der Rezensent de Prada ganz richtig schreibt.

Mein Fazit: Gerade die bunten Charaktere, ihre psychologischen Verstrickungen und die Ironie, die zwischen den Zeilen schwingt, machen diesen Krimi der anderen Art zu einem echten Lesevergnügen.

Der Ort des Geschehens: Irgendwo an der argentinischen Atlantikküste

Das Meer und der Strand beim fiktiven Küstenort Puerto Esfinge bilden die Kulisse zu dem Übersetzer-Drama. Manuel reist aus Buenos Aires an. Im Gegensatz zur quirligen argentinischen Hauptstadt wirkt das Leben in dem abgelegenen Dorf unglaublich eintönig und grau. Die deutsche Entsprechung seines Namens lautet „Hafen der Sphinx“ – dieser sprechende Name nimmt die Rätsel und unheimlichen Ereignisse der Geschichte bereits vorweg.

Meeresbrandung

An der windumtosten Küste steht einsam das Hotel, in dem der Kongress stattfinden soll. Es ist nur halb fertiggestellt und wird vermutlich nie Touristen empfangen. Seine drei Kongresssäle mit protzigen Namen wie „Imperium“ zeugen von der maßlosen Fehleinschätzung und dem Größenwahn seiner Erbauer. Selbst der Übersetzerkongress kann dort nicht erfolgreich durchgeführt werden – Todesfälle mehrer Kongressteilnehmer verhindern den reibungslosen Ablauf, den sich der Organisator Kuhn so sehr wünscht.

Die Tristesse des verfallenen Hotelgebäudes setzt sich am Strand mit seinen angespülten Algen und toten Seehunden fort. Spaziergänge sind an diesem Strand kein Vergnügen, auch der alte Leuchtturm ist längst verlassen und verfallen.

Trotz all der Melancholie, die diesem Handlungsort innewohnt, geht von Puerto Esfinge ein gewisser Charme aus. Ein morbider Charme ist es, der perfekt den Gemütszustand des Protagonisten und die tödlichen Geheimnisse seiner Kollegen wiederspiegelt.

Die Fakultät (1998)

Titel-Die-Fakultät-de-SantisNoch besser als Die Übersetzung gefiel mit de Santis Roman Die Fakultät. Darin tritt der dreißigjährige Esteban Miró, der soeben „ein wenig spät“ (S.11) sein Studium beendet hat, eine Stelle als Bibliothekar in der philosophisch-literaturwissenschaftlichen Fakultät der Universität von Buenos Aires an. Eher unwillig beginnt er sein Arbeitsleben, denn seine Arbeitsscheu hatte ihn bisher dazu verleitet, dass er „den Zeitpunkt, an dem [er] dem so genannten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen würde, möglichst lange hinauszögerte“ (S.12). Dank des Einflusses seiner Mutter, einer ehemaligen Dozentin, wird er von Professor Conde am Institut für Nationale Literatur angestellt. Zunächst ist seine Arbeit in der Bibliothek des Instituts eintönig; Esteban hat nicht recht viel mehr zu tun, als ab und zu Bücher für Studenten herauszusuchen oder sich die Zeit mit der Recherche für seine Doktorarbeit zu vertreiben. Doch dann wird er zum ersten Mal mit dem Namen Homero Brocca konfrontiert:

Ein großer Schriftsteller. Ein echtes Genie. […] Auf der ganzen Welt gibt es nur drei Wissenschaftler, die über sein Werk forschen. (S. 15)

Einer dieser Wissenschaftler ist Estebans Chef Conde, der sich rühmt, als einziger Broccas Werke gelesen zu haben, bevor sie verloren gingen. Denn Homero Brocca ist ein Phantom – niemand weiß so recht, wer er wirklich war, ob er tatsächlich gelebt hat. Sein Werk ist angeblich verschollen, bis auf eine Geschichte, von der unzählige Versionen existieren. Ohne es zu wollen, wird Esteban in die Rivalität der Brocca-Forscher gezogen und gerät bald in ein mörderisches Komplott.

Mein Fazit: Ein ungewöhnlicher und spannender Kriminalfall, der den literaturwissenschaftlichen Betrieb und Forscherehrgeiz aufs Korn nimmt. Die Charaktere des kleinen Romans sind ebenso schattierungsreich gestaltet wie die der Übersetzung. Hier gefiel mir besonders die Figur der Selva Granados, eine der drei Brocca-Forscher und tragikomische Verfasserin depressiver Gedichte.

Der Ort des Geschehens: Die literaturwissenschaftliche Fakultät

Ein heruntergekommenes Fakultätsgebäude bildet das Setting der mörderischen Jagd nach dem Werk des Phantoms Brocca. Ich musste dabei immer an philosophisch-literaturwissenschaftliche Fakultät der Universidad de Buenos Aires denken, an der ich 2012 ein Semester lang studiert habe. Viele der Beschreibungen in de Santis‘ Geschichte erinnerten mich – trotz aller Übertreibung – stark an dieses unübersichtliche, zugige Gebäude. Ich sah bei der Beschreibung von Estebans Arbeitsplatz die kleine, düstere Bibliothek vor mir, die sich im Keller der Fakultät befand und in deren ungemütlichen „Lesesaal“ ich mich nie freiwillig gesetzt hätte.

Außenansicht-Fakultät-Puan

Das Eingangsportal der literaturwissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Buenos Aires befindet sich an der Straße Puan im Stadtteil Caballito. (Allerdings handelt es sich dabei nicht um das Gebäude, das de Santis beschreibt)

Das Hauptgebäude, das man von der Straße Puán her durch ein breites Tor betrat, umfasste vier Stockwerke wie die von de Santis‘ beschriebene Fakultät. Die zahlreichen abzweigenden Flure und Treppenaufgänge mit ihren plakatbehängten Wänden verwirrten uns Austauschstudenten anfangs sehr; wie ein Labyrinth kam mir der Bau vor. Im August und September, in Argentinien vergleichsweise kalte Monate froren wir erbärmlich in unseren Vorlesungen und Seminaren. Luxus wie eine Heizung brauchten wir nicht zu erwarten. Am schlimmsten war, dass sich die Fenster oft kaum schließen ließen und stets kalte Zugluft in die Seminarräume drang. Durch offene Türen und Fenster flatterten gelegentlich Tauben in die Hörsäle, die wie das ganze restliche Gebäude mit Plakaten zutapeziert waren.

Bei de Santis ist das fiktive Fakultätsgebäude im Begriff zu verfallen – die Wände bröckeln, in den Büros kommt die Decke herab. Hilflos müssen Esteban und die anderen Universitätsangestellten dem Verfall zusehen. Vielleicht ein Seitenhieb des Autors auf die prekäre Lage der Universität von Buenos Aires und ihrer Räumlichkeiten?

Jedenfalls bildet die literaturwissenschaftliche Fakultät einen effektvollen Hintergrund für die Entwicklungen des Kriminalromans: Im geheimnisumwobenen vierten Stock vermodern Unmengen Papiers – Bücher, Akten, Schriftstücke. Unter Lebensgefahr suchen Esteban und die Brocca-Anhänger dort nach dessen Werken. Nächtliche Exkursionen in den vierten Stock enden in Katastrophen. Umstürzende Papierstapel und Aufzugsschächte werden zu mörderischen Gefahren. Und ganz oben im Gebäude hat der verschrobene Nachtwächter sein Zuhause, dem Esteban mehrmals begegnet und der den Schlüssel zu all den rätselhaften Ereignissen in Händen hält…

Ich hoffe, ich konnte euch den Autor Pablo de Santis beziehungsweise seine zwei lesenswerten Kriminalromane ein wenig schmackhaft machen!

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