Mit Robert Seethalers Trafikanten ins Salzkammergut und nach Wien

Als erstes meiner Weihnachtsbücher habe ich kürzlich Robert Seethalers Roman Der Trafikant gelesen. Er verbindet zwei besonders schöne Orte in Österreich: die lebendige, charmante Hauptstadt Wien und den Attersee im Salzkammergut.

Seethaler-Trafikant

Ein Protagonist vom Attersee wird Trafikant in Wien

Der Protagonist Franz Huchel stammt vom Attersee. Er hat dort seine vaterlose Kindheit verbracht, seine Mutter ist die einzige Bezugsperson. Mit seinen siebzehn Jahren hat Franz „noch ganz zarte Hände“: „Zart und weiß und weich, wie von einem Mädchen“. Da wird der Mutter klar, dass ihr Bub nicht im Salzkammergut bleiben kann. Weder die Arbeit im Bergwerk noch als Holzfäller ist für Franz geeignet. Und so schickt sie ihn im Sommer 1937 kurzerhand nach Wien, wo er eine Lehre beim Trafikanten Otto Trsnjek beginnen soll.

Das Salzkammergut, eine Landschaft für die Seele

Auch wenn er sich in Wien mit der Zeit einlebt, wird Franz die alte Heimat, den See, die Wälder und vor allem die Mutter vermissen. Seethalers Beschreibungen der landschaftlichen Schönheiten des Salzkammerguts riefen in mir Erinnerungen an diese „Seelenlandschaft“ wach. Einen meiner allerersten Posts habe ich ja dieser österreichischen Gegend gewidmet sowie dem sehr lesenswerten Buch Nachsommertraum im Salzkammergut. Eine literarische Spurensuche von Dietmar Grieser über die Künstler und Denker, die es dorthin zog.

Vergangenes Frühjahr verbrachte ich ein paar Tage im Salzkammergut, dieser Seen- und Seelenlandschaft. An den Attersee kam ich leider nicht, weshalb ich bei der Lektüre des Trafikanten eher eine Mischung aus Altausseer See, Hallstättersee und Wolfangsee vor meinem inneren Auge hatte. Schön ist der Attersee bestimmt, als Ferienziel ist er bis heute beliebt und schon Gustav Mahler hat sich dort in seinem Komponierhäusl zu bedeutenden musikalischen Werken inspirieren lassen.

Wien: Trafikantenleben und erste Liebe in der Großstadt

Aus Wien schreibt Franz seiner Mutter regelmäßig Postkarten: mal mit „frühlingshaft erblühtem Stadtpark und fliedergeschmückten Fiaker im Vordergrund“, mal mit dem Stephansdom, mal mit dem Schönbrunner Schlosspark. Und sie schickt ihm immer Karten vom Attersee, die ihn an die Heimat erinnern.

In Wien geht es bald rund für Franz. Im neunten Wiener Bezirk, in der Währingerstraße bei der Votivkirche, ist die Trafik von Otto Trsnjek angesiedelt. Hier lernt er einen bedeutenden Zeitgenossen kennen: Sigmund Freud, der unweit in der berühmten Berggasse 19 wohnt. Mit ihm freundet Franz sich an und Freud ist es, der sich seinen Liebeskummer wegen der Böhmin Anezka anhören muss. Diese hat Franz auf dem Prater kennengelernt, zwischen Schießstand und Riesenrad. Und ihr folgt er in ärmliche Gassen und schäbige Nachtclubs. Es ist das Wien der einfachen Leute, durch das Franz sich bewegt. Schließlich ist er selbst ein einfacher Bub vom Land, der den Attersee immer im Herzen mit sich trägt und sich ganz naiv als „Franz Huchel, komme ursprünglich aus dem Salzkammergut“ vorstellt.

Das politische Klima vergiftet bald die Atmosphäre in der Stadt, das bekommen nicht nur der Jude Sigmund Freud, sondern auch der Trafikant Trsnjek sowie sein Lehrling zu spüren. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 spitzt sich die Lage immer weiter zu…

Mein Lektüreeindruck

TrafikantTrotz der vielen positiven Rezensionen über den Trafikanten war ich zunächst unschlüssig, was ich davon halten sollte. Dabei fand ich ihn durchaus spannend und unterhaltsam, Seethalers Beschreibungen von Franz‘ Innenleben, der Menschen und Orte fand ich treffend. Aber die Freundschaft mit Freud schien mir zu konstruiert, vor allem die Tatsache, dass Franz sich regelmäßig beim weltberühmten Professor Freud über seinen Liebeskummer ausheult, fand ich ziemlich platt.

Doch dann, wohl etwa nach der der Hälfte meiner Lektüre, fand ich doch Gefallen am Trafikanten. Vielleicht, weil dann statt der Liebesleiden eines Heranwachsenden (von denen man in so vielen Büchern schon gelesen hat) die politische Lage in den Vordergrund rückte sowie der Stimmungswandel unter den Wienern.

Der Trafikant ist vielleicht nicht mein Lieblingsbuch geworden, aber die Bilder vom Wien der späten Dreißigerjahre und der Charaktere stehen mir auch noch zwei Wochen später plastisch vor Augen.

Das Ende des Romans fand ich äußerst gelungen. Auf den letzten Seiten hatte ich mich dauernd gefragt, wie es Franz wohl ergehen wird: im Dritten Reich, im Krieg… Der Schluss, den Seethaler gewählt hat, fand ich sehr passend, anders könnte Franz‘ Geschichte nicht enden. Besonders der letzte Satz und das Bild, das er beschreibt, gefielen mir sehr, es ist ein sehr gelungener Abschlusssatz für dieses Buch.

Als ich bei diesem letzten Satz angekommen war, spürte ich Wehmut, dass ich die Welt des Romans nun plötzlich verlassen musste, dass ich Franz und die anderen Figuren nun nicht weiter begleiten konnte. Und solch ein Gefühl am Ende einer Lektüre ist wohl das größte Kompliment für ein Buch.

Zum Weiterlesen: Die FAZ-Rezension „Freuds Freund“ von Andreas Platthaus

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