Mascha Kaléko: Berlin in Gedichten

Die Stadt Berlin spiegelt sich in vielen von Mascha Kalékos Gedichten. Berlin war lange Zeit die Heimat der deutsch-jüdischen Dichterin. Es war der Ort, an dem die Dichterin zur Schule ging, zu ihrem Nachnamen kam, ihre große Liebe fand, ihren einzigen Sohn zur Welt brachte und ihre lyrische Laufbahn begann.

Auf meinem Herzen geh ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.

Aus: „Wiedersehen mit Berlin“ (in Gänze findet ihr dieses Gedicht weiter unten)

Gedichte-Mascha-Kaleko

Gedichte über Berlin: „In dieser Stadt mit vier Millionen Seelen…“

Das Großstadtleben – vor allem das Leiden und Lieben der Großstädter – spielt in vielen von Kalékos Gedichten eine zentrale Rolle. Der Park, die Büros, die Straßen, der Verkehr, die Cafés… sie alle bilden den Hintergrund für ihre heiter-melancholischen (Liebes-)Gedichte: Hier kommt es zu ersten Begegnungen und vielsagenden Blicken, zu Liebeleien oder Schlussmachakten.

In „Begegnung im Park“ schildert sie in wenigen Versen die Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe, indem sie den Leser Anteil haben lässt an den Gedanken eines alten Mannes, dem beim Spazierengehen im Park ein Liebespaar begegnet.

Um das vergebliche Warten einer Frau auf ihren Liebsten geht es in „Auf einen Café-Tisch gekritzelt…“.

Mascha Kaleko: Biographie und Werk

Mascha Kalékos Leben in Berlin

1907 wurde Kaléko als Golda Malka Aufen, Tochter jüdisch-russisch-österreichischer Eltern im westgalizischen Chrzanów (damals Teil der k. und k. Monarchie, heute Polen) geboren. Aus Furcht vor Pogromen zog die Familie sieben Jahre später nach Deutschland, erst nach Frankfurt, 1918 dann nach Berlin.

Die zwei Ehen der Mascha Kaléko

In Berlin verbrachte Mascha ihre Schulzeit, machte eine Bürolehre, bildete sich mit Abendkursen weiter und lernte ihren ersten Mann Saul Kaléko kennen, den sie 1928 heiratete.

Zehn Jahre später wurde die Ehe der Kalékos geschieden. Mascha hatte sich inzwischen in einen anderen verliebt, in den Dirigenten Chemjo Vinaver. Ihr gemeinsamer Sohn kam 1936 zur Welt. Kaum wurde ihre Ehe mit Saul Kaléko 1938 geschieden, heiratete Mascha ihre große Liebe und den Vater ihres Sohnes.
(Die (Liebes-)Briefe des Paars hat übrigens dtv aktuell herausgebracht.)

Ich weiß nicht, wann das Gedicht „Signal“ entstanden ist. Möglicherweise aber beschreibt es Maschas innerliche Zerrissenheit zu der Zeit, als sie sich in Chemjo verliebte und ihre erste Ehe sich dem Ende näherte. Bei literaturcafe.de könnt ihr euch die Vertonung von „Signal“ anhören: einfach ganz runter scrollen!

Mauersitzer-Berlin-Spreeufer

Mauersitzer an der Spree, Berlin

Die Dichterin Mascha Kaléko

Im Romanischen Café in Berlin kam die junge Frau Ende der 1920er Jahre mit Künstlern und Schriftstellern wie Else Lasker-Schüler, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz und Erich Kästner in Kontakt. Der „Freunde vom Romanischen Café“ gedenkt sie später in ihrem Gedicht „Wiedersehen mit Berlin“.

1929 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband, 1933 folgte Das lyrische Stenogrammheft. Verse vom Alltag.

Emigration und Wiederkehr nach Berlin

1938 verließen Mascha, ihr Mann Chemjo und der gemeinsame Sohn Deutschland. Die Familie emigrierte in die USA und nahm schließlich die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Nach Berlin kehrte die Dichterin nur besuchsweise zurück. Zur Heimat wurde es ihr nach Ende des Dritten („tausendjährigen“) Reichs nicht mehr. Ihr Gedicht „Wiedersehen mit Berlin“ zeugt von ihren Eindrücken bei ihrer „erste[n] Deutschlandreise, / Seit man vor tausend Jahren [sie] verbannt“:

Wiedersehen mit Berlin

Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise,
Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel blaut. Die Föhren lauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schloßpark an. Die hatte mich erkannt.

Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!
Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.
Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,
Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,
Komm ich beglückt, nach alter Tradition,
Ganz so wie damals mit besagten Spatzen
Mein Tagespensum durchzuschwatzen.

Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
— Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!

Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: »Ick bejrüße Ihnen!«,
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen …
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?

Auf meinem Herzen geh ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus …

Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut »Pompejis« Steine zu mir reden!

Wir schluckten beide unsre Medizin,
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin!

Quelle: „Wiedersehen mit Berlin“. Mascha Kaléko: Die paar leuchtenden Jahre. © 2003 dtv Verlagsgesellschaft, München.

Späte Jahre

1960 wanderten Mascha und Chemjo nach Jerusalem aus, wo Mascha sich aber nie heimisch fühlen sollte.

Zwei schwere Schicksalsschläge erlebte Mascha Kaléko in ihren letzten Lebensjahren: 1968 starb ihr Sohn mit nur einunddreißig Jahren. Fünf Jahre später ihr Mann. Ihren Schmerz über den Verlust der beiden Menschen, die sie am meisten liebte, verarbeitete sie in zahlreichen Gedichten. Sie selbst erkrankte an Magenkrebs.

Vierzehn Monate nach ihrem Mann Chemjo starb Mascha Kaléko 1975 in Zürich.

Mascha Kaléko und ich

Auf die Gedichte von Mascha Kaléko (1907-1975) wurde ich zum ersten Mal vor etwa sieben Jahren aufmerksam: Ich entdeckte einen schmalen Band ihrer Liebesgedichte in der Buchhandlung des Jüdischen Museums München. Bis heute lese ich immer wieder gern darin. Kalékos Gedichte sind so schön heiter und traurig zugleich, voller Melancholie und Lebensfreude, Ernsthaftigkeit und Schabernack. Vieles trifft sie auf den Punkt, gerade für die zwischenmenschlichen Töne hat sie ein feines Gespür.

Im Gedicht „Großstadtliebe“ beschreibt Mascha Kaléko das Werden und Vergehen großstädtischer Liebschaften. Bei Kaléko macht der Großstädter per Reichspost Schluss. Heute tritt wohl eher eine WhatsApp-Nachricht an die Stelle der Reichspost und verkündet schnöde das „Aus“…

Ihre alte Heimat Berlin hat der Dichterin übrigens ein (kleines) Denkmal gesetzt: In Berlin-Kladow wurde der Mascha-Kaléko-Weg nach ihr benannt.

Für mehr biographische Informationen und Gedichte klickt einfach hier.

Und im Literaturcafé gibt es noch mehr von Mascha Kalékos Gedichte zum Anhören – hört doch mal rein!

Die Werke von Mascha Kaléko findet ihr beim dtv-Verlag.

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2 Gedanken zu “Mascha Kaléko: Berlin in Gedichten

    • „Das Ende vom Lied“ finde ich auch sehr toll. 🙂 Aber „Einmal sollte man“ kannte ich noch gar nicht – danke für den Tipp 😉

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