Spaziergänge durch Buenos Aires

Zwei Wochen habe ich im Februar in Buenos Aires verbracht, auf Besuch bei Freunden. Ich habe meine Rückkehr in die lebhafte argentinische Hauptstadt sehr genossen. Hier möchte ich euch ein paar Eindrücke meiner Stadtspaziergänge in den Vierteln San Telmo und Palermo zeigen.

San Telmo

Ich liebe San Telmo. Während meines Austauschsemesters 2012 lebte ich in diesem Teil von Buenos Aires. Den berühmten Sonntagsmarkt in der calle Defensa, die traditionellen Bars (etwa das „Británico“) und die kleinen Buchhandlungen lernte ich damals gut kennen.

San Telmo ist eines der ältesten Stadtviertel von Buenos Aires. Hier lebten zunächst wohlhabende Kaufleute und Großbürger mit ihren Familien, wovon noch viele elegante Haussfassaden zeugen. Als die verheerende Gelbfieber-Epidemie im Jahr 1871 die Reichen in die nördlicheren Stadtteile trieb, bezogen Einwanderer, Arbeiter und Fischer die leerstehenden Familienresidenzen.

Heute kann man die Pasaje Defensa (in der Straße Defensa) besichtigen: Dieses alte Haus, dessen Räume sich um zwei Innenhöfe reihen, wurde von der Familie Ezeiza (nach der auch der Flughafen von Buenos Aires benannt ist) erbaut. Ende des 19. Jahrhunderts wurde daraus ein „conventillo“, wie die Massenquartiere der armen Leute genannt wurden. Ich finde es schwer, mir vorzustellen, dass bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ganze Familien in diesen kleinen, düsteren Räumen hausten.

Ein Bummel durch San Telmo macht Spaß und lässt das alte Buenos Aires wieder auferstehen. Die engen Straßen sind mit Kopfstein gepflastert, die Häuser sind niedrig, Wolkenkratzer wie im Zentrum gibt es hier nicht. Alte Häuser, moderne Graffitis, Antiquitätenläden und Ramschgeschäfte, Designerboutiquen, zahllose Bars und Cafes laden zum Schauen und Verweilen ein.

Wochentags ist die Plaza Dorrego, das Herz des Viertels, beinahe so ruhig und beschaulich wie ein Dorfplatz. Hier lässt sich gemütlich ein cafe con leche trinken. Tango-Paare zeigen den Touristen abends ihr Können.

Die alte Markthalle des Mercado de San Telmo besuche ich besonders gern: An den Marktständen gibt es z.B. tolles, frisches Obst und Gemüse in bester Qualität zu kaufen. In kleinen Ladengeschäften findet man allerhand Krimskram und Kuriositäten, wie vergilbte Postkarten aus aller Welt, Notenblätter alter Tangos, antqiuarische Bücher usw.

 Palermo

Palermo gehört mit Recoleta zu den schicken Nordvierteln der argentinischen Hauptstadt. Heute reihen sich in den baumbestandenen Straßen Designer-Geschäfte und Modeboutiqen aneinander, zahllose Cafés und Restaurants stellen ihre Bestuhlung auf den Gehwegen und rund um die Straßenkreuzungen auf.

In den Straßen zwischen der Plazuela Cortázar (benannt nach dem argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar) und der Plaza Italia gibt es viel zu Entdecken. Mein willkürlicher Bummel führte mich kreuz und quer über die Straßen Serrano, Borges und Costa Rica und durch unscheinbare Verbindungsgassen dazwischen, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann. Besonders faszinierten mich die bunten Graffitis an Wänden und sogar auf dem Asphalt der mancher schmaler Seitengassen.

Einst war Palermo die Heimat des berühmtesten Schriftstellers von Argentinien: Jorge Luis Borges. Er wuchs hier sehr behütet in einem Haus mit Garten auf – während draußen das Gesetz des Messers galt. Vor gut hundert Jahren war das Viertel noch ein ländlich wirkender Vorort von Buenos Aires, an der Grenze von Stadt und Pampa, in dem es mitunter recht rau zugehen konnte. In alten Tangotexten und Romanen kann man einen Eindruck von den damaligen Zuständen bekommen.

Der Dichter Evaristo Carriego beispielsweise hat das alte Palermo meisterhaft porträtiert. Er beschreibt in seinen Gedichten das Leben der einfachen Leute, der Armen, der „gefallenen Mädchen“, den Klatsch und Tratsch in den Hinterhöfen der conventillos wie auch die sozialen Missstände um die Jahrhundertwende. Wie Borges war er ein Sohn des Viertels.

Zum Abschluss ein Gedicht von Borges – ich hab es an einer Hauswand entdeckt, schon etwas in Mitleidenschaft gezogen:

Mythische-Gründung-von-Buenos-AiresFundación mítica de Buenos Aires“ handelt von der „mythischen Gründung von Buenos Aires“: Borges beschreibt darin, wie die Stadt aus jenem „Fluss von Schläfrigkeit und Schlamm“ (gemeint ist der Río de la Plata) entsteht, der die Schiffe der Spanier und später die der Einwanderer aus aller Welt anspült. Auch der Häuserblock aus den Straßen Guatemala, Serrano, Paraguay und Gurruchaga, in dem das Haus seiner Kindeheit stand, findet Erwähnung.

Gegenüber von Borges‘ Elternhaus befindet sich übrigens „El Preferido de Palermo“, ein alter Kramladen („almacen„), der bis heute seinen Charme von einst bewahrt hat und auch als urige Bar beliebt ist.

Zwei Viertel voller Charme und Geschichte

In Palermo, genau wie in San Telmo, war meine Kamera fast permanent im Einsatz. An diesen Vierteln kann ich mich nicht sattsehen: Irgendetwas gibt es für mich immer zu entdecken, was mir kurios oder belustigend erscheint: Seien es ungewöhnliche Kunstwerke an Hausfassaden, unaussprechliche Straßennamen, das Muster, das der Schatten der Bäume auf den Asphalt malt, eigenwillige Schaufensterauslagen, ein Hundeausführer mit einem zehnköpfigen Rudel an der Leine (vom Pudel bis zum Labrador)…

Und mit ein paar geschichtlichen Daten und Anekdoten im Kopf, etwa aus den Reisebüchern, die ich vor meiner Reise besprochen habe, ersteht vor dem inneren Auge schnell das Bild des alten Buenos Aires auf: An einem Kirchturm in San Telmo fallen die Einschusslöcher aus Zeiten der englischen Invasionen (1806/7) ins Auge, fast hört man die Ochsenkarren über das Kopfsteinpflaster der calle Defensa poltern. In Palermo denkt man an Borges‘ Kindheit und die finsteren Gestalten mit Narbengesichtern, die sich in den Schänken herumtrieben.

So unterschiedlich diese beiden barrios, Stadtviertel, auch sind, so sind sie doch exemplarisch für Buenos Aires: lebendig, im ständigen Wandel begriffen und doch traditionsbewusst, bunt, laut und voller malerisch Winkel und fotogener Szenerien.

Wer die argentinische Hauptstadt besucht, versäumt etwas, wenn er nicht auch auf Streiftour durch Palermo und San Telmo geht.

Hundeausführer

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