Schreiben beim Reisen

Wenn ich reise, habe ich immer meine Kamera dabei. Schließlich will ich festhalten, was ich sehe und erlebe. Aber nicht alles kann man auf einem Bild erkennbar machen: Gerüche, der Geschmack eines Gerichts, ein bestimmtes Gefühl oder ein besonderes Gespräch. Deshalb mache ich mir auf Reisen gerne Notizen und halte meine Erlebnisse schriftlich fest – in einem Tagebuch oder in einem Notizbuch. Habt ihr schon mal das „fotografische Notieren“ ausprobiert? Wenn ihr nicht wisst, was damit gemeint ist: Lest weiter!

Reisenotizen

Das Reisetagebuch

Während all meiner größeren Reisen und mehrmonatiger Auslandsaufenthalte habe ich Tagebuch geführt. Dazu habe ich ein eigenes „Reisetagebuch“ verwendet, das ich zu diesem Zweck entweder selbst gekauft oder geschenkt bekommen hatte. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hielt ich darin meine Erlebnisse fest: Wo ich unterwegs war, wen ich getroffen hatte, ob ich gerade glücklich oder traurig war. Im Nachhinein finde ich es spannend nachzulesen was ich beim Schreiben eines Eintrags gedacht oder gefühlt hatte. Manche Erinnerungen verblassen mit der Zeit und treten beim Tagebuch-Lesen wieder umso deutlicher hervor.

Tipps für das Tagebuchschreiben auf Reisen:

  • Weniger statt seltener: Schreibt lieber weniger, dafür regelmäßiger! Manchmal reichen ein paar kurze Sätze oder auch nur Stichpunkte, um besondere Reise-Erlebnisse festzuhalten! Und Jahre später freut man sich, wenn man eigene Reisen im Geiste nochmal erleben kann.
  • Kleben statt schreiben: Wenn ihr keine Lust zum Schreiben habt – klebt Eintrittskarten, Muscheln oder getrocknete Blumen in euer Reisetagebuch! Auch so lassen sich Erinnerungen festhalten, oft deutlicher als mit Worten.

Reise-Notizbuch

Auch bei reinen Urlaubsreisen oder Kurztrips stecke ich ein kleines Reise-Notizbuch ins Gepäck. Schließlich gibt es untergwegs immer wieder mal interessante Dinge, die es festzuhalten lohnt: skurille Beobachtungen, besondere Momente, leckere Gerichte, eine interessante Information im Museum…

Tipps fürs Notizenmachen auf Reisen:

  • Immer dabei: Nehmt euch das Notizbuch immer mit – es ist ja klein und ihr könnt es somit leicht einstecken!
  • Nicht zu lange warten: Haltet die Dinge, die euch auffallen und bemerkenswert erscheinen entweder sofort fest oder schreibt sie bei der nächsten Gelegenheit auf: Wenn ihr euch auf eine Parkbank setzt, im Strandcafé eine eisgekühlte Cola trinkt oder Rast am Gipfel macht. Je länger ihr mit dem Aufschreiben wartet, desto stärker verblassen eure Eindrücke.

Reisetagebuch-mit-Postkarte

Zu guter Letzt will ich euch noch eine Schreib-Methode vorstellen, die mich persönlich ganz besonders beeindruckt hat – allerdings ist diese Art des Notizenmachens etwas kniffliger:

Das fotografische Schreiben nach Peter K. Wehrli

In einem Schreibworkshop an der Uni habe ich einmal die Technik des „fotografischen Schreibens“ gelernt: Der Workshop-Leiter erzählte uns vom Schweizer Autor Peter K. Wehrli: Zu Beginn einer Reise mit dem Orientexpress stellte dieser fest, dass er seinen Fotoapperat vergessen hatte – und ärgerte sich natürlich maßlos über seine Vergesslichkeit. All die Eindrücke, all die grandiosen Bilder, die er niemals auf Film festhalten konnte! (Ich würde mich ebenfalls zu Tode ärgern, schließlich kann ich besonders im Urlaub ohne Kamera keinen Schritt machen!!) Wehrli löste das Problem, indem er beschloss, nun einfach jedes Motiv, das er normalerweise fotografieren würde, einfach mal aufzuschreiben – in einem einzigen, prägnanten Satz!

Eine wortgewordene Fotografie. Ein verschriftlichter Augenblick.

Das versuchten wir auch in unserem Schreibworkshop. Gar nicht so leicht, stellte ich fest. Aber doch unglaublich lohnenswert: Denn wenn man intensiv versucht, erlebte Szenen in einem einzigen Satz wiederzugeben, dann schult man seine Beobachtungsgabe und Ausdrucksweise enorm.

Ein paar Beispiele (mit denen ich heute nicht mehr wirklich zufrieden bin) – nur damit ihr mal seht, was ich meine:

Vor der ochsenblutfarbenen Hausfassade der Baum, der seine Äste wie eine Hundertschaft schwarzer Finger gen Himmel streckt.


Die runde Leberkäsesemmel in der Hand des Jungen mit dem Ballongesicht.


Möwen, die über dem morgendlichen Schulhof aufsteigen wie bildgewordene Kinderstimmen.


Überall habe ich damals, an den zwei Workshoptagen und noch eine Weile später, nach bemerkenswerten Szenen und Motiven die Augen offen gehalten und mir Notizen gemacht. Aber gerade die lustigsten oder schönsten Augenblicke konnte ich nur schwer in Worte fassen und für immer festhalten.

Dieses „Festhalten“ von Augenblicken ist allerdings auch (und gerade) mit der Kamera in vielen Fällen nicht möglich. Manche Dinge muss man einfach der Erinnerung anvertrauen, weil das noch die wahrhaftigste Methode ist, sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder abrufen zu können…

Genug herumphilosophiert.

Was haltet ihr vom „fotografischen Notieren“?

Probiert diese Methode doch vielleicht selbst einmal aus! Sobald man in Fahrt kommt, macht es richtig Spaß!

Übrigens: Sein Experiment führte Wehrli die folgenden vier Jahrzehnte weiter und brachte seine sprachlichen „Schnappschüsse“ als Katalog von Allem heraus.

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