Elaine Dundy: „Eine Amerikanerin in Paris“. Ein Roman wie ein Soufflé

Eine unangepasste amerikanische Göre, ihre Lebens- und Liebesleiden und das Paris der 1950er Jahre. Im heutigen Post berichte ich über meine Lektüreeindrücke von Elaine Dundys autobiographisch inspiriertem Roman aus dem Jahr 1958. Und darüber, warum Soufflé manchmal okay ist – aber nicht nicht meine Leibspeise wird.

Eine Amerikanerin in ParisVor ein paar Wochen habe ich Elaine Dundys Roman Eine Amerikanerin in Paris gelesen. Das Buch verstaubte schon seit Jahren im Regal, weil ich nie recht Lust darauf gehabt hatte, es zu lesen. Dabei versprechen die Einleitung von Terry Teachout und das Groucho-Marx-Zitat auf dem Cover eine spritzige, spannende, vergnügte Lektüre:

Ich habe aufgestöhnt, losgeweint und mich totgelacht. (Groucho Marx)

… dieses Buch steckt so voller Charme und Leben und auch einer Art Lebensklugheit… so zart wie ein Soufflé (Terry Teachout)

Na gut, vielleicht sind Soufflés, zumal zwischen Buchdeckeln, nicht so ganz das Meine.

Gemischte Gefühle

Nach den ersten Seiten ging mir das locker-flockige Geplapper der Ich-Erzählerin Sally Jay schon auf die Nerven. Was will die eigentlich? Geht das ewig so weiter?, fragte ich mich mit hochgezogenen Brauen. Den Namen „Sally Jay“ fand ich sowieso recht dämlich. Nur meine Neugier (durch Teachouts feuriges Einleitungs-Plädoyer angefacht) hielt mich am Weiterlesen. Und tatsächlich schaffte ich es, bis Seite 355 durchzuhalten – bis zum letzten Satz also. Und las sogar noch das Nachwort der Autorin mit Neugier und Interesse.

Taubenpaar in Paris

Paris und die Liebe – Elaine Dundys Alter Ego Sally Jay entdeckt im Roman beides für sich.

Worum geht es in Eine Amerikanerin in Paris?

Dundy erzählt in ihrem Unterhaltungsroman von Sally Jay Gorce, einer Göre aus den USA, die mit des reichen Onkels finanzieller Unterstützung zwei Jahre in Paris verbringen und dort mal so richtig ihre Freiheit auskosten darf. Sally hat also nichts zu tun, außer sich den ganzen Tag durch die Straßen treiben zu lassen und von Café zu Café zu schlendern. Ihre Freunde sind Künstlervolk und Intellektuelle (wobei „Bekannte“ wohl der richtigere Ausdruck wäre). Mit ihnen macht sie die Nächte zum Tag, seitenweise geht es um ihre nächtlichen Kneipentouren und Eskapaden.

Natürlich gibt es auch allerhand Männer in Sallys Leben, schließlich ist sie witzig, lebensfroh und attraktiv. Aber mit den Männern gibt es auch eine Menge Ärger – vom indignierten italienischen Ex-Liebhaber bis hin zum jungen Regisseur Ted, auf den sie bereits auf den ersten Seiten ein Auge wirft. Bei einem Sommerurlaub an der Côte d’Azur muss sie schließlich einer unangenehmen Wahrheit über Ted ins Auge sehen…

Am Ende ihres Paris-Aufenthalts ist Sally Jay ernüchtert, Paris und die „Freiheit“ haben einiges von ihrem anfänglichen Glanz eingebüßt und die Heldin hat nun auch eine Menge über sich selbst gelernt. Es scheint, sie ist erwachsen geworden…

Meine Eindrücke und Gedanken nach der Lektüre

Eine Amerikanerin in Paris ist Unterhaltungsroman, Chick-Flick-Literatur und „Coming-of-Age“-Geschichte. Dundy (1921-2008) hat darin ihre eigenen Erfahrungen als junge Schauspielerin in Paris aufbereitet. Und gerade diese Tatsache, die ich beim Lesen stets im Hinterkopf hatte, machte das Buch für mich interessant und authentisch. Ich hatte das Gefühl, durch die Lektüre besser zu begreifen, wie es so war, im Paris zu Zeiten Jean-Paul Sartres und Francoise Sagans.

Mit seiner Veröffentlichung 1958 wurde das Buch übrigens auf Anhieb zum Bestseller. Später geriet es, wie von Terry Teachout in der Einleitung bedauert, in Vergessenheit.

Die Skepsis weicht

Trotz meiner anfänglichen Skepsis wuchs mir das Buch mitsamt seiner quirlig-verrückten Heldin mit der Zeit doch irgendwie ans Herz. Es ist bei weitem kein „Lieblingsbuch“ geworden, ich würde es auch nicht verschenken und in ein paar Jahren habe ich vielleicht sogar vergessen, dass ich es je gelesen habe. Aber trotzdem ist es gut, dass ich es von seinem Regalstaub befreit und es gelesen habe, von Anfang bis Ende. Mit der Zeit kam ich immer mehr „rein“ in die Geschichte, mich interessierte, worauf das Ganze hinauslaufen und was Sally noch so alles passieren würde. Schmunzeln musste ich oft über ihre unangepasste Art und ihren frischen, frechen Erzählstil.

Prüde Amerikanerin? Fehlanzeige!

Ehrlichgesagt, was mich am meisten überraschte, war die Tatsache, dass der Roman sehr offenherzig von Sallys Männergeschichten erzählt. Bei einer einzigen Flamme oder bloßem Händchenhalten bleibt es nicht. Sally ist alles andere als die prüde, behütete Amerikanerin, die ich erwartet hätte. Die Kombination „1950er und USA“ sehe ich immer in den Farben der Hitchcock- oder Doris-Day-Filme vor meinem geistigen Auge: Es gibt die Liebe, es gibt eine gewisse Frivolität – aber beim leidenschaftlichen Kuss des Heldenpaares blendet die Kamera diskret weg. Na gut, wenn Paris im Titel steht, die Stadt der Liebe, dann gelten solche Maßstäbe offenbar nicht. Mir gefiel es jedenfalls, dass mein Bild der 50er und der jungen Amerikanerinnen von damals auf diese Weise gerade gerückt wurde. Sally unterscheidet sich nicht wirklich von heutigen jungen Frauen: sie ist unabhängig, reist, will das Leben und die Welt entdecken, verliebt sich, entliebt sich, probiert aus, welcher Typ Mann am besten zu ihr passt, lernt die Menschen kennen und sich selbst.

Notre Dame in Paris mit Radfahrer und Bus

Mein Fazit

Elaine Dundy hat mit Eine Amerikanerin in Paris ein heiteres Stück Chick-Flick-Literatur geschrieben. Der Roman ist in der Tat oft tiefgründiger, als der fidele Plauderton der Erzählerin glauben lässt.

Terry Teachout hat in seiner Einleitung wohl recht, dass der Roman „so zart wie ein Soufflé“ ist.

Trotzdem – oder gerade deswegen – fehlt dem Buch etwas. Sein Reiz ist flüchtig. So flüchtig, wie der Reiz eines Soufflés, das droht, in sich zusammenzufallen.

Klar, diese Luftigkeit, Fluffigkeit hat einen gewissen Charme. Aber obwohl ich von Sally Jay Gorces Geschichte im Laufe der Lektüre angenehm überrascht wurde, bin ich davon nicht restlos begeistert. Unterhaltsam ist das Buch, es stecken einige guten Pointen darin, es war nett, mit Sally durch Paris zu streifen. Aber letztlich fand ich das Ganze einfach zu oberflächlich, zu leichtfüßig.

Kurz und gut: Dieses Soufflé von einem Roman hat mir zur Abwechslung ganz gut geschmeckt – aber was Handfestes ist mir lieber!

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3 Gedanken zu “Elaine Dundy: „Eine Amerikanerin in Paris“. Ein Roman wie ein Soufflé

  1. Pingback: Lektürenotizen & weitere Neuzugänge | Philea's Blog

    • Ah, dann ging’s also nicht nur mir so 😀 Liebe Grüße und noch viel Spaß beim Fertiglesen, Stefanie

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