Ausstellungstipp: Stefan Zweig im Literaturhaus München

Noch bis zum 28. August 2015 zeigt das Literaturhaus in München eine Ausstellung über Stefan Zweigs „Abschied von Europa“. Ich war am vorigen Wochenende dort – und sehr beeindruckt. Sowohl die Konzeption der Ausstellung wie auch die Fülle an Audio-, Film- und Schriftzeugnissen macht den Besuch nicht nur für Zweig-Fans zu einem Muss: auch die Situation im Österreich der Nazi-Jahre wird mithilfe von Interviews, Fotos und Briefen dargestellt.

Buecher von Stefan Zweig

Was die Ausstellung zeigt

Auf der Webseite des Literaturhauses heißt es über die Ausstellung:

Die Ausstellung zeigt Leben und Werk Stefan Zweigs aus dem Blickwinkel des Exils. Von herausragender Bedeutung sind dabei zwei Texte, die erst in den letzten Jahren des Exils entstanden sind: In seinen Erinnerungen »Die Welt von Gestern« beschwört Zweig das alte Europa; in der »Schachnovelle« gestaltet er hingegen jenes Grauen, das den Untergang Europas besiegelt hat.

Das Wiener Hotel Métropole und die Gestapo

Im Zentrum des Ausstellungsraums steht ein hölzernes Modell des Wiener Hotels „Métropole“. Einst war das prächtige Haus am Morzinplatz eine erste Wiener Adresse, das „jüdische Sacher“, wie es im Volksmund wegen seiner jüdischen Besitzer genannt wurde. Berühmtester Gast war übrigens Mark Twain, der dort Ende des 19. Jahrhunderts während seiner Europareise abstieg.

Vom Luxus-Hotel zur Folterkammer der Nazis

Mit dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland wurde das Hotel kurzerhand enteignet – und die Gestapo bezog dort Quartier. In den folgenden Schreckensjahren wurden im ehemaligen Hotel zahlreiche Regimekritiker oder vermeintliche Staatsfeinde inhaftiert und gefoltert.

Verschiedene Audio-Guide-Stationen gewähren Einblicke in das Treiben der Gestapo: Überlebende Gestapo-Opfer wie Bruno Kreisky kommen in Interviews zu Wort.

Stefan Zweigs literarischer Bezug auf das Hotel Métropole

Das Gestapo-Hauptquartier im Métropole spielt auch in einem der berühmtesten Werke Stefan Zweigs eine wesentliche Rolle: In der Schachnovelle erzählt Dr. B., ein österreichischer Emigrant, von seiner Zeit als Gefangener der Gestapo. Die quälende Haft übersteht er, indem er sich mit einem Schachbuch auseinandersetzt und berühmte Schachpartien auswendig lernt…

Ausschnitte aus der Verfilmung mit Curd Jürgens und Mario Adorf von 1960 illustrieren die Geschichte Dr. B.s. und mit dem Audioguide kann man Ausschnitte aus der Erzählung anhören, gelesen von Christoph Maria Herbst.

Übrigens: Auch in Robert Seethalers Roman Der Trafikant tritt des ehemalige Hotel Métropole in Erscheinung. Meine Lektüre-Eindrücke habe ich bereits in diesem Post geschildert.♣

Zweigs Weg ins Exil

Mit dem Barbarismus des Dritten Reichs und dem Ausbruch eines weiteren Weltkriegs verlosch Zweigs Vision von einem geeinten, friedlichen Europa. Zweig verstand sich mehr als Europäer denn Nationalbürger seines Landes. Der Krieg, der Österreich und Europa so stark erschütterte, erschütterte auch ihn zutiefst.

Als österreichischer Jude, dessen Werke von österreichischen Schulbuben bei den Bücherverbrennungen 1933 voller Verachtung ins Feuer geworfen und nicht mehr vertrieben werden durften, ging Zweig 1934 ins Exil nach London. Drei Jahre päter verkaufte er das Salzburger Haus endgültig und kehrte dem geliebten Europa den Rücken. Nach einer Zeit in den USA übersiedelten Zweig und seine zweite Frau Lotte 1941 nach Brasilien. Unter schweren Depressionen leidend schrieb Stefan Zweig sein letztes großes Werk, die Schachnovelle.

1942 nahmen Stefan und Lotte Zweig sich gemeinsam in Petropolis in Brasilien das Leben.

Das Ausstellungs-Konzept: Originell bis ins Detail

Auch diese Exilerfahrung und die letzten Lebensmonate in Brasilien stellen die Kuratoren dem Besucher eindringlich vor Augen.

»Ausstellungen über Literatur brauchen deutliche Zeichen. Und gestaltete Räume. Manuskripte und Bücher – das wäre mir zu wenig,« so Peter Karlhuber über die aufwendige Inszenierung.

So zitiert der Literaturhaus-Blog den Ausstellungsgestalter Peter Karlhuber. Ich gebe ihm recht – und finde, dass ihm die Raumgestaltung sehr gut gelungen ist:

  • Im Zentrum des Raums befindet sich eine schwarz-weiß-gekachelte Fläche. Auf diesem „Schachbrett“ ragt das Holz-Modell des Wiener Hotels Métropole auf. Tritt man nah an seine Fassade heran, kann die interviewten Überlebenden des Gestapo-Terrors durchs Fenster sehen.
  • Auf der linken Seite des Ausstellungsraumes sind entlang der Wand einfache Holzbänke aufgestellt, an Haken hängen lederne Gestapo-Mäntel. Diese schlichten Requisiten sorgen für ein Schaudern beim Betrachter, denn sie verstärken die Eindrücke, die die Schilderungen der realen und fiktionalen Gestapo-Gefangenen hervorrufen.
  • Die rechte Raumhälfte dagegen enthält Briefwechsel und Schriftzeugnisse aller Art, u.a. einige Stücke aus der Autographen-Sammlung Zweigs. Eine endlose Zahl Umzugskartons stapelt sich hier entlang der Wand, als Kulisse und Untergrund für die Ausstellungstücke.Die Bilder in ihren Rahmen – Fotos von Zweig, das Haus in Salzburg – sind schon abgehängt und scheinen darauf zu warten, für die Reise ins Exil verpackt zu werden.

♣ Linktipp: Der Blog des Literaturhauses München gewährt einen Blick hinter die Kulissen und schildert den Aufbau der Zweig-Ausstellung.♣

Mein Fazit zur Ausstellung:

Ein Muss für Zweig-Fans und historisch Interessierte! Ich finde die Ausstellung sehr sehenswert, besonders wegen der kreativen und tiefgründigen Ausstellungskonzeption.

Besucher-Infos zur Ausstellung im Literaturhaus:

Wenn ihr die Ausstellung auch besuchen wollt, hier ein paar relevante Infos:

  • Die Ausstellung wurde bis zum 28.8.2015 verlängert.
  • Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa/So/Feiertage 10-18 Uhr
  • Eintritt: Euro 5 / 3 €

Und weitere Infos aus dem Literaturhaus München gibt es hier.

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