Wien mit Leo Perutz: „Zwischen neun und neun“

Schauplatz Wien: Ein junger Mann hetzt durch die Stadt, sein Verhalten ist befremdlich, er scheint getrieben – aber von wem oder was? Zwischen neun und neun von Leo Perutz ist ein kurzer Roman, der es in sich hat – unterhaltsam, spritzig, tragikomisch. Für mich war er die perfekte Reiselektüre und ideal, um mich auf Wien einzustimmen.

Straßenbahn in der Währinger Straße Wien

Vor meinem Wien-Kurzurlaub Anfang Juni wollte ich mich unbedingt mit der passenden Lektüre auf die österreichische Hauptstadt einstellen. Die Bücher von Leo Perutz waren mir schon oft im Bücherregal meines Vaters aufgefallen und ich hatte mir seit längerem vorgenommen, mal das eine oder andere zu lesen. Tat ich aber nie – bis eben vor zwei Wochen, als mir Zwischen neun und neun in die Hände fiel.

Darum geht’s in Zwischen neun und neun: Inhaltsangabe

Der Roman (erschienen 1918) handelt vom Studenten Stanislaus Demba, der – aus anfangs unerklärlichen Gründen – einen ganzen Tag lang durch Wien jagt.

Zwischen neun Uhr morgens und neun Uhr abends hat er Begegnungen mit einer Vielzahl an Menschen: Fremden und Bekannten, Professoren, Geschäftsinhaberinnen, Großbürger, Trickbetrüger. Egal wo er auftritt und mit wem er es zu tun hat – im Laden, im Park, im Büro, im Gasthaus – er sorgt für Irritationen. Man hält ihn für kriminell, drogensüchtig oder schlichtweg verrückt. Aber was ihn wirklich treibt und welches Geheimnis er dringend hüten will, ahnt keiner…

Nur seiner guten Freundin Steffi vertraut er sich an. Sie will ihm helfen. Doch alles, was Demba an diesem Tag unternimmt, scheint unweigerlich zum Scheitern verurteilt…

Mehr will ich vom Inhalt des Romans gar nicht verraten, denn alles Weitere wäre schon zuviel und der Überraschungseffekt dahin.

Die Schauplätze der Handlung: Spurensuche in Wien

Was mir besonders gut gefallen hat, war die Tatsache, dass in Perutz‘ Roman die verschiedensten Orte in Wien vorkommen. Und die auftretenden Personen stellen einen anschaulichen Querschnitt der Wiener Gesellschaft gegen Ende der k.u.k.-Zeit dar.

k.u.k. Charme: Fiaker vor der Hofburg

k.u.k. Charme: Fiaker vor der Hofburg

Der Roman gliedert sich in 20 kurze Kapitel, jedes spielt an einem anderen Ort. Einige dieser Orte habe ich in Wien aufgesucht und bin auf Dembas Spuren gewandelt. In den vergangenen hundert Jahren hat sich Wien natürlich stark verändert, die Orte, die Perutz beschrieb, sind längst nicht mehr so wie im Buch.

Hier gebe ich meine Spurensuche wieder – mit Zitaten aus dem Roman und Fotos:

Unterwegs im Alsergrund

Die Romanhandlung setzt am Morgen im neunten Bezirk von Wien, dem Alsergrund, ein. (Auch Der Trafikant von Seethaler und Die Strudlhofstiege von Doderer sind übrigens in diesem Viertel angesiedelt.)

1. Station: Wiesengasse

Die Greißlerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Püchl, trat an diesem Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es war kein schöner Tag. (…) Das richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu vergönnen.   (Kapitel 1)

Wiesengasse heute

So sieht die Wiesengasse heute aus. Eine Greißlerei war weit und breit nicht auszumachen…

2. Station: Liechtensteinpark

Nicht weit von der Wiesengasse liegt der Liechtensteinpark, der zum gleichnamigen Palais gehört und früher wie heute der Bevölkerung offensteht.

Liechtenstein-Palais und Park, Wien

Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von Truxa, und seinem Hunde Cyrus den täglichen Morgenspaziergang in den Liechtensteinpark. (…) Der Liechtensteinpark war um diese Zeit, es mochte gegen halb zehn Uhr vormittags sein – bereits ziemlich stark besucht. (…) Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an der sie eine von alten Akazienbäumen beschattete und durch dichtes Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbewohner entzogene Bank erwartete.  (Kapitel 2)

Auf dieser Bank, zu der die zwei kauzigen Professoren mitsam Hund Cyrus streben, sitzt an diesem Morgen bereits Stanislaus Demba. Er ist im Begriff, ein Butterbrot und Wurst zu frühstücken (beides hat er sich bei der Greißlerin im 1. Kapitel gekauft). Dummerweise hat es auch Cyrus darauf abgesehen…

Liechtensteinpark mit Stanislaus Dembas Wurst

„Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.“

Heute saß kein junger Mann neben dem Fräulein, sondern Frau Buresch, eine ältere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier, miteiander. Frau Buresch und das Fräulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus.   (Kapitel 3)

Teich im Liechtensteinpark Wien

„Der Kiesweg, durch dichtes Buschwerk zu beiden Seiten zu einem Fußweg verengt, führte sie zu ihrem Lieblingsitzplätzchen“

Übrigens: Leo Perutz selbst wohnte mit seiner Familie unweit des Liechtensteinparks. Seine Wohnung lag in der Porzellangasse, die parallel zum Park verläuft.

Ins Zentrum

Station 3: Kaffeehaus Hibernia, heute Café im Schottenstift

Unwissentlich kehrte ich sogar in das Kaffeehaus ein, in dem Stanislaus Demba nach dem misslungenen Imbiss im Park endlich sein Frühstück bekommt. Das ehemalige Café Hibernia heißt heute allerdings Café im Schottenstift. Es liegt unweit des Schottentors und der Wiener Börse. In dem grünen, ruhigen Garten des Cafés aßen wir sehr gut zu Mittag.

Kaffeehaus Innenansicht

So ähnlich wie das „Tirolerhof“ sah vielleicht auch das ehemalige Café Hibernia von Innen aus.

Zwischen halb zwölf und zwölf, wenn die Essensstunde heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia, gegenüber der Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben füllten, (…) hatte sich nach allen Richtungen verlaufen. Der Kellner Franz (…) lehnte an einem Billiardtisch, blinzelte schläfrig (…) Das Fräulein an der Kasse pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf. (Kapitel 7)

Auch hier im Kaffeehaus tritt Demba wieder reichlich exzentrisch auf und hat eine Menge Extrawünsche, die den armen Kellner Franz aus seiner mittäglichen Lethargie reißen…

Perutz selbst war übrigens ein leidenschaftlicher Kaffeehausgänger – wie wäre es auch anders zu erwarten bei einem Wiener Schriftsteller zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch zum Kreis der „Kaffeehausliteraten“ zählt er nicht. Statt seine Bücher im Café zu schreiben, traf er sich dort lieber mit befreundeten Künstlern.

Der Autor Leo Perutz: Biographisches

1882 in Prag als Sohn eines jüdischen Fabrikanten geboren, siedelte Leo Perutz später mit seinen Eltern nach Wien über. Die Donaustadt bildet die zentrale Kulisse der meisten seiner Werke.

In der Zwischenkriegszeit gehörte Leo Perutz zu den meistgelesenen deutschsprachigen Erzähler, Zwischen neun und neun war einer seiner großen Erfolge. Jorge Louis Borges und Siegfried Krakauer bewunderten vor allem seinen unheimlichen Roman Der Meister des Jüngsten Tags von 1923.

1938 floh Perutz mit seiner Familie aus Europa und ließ sich in Tel Aviv nieder. Er starb 1957 bei einem Aufenthalt im österreichischen Bad Ischl.

Fazit

Zwischen neun und neun ist ein großartiger Unterhaltungsroman. Beim Lesen bin ich schnell in den Sog der Geschichte gezogen worden und folgte dem Antihelden Demba in fiebriger Erwartung durch Wien. Die Auflösung des Rätsels um sein seltsames Verhalten folgt nach der Hälfte des Romans und ist verblüffend. Ab hier wird es noch spannender: Wird Demba es schaffen, sich aus seiner verzwickten Lage zu befreien?

Ich kann Zwischen neun und neun von Leo Perutz wärmstens weiterempfehlen. Es ist ein Buch, das nicht in Vergessenheit geraten sollte!

Um mit Daniel Kehlmann zu schließen:

Leo Perutz ist der größte magische Realist unserer Sprache, ein Virtuose des Rätsels.

Lesetipp:

Wien: Der Schriftsteller Leo Perutz und das Kaffehaus als Lebensmittelpunkt“ auf profil.at: Hier geht es um Perutz, sein Werk und die Wiener Kaffeehauskultur. Achtung: Der Autor verrät das Rätsel um Stanislaus Demba, also ggf. lieber erst nach der Buchlektüre lesen!

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6 Gedanken zu “Wien mit Leo Perutz: „Zwischen neun und neun“

    • Liebe Petra,
      erst mal vielen lieben Dank für das Lob! Der Veranstaltungstipp klingt sehr toll – das wäre nach meiner Perutz-Lektüre ja genau das Richtige! Nur leider bin ich zu weit weg von Karlsruhe :/ Liebe Grüße und noch einen schönen Abend

      • Ja, ich werde acht geben! Ich war mal auf einer Kehlmann-Lesung zu seinem Roman „F“. Aber solche Autoren-Vorstellungen stelle ich mir auch richtig spannend vor. Danke für den Tipp! 🙂

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