C.S. Forester: Thriller aus der Vorstadt

Zur Zeit befinde ich mich in einer „Krimi-Phase“. Das kommt bei mir ab und an vor, obwohl ich im Allgemeinen keine große Krimi- oder Thriller-Leserin bin.

Aber wenn ich irgendwann doch wieder einen Krimi aufgeschlagen habe, dann gerate ich plötzlich in eine Art Mitrat-Rätsel-Fieber und kann gar nicht mehr aufhören zu lesen und zu raten und zu kombinieren. Der Butler Betteredge in Wilkie Collins Kriminalroman The Moonstone nennt einen solchen Zustand „detective’s fever“. Ich glaube, genau daran leide ich gerade auch!

Denn bei mir verhält es sich so: Sobald ich den letzten Satz eines Krimis gelesen habe, giere ich sofort wieder nach einem neuen Rätsel, einem neuen mysteriösen Mord. Und am besten gibt es obendrein noch einen kauzig-sympathischen Ermittler. Nur allzu blutrünstig soll’s bitte nicht sein!

Diesmal hat’s vor zwei Wochen mit C.S. Foresters psychologischem Thriller Payment Deferred angefangen. (Den hat übrigens Anfang des Jahres dtv in einer deutschen Neuübersetzung herausgebracht, unter dem Titel Grausame Schuld.)

Payment Deferred - englische Ausgabe von Grausame Schuld

In Grausame Schuld geht es allerdings nicht um die Aufklärung eines Mordes, denn der Leser weiß von Anfang an, dass der Anti-Held Mr. Marble der Täter und sein wohlhabender Verwandter die Leiche ist.

Umso spannender ist die Frage, wie es weitergeht: Verstrickt sich Marble immer mehr in seine Schuldgefühle? Werden seine Frau und Kinder herausfinden, was er getan hat? Erwischt ihn die Polizei? Kommt er ungeschoren davon?

Bis zum letzten Kapitel bleibt es spannend und das Ende ist ebenso überraschend wie von grausiger Ironie erfüllt.

Darum geht’s:

Grausame Schuld spielt in einem tristen Vorort Londons, irgendwann in der 1920er Jahren. William Marble, der Anti-Held des Romans, ist ein kleiner Bankangestellter und Familienvater. Und: er ist hochverschuldet. Er sieht keinen Ausweg aus seinen Schulden, zu viele hat er in den vergangenen Monaten angehäuft und kann sie nicht zurückzahlen. Doch ein glücklicher (oder eher unglücklicher?) Zufall will, dass er überraschend Besuch eines reichen Neffen bekommt. Im Hirn Marbles fängt es zu rattern an und bald schreitet er zur Tat…

Der Leser ahnt schnell, was der Unsympath vorhat und schließlich, was er getan hat, als seine Frau und die beiden Kinder bereits schliefen. Doch das muss sich der Leser assoziativ erschließen, denn das Wort „Mord“ fällt erst sehr spät im Buch.

Marble, dieser Sonderling und Haustyrann, wird es trotz des plötzlichen Geldsegens unwohl in seiner Haut. Mit der Zeit tauchen immer neue Probleme auf, die er zunehmend im Whiskey ertränkt. Und dann scheint auch noch seine Frau etwas zu ahnen…

Foresters Vorstadt-Thriller: Wende in der Kriminalliteratur

Mit Grausame Schuld landete der junge englische Schriftsteller C.S. Forester 1926 seinen ersten großen Erfolg. Weitere Kriminalromane folgten, bevor Forester sich vom Krimigenre abwandte und lieber Historienromane schrieb.

Den spannenden Krimi noir Tödliche Ohnmacht habe ich vor ziemlich genau einem Jahr gelesen und war begeistert – Grund genug, um ihn euch in meinem vergangenen Post als Sommerlektüre zu empfehlen. Diesen Thriller hatte Forester 1935 fertiggestellt, doch das Manuskript tauchte erst 2002 bei einer Versteigerung wieder auf. Vor zwei Jahren veröffentlichte dtv die deutsche Übersetzung.

Karger Realismus statt kunstvoller Kriminalrätsel

Was ist das Besondere an Forester?

Anders als seine Vorgänger E.A. Poe, Wilkie Collins oder Arthur Conan Doyle beschreibt Forester keine fantastisch anmutenden Kriminalrätsel, die ein geschickter Ermittler entwirren muss. Er bewegt sich nicht in höheren, geistreichen Sphären, sondern in den menschlichen Niederungen und im Morast aus Rache, Gier und Schuld.

Damit lenkte Forester das Krimi-Genre in eine ganz neue Richtung: Er schilderte in seinen Romanen auf einmal realistische Fälle und porträtierte einfache Leute, normale (Klein-)Bürger, die aus Verzweiflung zu Mördern werden. Einen „Helden“ oder eine „Heldin“ gibt es in seinen Thrillern nicht. Stattdessen: schwache Menschen, die sich immer stärker im Spinnennetz des Verbrechens verheddern.

Der Vorort als Schauplatz

Die Schauplätze von Tödliche Ohnmacht und Grausame Schuld sind graue, triste Vororte Londons. Die Menschen, um die es geht, leben in zu kleinen Häusern, besitzen nicht viel Geld und auch keine Lebensfreude. Forester erzählt von unglücklichen Ehen, in denen hilflos-naive Ehefrauen ebenso wie ihre tyrannischen Ehemänner gefangen sind, und beschreibt seine Figuren sehr präzise und voller Verständnis für all die Feinheiten ihres Charakters.

Mein Fazit zu Foresters Thrillern

Grausame Schuld war spannend zu lesen, der Plot ist gut strukturiert und weist überraschende Wendungen auf. Allerdings fand ich das Buch teilweise zu langatmig – irgendwann hat der Leser begriffen, dass Marble von Angst zerfressen ist und ihm sein Leben entgleitet. Und auch die Schilderung des tristen Daseins der Marbles in ihrer ärmlichen Vorstadt ist nicht gerade stimmungsaufhellend.

Tödliche Ohnmacht dagegen empfand ich als flott zu lesen und die Atmosphäre der Handlung weniger bedrückend: Atemlos verfolgte ich die freundliche alte Mrs. Clair bei der Ausführung ihrer Rachepläne und schaute ihr gespannt über die Schulter. Die unglückliche Ehe der Protagonistin Marjorie fand ich weniger bedrückend beschrieben als die der Marbles, vielleicht, weil Marjorie anders als Annie Marble die Chance hat, alldem zu entkommen…

Infiziert vom Krimi-Virus

Auch wenn Grausame Schuld für mich an Tödliche Ohnmacht nicht heranreicht, habe ich die Lektüre sehr genossen und war ab dem ersten Satz von Mr. Marbles Schicksal gefesselt.

Und spätestens als ich das Buch zugeklappt hatte, war ich mit dem „detective’s fever“-Virus infiziert. In der Stadtbücherei versorgte ich mich sofort mit neuem Lesestoff, um meine Sucht zu befeuern: Gerade lese ich Raymond Chandlers Playback und auf dem Büchertisch warten Patricia Highsmith und Wolf Haas. Eine bunte Mischung – aber ich hab mir fest vorgenommen, endlich einmal tiefer ins Krimigenre einzutauchen. Denn vielleicht bin ich ja doch mehr Krimileserin, als ich bisher immer angenommen hatte… 😉

 Und ihr? Habt ihr tolle Krimi- oder Thriller-Empfehlungen für mich?

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2 Gedanken zu “C.S. Forester: Thriller aus der Vorstadt

  1. Nein!
    Ich lese keine Krimis!
    Aber was liegt denn da auf dem Nachttisch der besten von allen? Sieht interessant aus…mal reinlesen. Gutes Buch…usw. Aber ich lese keine Krimis! Aber wenn sie schon mal da sind…

    PS – Den Forrester kenn ich eigentlich nur als Schöpfer von Hornblower und was mir am meisten gefiel: „Ein Bootsfahrt in Deutschland“. Er reist da mit einem kleinen Boot 4 Monate durch das Deutschland von 1929. Liest sich wie ein Reisebericht aus dem tiefsten irgendwas…
    lg-erich

  2. Pingback: Blogbummel Juli 2015 – Teil 2 | buchpost

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