Literarischer Streifzug durch Salzburg, Teil II

Letzten Sonntag habe ich Salzburg von der lyrischen Seite her beleuchtet: Georg Trakl hat die Stadt an der Salzach in seinen Gedichten auf einmalige Weise verewigt. Heute folgt der krasse Kontrast: Statt Lyrik Prosa, statt Melancholie schwarzer Humor, statt kunstreicher Verse Beisl-Sprache, statt des sensiblen Expressionisten der satirische Krimiautor: Denn auch in Silentium! von Wolf Haas ist Salzburg Schauplatz. Und, ob du’s glaubst oder nicht, so groß die Gegensätze auch sind: In Salzburg trifft sogar der Brenner auf den Trakl!

Jetzt ist schon wieder was passiert.

Mit diesem schon legendären Einstiegssatz beginnt jeder Brenner-Krimi.

In Silentium ist was in Salzburg passiert. (Berichtet habe ich davon vor kurzem schon in meinem Krimibeitrag.)

An den sehr speziellen Erzählsstil des Romans gewöhnte ich mich schnell und amüsierte mich prächtig über den Brenner, diesen seltsamen Vogel von Privatdetektiv. Besonders gut gefiel mir, dass Silentium mich nach Salzburg führte und mich zwischen den Buchdeckeln an viele Orte brachte, die ich schon einmal mit eigenen Augen gesehen habe und an die ich mich wenigstens vage erinnern konnte.

Denn bei seinen Ermittlungen stolpert der Brenner durch ganz Salzburg – auf dem Mönchsberg geht er mit dem Psychiater des ersten Mordopfers spazieren, am Kapitelplatz betritt er eine kirchliche Heiratsvermittlung, im Festspielhaus besucht er seine alte Bekannte, die Sekretärin Fräulein Schuh, am Ufer der Salzach versucht er gegen die Föhn-Migräne anzukämpfen…

Blick über Salzburg

Blick über die Stadt

Dagegen Blick  vom Mönchsberg einfach gewaltig. Das ist eine malerische Sache, Postkarte nichts dagegen. Mitten in der Stadt die zwei Berge, du stehst am Mönchsberg, von drüben schaut der Kapuzinerberg herüber, und im Tal dazwischen tausend Kirchen und Klöster aufgefädelt am grün blitzenden Salzachfluss, das musst du dir vorstellen wie ein funkelndes Edelsteinkollier zwischen den prächtigen Brüsten einer Oktoberfest-Kellnerin, praktisch Vollendung der Natur.

Unterwegs in der  Altstadt

 Weil auf dem Weg zum Dr. Prader hat er zuerst einmal die Touristenschwärme in der Altstadt durchpflügen müssen. Passiert ist ihm nichts, der Brenner sowieso sehr robust, aber auf die Art ist er bestimmt bei zehntausend Japanern ins Fotoalbum gekommen.

Mönchsberg-Spaziergang

 … schön durch Wald und Wiese, von oben zwitschern die Vögel und von unten hörst du den Probengesang aus dem Festspielhaus, das da direkt in den Mönchsberg-Felsen hineingebaut ist, praktisch Bibel: Immer auf Fels bauen, nur nicht auf Sand.

Glockengetöse: Kirchenstadt Salzburg

Dann haben die Priesterhausglocken geschlagen, dann die Franziskanerkirche, Sankt Peter und die Ursulinenkirche fast gleichzeitig, dann die Kajetanerkirche, dann von hinter dem Berg die Maxglaner Kirche und direkt vom Berg die Glocken vom Kloster Nonntal und wieder von unten die Blasiuskirche…

Am Salzachufer: Brenner meets Trakl

Und ja, so unglaublich es erscheint, Brenner hat in Salzburg sogar Berührungspunkte mit Georg Trakl

…. oder um es im Brenner-Krimi-Jargon verlauten zu lassen:

∼ Ob du es glaubst oder nicht… der Brenner hat doch tatsächlich eine Begegnung mit dem Trakl gehabt. Also nicht, dass du jetzt meinst, die sind sich real übern Weg gelaufen, das geht nämlich nicht, denn der Trakl ist schon lange tot gewesen.∼

usw. 😛

Als Brenner föhngeplagt und unter Migräne leidend am Ufer der Salzach spazieren geht, fällt ihm dort eine Marmortafel auf:

Ob du es glaubst oder nicht, an dem Brückenpfeiler, vor dem der Brenner gestanden ist, war eine Marmortafel montiert mit einem Wetterbericht von damals. Aber das muss schon wirklich vor Jahrhunderten gewesen sein, weil da haben die Wetteransager ihren Bericht noch gereimt, und ich muss ehrlich sagen, das war schon noch was anderes. Allein schon die Schlagzeile. Vorstadt im Föhn.

Was Brenner und selbst der Erzähler naiverweise für einen „Wetterbericht“ halten, ist natürlich nichts anderes als das Traklgedicht, das ich in Teil I meines Salzburg-Streifzugs zitiert habe.

Und dann versucht der Brenner auch noch herauszufinden, was sich hinter der (vermeintlichen!) Abkürzung („TRAKL“) unter dem „Wetterbericht“ verbirgt:

Tempertatur-, Regen-Ansage, Kaiserliche Luftdruckmessung, hat der Brenner probiert, aber er ist mit der Abkürzung auf keinen richtig grünen Zweig gekommen…

∼ Naja, in Sachen Literatur braucht der Brenner schon noch Nachhilfe. Aber ob du es glaubst oder nicht, Fall am Ende gelöst! Bildungsmäßig Niete, mag sein, da geb ich dir recht. Aber als Kriminaler 1a. ∼

♣♣♣

Zum Weiterlesen:

Der Kurier über Silentium!

Silentium! bei rororo

 

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4 Gedanken zu “Literarischer Streifzug durch Salzburg, Teil II

  1. Die Brenner-Romane habe ich auch mit großem Vergnügen gelesen…vielmehr verschlungen…und so muss ich mir Silentium doch nochmal in Ruhe nachlesen, bevor es mich wieder mal nach Salzburg verschlägt. Erneut: Ein schöner Beitrag!

    • Das mit dem Verschlingen kenne ich – ich hab nach Silentium auch noch gleich zwei weitere Brenner-Romane verschlungen… Da packt einen die Sucht 😉
      Ich wünsche dir schon mal viel Spaß beim Wiederlesen!

      • Hab gleich meinen rororo-Sammelband wieder rausgekrustelt…und für den nächsten freien Tag die Bayernticket-Möglichkeiten nach Salzburg recherchiert (ist von Augsburg aus ein schöner Tagesausflug)…

      • Oh wie super! Du machst gleich Nägel mit Köpfen, sehr gut 😉 Dann hab einen schönen Salzburg-Ausflug! Und vielleicht magst du danach ja berichten, wie es sich auf Brenners Spuren angefühlt hat… LG

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