Julie Orringer: Unter Wasser atmen. Storys.

Vor ein paar Wochen stand auf meiner Empfehlungsliste für die Sommerlektüre auch die Kurzgeschichten-Sammlung Unter Wasser atmen der amerikanischen Autorin Julie Orringer. Ich habe das Buch nun nach gut zehn Jahren ein zweites Mal gelesen und war wieder begeistert, vielleicht sogar noch mehr als damals.

An einige der Storys erinnerte ich mich beim Lesen wieder ganz deutlich, denn sie hatten mich schon beim ersten Mal beeindruckt. Bestimmte Details waren hängen geblieben, aber vieles hatte ich komplett vergessen. An ein oder zwei Geschichten konnte ich mich gar nicht mehr erinnern: „Obhut“ und „Was bleibt“ hatte ich nicht mehr auf dem Schirm. Beim Wiederlesen gefielen sie mir nicht schlecht. Aber sie sind längst nicht so stark wie beispielsweise „Isabel-Fisch“ oder „Stationen des Kreuzwegs“.

Lernen, unter Wasser zu atmen

Was die Protagonistinnen aller neun Geschichten vereint, ist, dass sie sich an einer Wegscheide befinden: Sie müssen lernen, erwachsen zu werden, auf sich selbst zu vertrauen, klar zu kommen mit sich und ihrem Leben. Sie lernen, allen Widrigkeiten zu trotzen und gewissermaßen „unter Wasser zu atmen“. Beschrieben werden Augenblicke, die für die Heldinnen einen entscheidenden (inneren) Wendepunkt, eine unumkehrbare Veränderung bedeuten.

Meine drei Favoriten unter Orringers Storys stelle ich hier kurz vor:

# 1 „Isabel-Fisch“

Da ist zum Beispiel Maddy in „Isabel-Fisch“: Seit einem tragischen Unfall ist das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Bruder getrübt, Maddy kämpft mit ihren Erinnerungen und Schuldgefühlen und sie hat große Angst vor Wasser. Die Eltern schicken die Geschwister in therapeutischer Absicht gemeinsam in einen Tauchkurs. Welche Entwicklung Maddy mitmacht und wie sie lernt, wie ein Fisch unter Wasser zu atmen, erzählt Orringer in dieser Kurzgeschichte sehr einfühlsam und berührend.

#2 „Ratschläge an ein Sechstklässler-Ich“

Ebenfalls sehr gut haben mir sowohl beim ersten als auch beim  zweiten Lesen die „Ratschläge an ein Sechstklässler-Ich“ gefallen: Die Ich-Erzählerin in dieser Geschichte erteilt sich permanent Ratschläge („Zieh mittwochs immer einen Rock an“; „Schau nicht hin, wenn Patricia und Cara dir die Zunge rausstrecken“). Die Geschichte liest sich wie ein Leitfaden, mit dem das Mädchen versucht, die Gehässigkeiten ihrer Mitschüler zu erdulden und sich trotz aller Rückschläge nicht geschlagen zu geben. Der oft peinvolle Tanzkurs, die intrigante Mädelsclique, der Schwarm, der sich nie offen zu ihr bekennen wird – als diese Faktoren sind typische Zutaten einer Coming-of-Age-High-School-Geschichte. Aber Orringer erzählt davon auf ihre frische Art und bringt dem Leser das Leiden und die Duldsamkeit des einsamen Teenagers sehr nahe.

# 3 „Stationen des Kreuzwegs“

Die dritte Geschichte aus der Sammlung, die mich besonders beeindruckt hat, ist „Stationen des Kreuzwegs“. Das Motiv des Kreuzwegs doppelt sich hier: einmal geht es um den Kreuzweg Christi, denn die Geschichte spielt zur Osterzeit. Zugleich aber wird ein junger Außenseiter auf seinen eigenen Kreuzweg geschickt…

Die jüdische Erzählerin ist zur Kommunionsfeier ihrer katholischen Freundin Carney eingeladen. Sie lernt nicht nur, was es mit Ostern und dem Leiden Jesu auf sich hat, sie lernt im Laufe der Geschichte auch, was es heißt, in einer Kleinstadt in den Südstaaten „fremd“ und „anders“ zu sein. Ihr eigener Status ist als Jüdin in der christlich geprägten Gemeinschaft sehr fragil. Doch dann taucht zur Kommunion am Ostersonntag Carneys Cousin auf – dessen Vater schwarz war. Der latente Rassismus der Erwachsenen findet seinen Ausdruck in kindlicher Grausamkeit…

Obwohl ich mich nicht mehr wirklich an die Details dieser Story erinnern konnte, hatte sich mir das letzte, krasse Bild nachhaltig eingeprägt.

buch mit lesezeichen

Warum ich Orringers Kurzgeschichten so großartig finde

Das Besondere an Orringers Storys ist, dass sie altbekannte Motive und Themen – das Erwachsenwerden, Krankheit, Verlust, Ohnmacht, erste Liebe – aufgreift und auf völlig erfrischende Weise neu erzählt. Die Erlebnisse ihrer Heldinnen sind intensiv und zum Teil grausam, aber nie wird der Leser von der Wucht der Geschichten erdrückt. Vielmehr schafft es Orringer, auch tragische Geschehnisse hoffungsfroh zu erzählen, denn ihre Protagonistinnen sind innerlich bei sich und stark – oder wenigstens gerade dabei, stark zu werden. Sie verlieren sich nicht im Strudel der Ereignisse, sondern sie wachsen an den Widrigkeiten in ihrem jungen Leben.

Die Kurzgeschichten stimmten mich beim Lesen nachdenklich, sie rührten und berührten mich. Glücklicherweise überschreitet Orringer bei aller Einfühlsamkeit und Gespür für ihre Figuren nie die Grenze zur Sentimentalität, zum Kitsch.

Schön finde ich auch, dass die Mädchen so unterschiedlich sind. Keine gleicht der anderen und das nicht nur, weil sie unterschiedlich alt sind (mal neun, mal vierzehn, mal zwanzig Jahre alt): Die eine ist zu dünn und knochig, die andere leidet unter ihrer Fettleibigkeit, eine findet sich ungelenk, wieder eine andere ist dabei ihren Körper und ihre Weiblichkeit zu entdecken. Auch die erzählten Schicksale sind ganz unterschiedlich und jede Geschichte schildert einen anderen Konflikt: Mal geht es um zerbrochene Geschwisterbande, mal um die Krebserkrankung der Mutter, dann um Fremdenhass, Drogenabhängigkeit…

Da die einzelnen Geschichten ganz eigenständig und unabhängig voneinander daherkommen, macht es auch nichts, wenn sich manche Motive wiederholen: der (drohende) Verlust der Mutter, Eifersucht und Rivalität um junge Männer, übereifrige Religiosität, Unzufriedenheit mit dem eignen Körper, Geborgenheit in der Familie und erste Verliebtheit…

Schlusswort

Aber was nützt mein ganzes Loben und Schwärmen, man muss Unter Wasser atmen selbst lesen, um sich ein Bild davon zu machen.

Wenn ihr die Geschichten noch nicht kennt: lest sie!

Sie lesen sich leicht und flott und man folgt den jugendlichen Heldinnen voller Spannung auf ihren ganz individuellen Lebensreisen.

Und noch was: Lasst euch nicht davon abschrecken, dass es um die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen geht. Zwar sind die Geschichten sicher eine tolle Lektüre für junge Leser, die sich selbst in dem ein oder anderen Aspekt wiedererkennen mögen. Dennoch ist der Band kein ein reines Jugendbuch. Auch und gerade im Erwachsenenalter sind die Storys aus Unter Wasser atmen eine einprägsame und lehrreiche Lese-Erfahrung!

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