Martin Suter entführt uns auf „Die dunkle Seite des Mondes“ und ich habe plötzlich Appetit auf Pilze

Pfifferling roh und zubereitet

Was sollen bloß die Pilze? Kochrezepte und Food-Fotografie auf Worte und Orte?

Was aussieht als wäre ich mit einem Mal unter die Foodblogger gegangen, ist in Wirklichkeit nur Zeugnis dafür, welchen Einfluss Literatur auf das Alltagsleben (bzw. die Essgewohnheiten) des Lesenden haben kann.

Und zwar las ich kürzlich Die dunkle Seite des Mondes von Martin Suter (Diogenes).

Den Roman hat mir mein Vater im Juli zum Geburtstag geschenkt. Bald konnte ich nicht mehr von dem Buch lassen. Nach der Lektüre verspüre ich nun eine unbändige Lust auf Waldspaziergänge und Pilzgerichte

Roman Die dunkle Seite des Mondes

Nein, keine Sorge, von Drogenpilzchen, denen der (Anti-)Held der Geschichte seine Persönlichkeitsveränderungen verdankt, würde ich definitiv die Finger lassen. Aber auf die guten Speisepilze, die in dem Roman regelmäßig gebraten und verspeist werden, auf die habe ich schon Appetit. Und das, obwohl ich eigentlich kein großer Pilzfan bin und bisher nie freiwillig Pilze im Restaurant bestellt geschweige denn selbst zubereitet hätte (von ordinären Champigons abgesehen 😉 ).

Hier ein Auszug aus der Szene, die mir nachhaltig Lust auf Pilze gemacht hat (S. 112-114):

Ott schlug die Pilze wieder ins Taschentuch. „Ich sage dem Koch, wie man sie zubereitet und wir essen sie gemeinsam.“ (…)

Ott und Blank setzten sich und ließen sich das Essen servieren. Gemischte Frühlingssalate, hausgemachte Nudeln und die Pilze mit etwas Zwiebeln und Knoblauch gedünstet.(…)

Die Pilze waren eine Delikatesse.

Schwammerl auf’m Teller

Und dann gab es, kaum war das Buch zu Seite gelegt, innerhalb einer Woche gleich zwei Mal „Schwammerl“, wie es auf gut Bairisch so schön heißt. Genauergesagt „Reherl“, also Rehlinge/ Pfifferlinge. Einmal im Gasthaus mit Speck und Zwiebeln gebraten an Rührei und Salzkartoffeln.

Und ein paar Tage später bei mir Zuhause passend zu den hochsommerlichen Temperaturen auf Salat.

Und weil ich die Chance nützen will, auf meinem Literatur- und Reiseblog auch mal ein Rezept vorzustellen, erkläre ich euch kurz, wie ich dieses exklusive Mahl zubereitet habe: 😉

Sommerlicher Salat mit gebratenen Pilzen

Schnelles Rezept zum Buch: Salat mit gebratenen Pfifferlingen

Zutaten:

  • Blattsalat (ich nahm eine Mischung aus Feldsalat, Rucola und Babyspinat)
  • Pfifferlinge
  • etwas Butter zum Anbraten
  • Kräuter (z.B. Feldkräuter-Mix aus der Tiefkühlung)
  • Walnuss-Balsamico, Öl, Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Die Pfifferlinge putzen. Die Butter in einer Pfanne schmelzen lassen, Pilze zugeben und auf niedriger bis mittlerer Stufe anbraten. Nach ein paar Minuten mit Kräutern bestreuen, Pfanne vom Herd nehmen und Pilze kurz abkühlen lassen.

Die Salatmischung mit Salz, Pfeffer, Essig und Öl anmachen. Ich hatte Walnuss-Balsamico da, der nussige Geschmack passte für mich gut zu den Waldpilzen.

Pilze auf den Salat geben, dazu passt Weißbrot oder Toast und ein Glas Weißwein.

⋆ Bon Appetit! ⋆

Das Buch: Die dunkle Seite des Mondes

Dass sich ein Buch derart auf meine Essensgewohnheiten und Gelüste auswirkt, spricht entweder für das Buch selbst oder für meine Sensibilität und Beeinflussbarkeit als Leserin (?!). Oder für meine unbewusste und verdrängte Leidenschaft für das Pilzeessen, die erst durch die Lektüre ihren Weg heraus aus den Tiefen meines Unterbewusstseins fand…

Na, egal, derartige Überlegungen sind an dieser Stelle doch eigentlich unwichtig.

Viel mehr dürfte euch interessieren, was es mit Die dunkle Seite des Mondes auf sich hat.

Das sagt der Verlag:

Starwirtschaftsanwalt Urs Blank, fünfundvierzig, Fachmann für Fusionsverhandlungen, hat seine Gefühle im Griff. Doch dann gerät sein Leben aus den Fugen. Ein Trip mit halluzinogenen Pilzen führt zu einer gefährlichen Persönlichkeitsveränderung, aus der ihn niemand zurückzuholen vermag. Blank flieht in den Wald und lernt dort zu überleben. Bis er endlich begreift: Es gibt nur einen Weg, um sich aus diesem Alptraum zu befreien.

Der Titel des Romans bezieht sich auf das Album „Dark Side of the Moon von Pink Floyd aus dem Jahr 1973.

Als passende Begleitmusik beim bewusstseinserweiternden Drogenkonsum ist „Dark Side of the Moon“ seit jeher beliebt und spielt somit auch eine Schlüsselrolle in der Geschichte um Urs Blank:

Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs als Wirtschaftsanwalt in einer großen Schweizer Stadt (ganz offenbar Zürich, doch der Name der Stadt fällt kein einziges Mal) gerät Blank zunehmend in eine Midlife Crisis. Die jüngste Fusionverhandlung und die Machtspielchen der Akteure nerven ihn:

„Kein Problem“, antwortete Urs Blank freundlich und stellte sich vor, wie er Dr. Fluri ohrfeigte. „dazu bin ich schließlich da.“

So lautet der erste Satz.

Nach Beendigung des Termins mit dem komplizierten Dr. Fluri und Konsorten im Lokal „Waldruhe“ tritt Urs Blank den Rückweg in die Stadt zu Fuß an – ihm ist mit einem Mal nach einem Spaziergang durch den Stadtwald. An seinen letzten Waldspaziergang kann er – der Stadtmensch mit den Londoner Maßanzügen und dem schwarzen Jaguar – sich gar nicht mehr erinnern. Doch jetzt genießt er das Rascheln des Laubs unter seinen Maßschuhen.

Diese Liebe zum Wald und zur Welt jenseits von Fusionsverhandlungen, teuren Restaurants und gesellschaftlichen Events wird sich im Laufe der kommenden Seiten mehr und mehr verstärken. Blanks Krise äußert sich in einer Affäre mit einem „Hippiemädchen“, das ihn zum Konsum von Drogenpilzen in einem abgelgenen Waldstück verführt. Anfangs widerwillig, erlebt Blank einen derart extremen und bewusstseinserweiternden Trip, dass sich seine Persönlichkeit nachhaltig verändert.

Aus dem rücksichtsvollen, beherrschten Mann von Welt wird zunehmend ein egoistischer, grober, skrupelloser Einzelgänger, der seinen Trieben und Aggressionen folgt ohne nennenswerte Schuldgefühle zu entwickeln…

Während Blank noch versucht, dieser Entwicklung entgegenzusteuern, entgleitet ihm sein altes Leben immer mehr. Er beginnt, immer mehr Zeit im Wald zu berbringen, interessiert sich plötzlich für das Überleben in der Wildnis und essbare wie giftige Pilzarten. Obwohl Blank denkt, er könne seine Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben im Wald beginnen, bewegt er sich unwissentlich immer weiter auf einen Abgrund zu. Nebenbei hat er die Aufmerksamkeit des exzentrischen Milliardärs und Großwildjägers Pius Ott erregt, der seine ganz eigenen Gründe hat, Urs Blank nachzustellen…

Mein Leseeindruck

Ich fand den Roman unglaublich spannend und verfolgte Urs Blanks Reise in seine seelischen Abgründe ganz gebannt. Der Antiheld Blank gefiel mir trotz allen Antiheldentums sehr gut, aber auch die Nebenfiguren, von seinen Partnern in der Kanzlei über seine Exfreundin Evelyne Vogt bis hin zum widerwärtigen und besessenen Pius Ott, fand ich sehr glaubwürdig und plastisch gezeichnet.

Die kurzen Abschnitte, in die sich die Handlung gliedert, empfand ich als sehr angenehm und die Einblicke auch in das Denken und Tun der andere zentralen Charaktere machten die Lektüre sehr abwechslungsreich.

Die Meinung anderer

Das sagt die FAZ:

Suters Roman ist ein philosophisch gegründetes Gedankenspiel um die Wirklichkeit des Unwirklichen und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und auch darüber, wie wenig es bedarf, um die menschlichen Konstruktionen und Vereinbarungen zusammenbrechen zu lassen. Vor allem aber ist er eine gründlich recherchierte, präzise, elegant und humorvoll geschriebene Geschichte, realistisch und phantastisch zugleich. Der Leser, der sich einmal auf „Die dunkle Seite des Mondes“ hat ziehen lassen, wird das Buch bis zum ebenso überraschenden wie stimmigen Finale nicht mehr aus der Hand legen wollen. Die geistige Gesundheit ist dabei nicht gefährdet. Vielmehr bietet Martin Suter mit raffiniert adaptierten klassischen Mitteln ein Optimum an Belehrung, Spannung und Vergnügen.

Ganz recht, das kann ich voll und ganz unterschreiben!

Auch einige der Leserkommentare auf Krimicouch.de zu Suters Roman sprechen mir sehr aus dem Herzen. So schrieb etwa „woelki“ im Februar diesen Jahres:

Ich war mit Urs Blank im Wald. Ich war mit ihm auf der Suche und auf der Flucht. Ich habe gegessen mit ihm, mich gefürchtet wie er. Ich habe mit ihm gelebt, gelitten, gefroren. Ich habe den Regen gespürt, die Donne [sic!], den Hunger und die Sehnsucht. Am Ende habe ich gehofft und trotzdem gewusst. Und das alles nur durch Worte. Wie schafft Martin Suter das?

 [–> „Ich habe gegessen mit ihm“, schreibt „woelki“ – ob er / sie ebenfalls nach der Lektüre den Speisepilzen verfallen war? Vielleicht.]

♣♣♣

Und gerade habe ich entdeckt: Suters Roman wird/ wurde mit Moritz Bleibtreu verfilmt und kommt bald ins Kino. Da bin ich aber gespannt!

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2 Gedanken zu “Martin Suter entführt uns auf „Die dunkle Seite des Mondes“ und ich habe plötzlich Appetit auf Pilze

  1. Wow…ich kann mich an den Roman nur noch dunkel erinnern, er begeisterte mich seinerzeit nicht so sehr. Vielleicht sollte ich ihm mal wieder eine Chance geben. Jedenfalls befürchtete ich schon auf den ersten Blick, Du köchelst mit Drogenpilzen – das hatte ich noch im Gedächtnis. Wie beruhigend (und appetitanregend) etwas anderes zu lesen und zu sehen. Und jetzt habe ich schreckliche Lust auf mein Abendessen 🙂

    • Haha, keine Sorge, die Drogenpilzchen im Roman haben mich eher abgeschreckt 😉
      Aber freut mich, wenn mein Post Appetit gemacht hat – auf die harmlosen Speisepilze versteht sich 😉

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