Kaffeehaus-Kultur: Wien

Die Kaffeehäuser und die Kaffeehaus-Kultur vieler europäischer und außereuropäischer Metropolen finde ich unglaublich faszinierend. Ob Wien, Turin, Lissabon, Budapest, Prag oder Buenos Aires – in all diesen Städten gibt es bis heute die alterwürdigen Cafés, in denen vor rund hundert Jahren die Künstler, Intellektuellen und politischen Größen ihrer Zeit ein- und ausgingen. (Und wo teilweise auch heutige namhafte Gestalten ihren Kaffee trinken.)

Auf Worte und Orte will ich euch nach und nach in ein paar der Cafés und Kaffeehäuser führen, die ich schon besucht habe, etwa in Wien, Budapest und Buenos Aires.

Den Anfang mache ich heute mit Wien. Schließlich ist die österreichische Hauptstadt die Kaffeehaus-Hauptstadt par excellence.

Wiener Kaffee

Erst vor drei Monaten habe ich ein paar Tage mit meiner Schwester im sommerlichen Wien verbracht und dabei natürlich auch einige Kaffeehäuser besucht und die Wiener Kaffeesorten durchprobiert. (Nachzulesen sind meine Reiseeindrücke hier.)

Vom Griensteidl (Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Felix Salten, Victor Adler, Arnold Schönberg…) über das Café Museum (Joseph Roth, Georg Trakl, Karl Kraus, Leo Perutz, Alban Berg, Franz Lehár, Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka u.v.m.) bis hin zum Café Hawelka (Heimito von Doderer, Hilde Spiel, Friedrich Torberg, Friedrich Achleitner, Ernst Fuchs, Friedensreich Hundertwasser, Helmut Qualtinger …).

Café Griensteidl

Das womöglich bekannteste der sogenannten Literatencafé, zumindest war es im Fin de Siècle das führende Kaffeehaus in Wien, das die oben genannten Angehörigen von „Jung-Wien“ zu seinen Stammgästen zählte… Heute lockt das Haus vor allem Touristen an – vermutlich auch seiner Lage gegenüber der Hofburg geschuldet.

Kaffeehaus Michaelerplatz Wien

Café Tirolerhof

Das Kaffeehaus Tirolerhof erlebte ich beinahe leer – mittags an einem heißen Juni-Werktag setzten sich nur ein paar alte Stammgäste in die ehrwürdigen Säle. Recht teuer war’s auch, aber naja, die Atmosphäre eines Altwiener Kaffeehauses ließ sich immerhin gut nachempfinden. Das Innere ist schön renoviert, durch die großen Fenster fällt viel Licht ins den Saal und lässt das Café hell und freundlich wirken. Ich musste an Stanislaus Demba denken, der ja zwischen neun und neun auch mittags im fast leeren Kaffeehaus sitzt und den Kellner herumkommandiert…

Café Sperl

Das Sperl war einst als Künstler- und Militärcafé bekannt, in dem auch die Erzherzöge Josef Ferdinand und Karl Ferdinand verkehrten. Schauspieler und Sänger aus den umliegenden Theaterhäusern liebten das Sperl ebenso wie hochrangige Militärs.

Auch heute ist das sympathische und gemütliche Kaffeehaus stolz auf seine illustren Gäste:

Die berühmten Schriftsteller Robert Menasse und Michael Köhlmeier sind aus dem täglichen Bild des Sperls nicht mehr wegzudenken.

Leider ist mir keiner von beiden im Juni dort begegnet. Vielleicht war ich auch nur zu abgelenkt durch das Filmteam, das umherwuselte und offenbar die „Location“ testete…

Café Hawelka

Das Hawelka hatte mich als Kind schon fasziniert – spätabends, auf dem Heimweg zu unserer Pension, wollte mein Vater meiner Mutter und mir nur mal schnell das berühmt-berüchtige Hawelka von innen zeigen – und prompt wurden wir vom alten Leopold Hawelka „verhaftet“ und zu einem Hamburger Paar an das kleine Tischchen dazuquartiert. Vom rauchigen, lärmigen, menschenerfüllten Inneren dieses kleinen Cafés, das eigentlich mehr von einer Szenekneipe hat, und der Tatsache, dass man so schnell und unversehens mit Wildfremden in Kontakt kommt, war ich damals schwer beeindruckt.

Beim heurigen Wienbesuch erlebten meine Schwester und ich es allerdings schockierend leer:

Stühle im Cafe Hawelka, Wien

Doch das lag eindeutig an der Hitze, die an jenem Abend nur ein paar Touristen in die aufgeheizten Altstadtgassen und gar ins stickig-schwüle Innere des Hawelka lockten. Naja, auch wir waren schließlich Touristen und ein Getränk im Hawelka musste schon sein. 😉

Café Frauenhuber

In der Gasse mit dem malerischen Namen „Himmelpfortgasse“ liegt das älteste (?) Kaffeehaus Wiens: das Café Frauenhuber. Hier sollen schon Mozart und Beethoven den Gästen aufgespielt haben, berichtet die Kaffeehauschronik voller Stolz.

Mir gefällt vor allem das biedermeierliche Interieur sehr gut, mit seinen roten Samtsitzen, Vitrinen und Kleiderständern.

Im Frauenhuber lässt es sich wunderbar den typischen Kaffeehausbeschäftigungen nachgehen: Kaffee – Verzeihung, genauer: Mélange, kleiner Brauner, großer Brauner, kleiner Schwarzer… – trinken und Zeitung lesen. Ohne dass der Ober ungeduldig die Stirn runzelt oder alle fünf Minuten nach einem weiteren Wunsch fragt. Das Frauenhuber hält Wiener Kaffeehaustraditionen aufrecht, mit Stolz und Stil.

Café Landtmann

Das elitäre Kaffeehaus Landtmann an der Ringstraße wird in unserer Familie nur „das Taubencafé“ genannt. Als wir dort einmal vor vielen Jahren Kaffee tranken, flatterte eine hilflose Taube über den Köpfen der Gäste an der Decke des eleganten Cafés. Irgendwie war sie durch die Tür oder ein Fenster ins Innere gelangt, aber nach draußen fand sie nicht und auch die adretten Herrn Ober schauten ihr eher hilflos zu…

Landtmann in Wien

Obwohl mir dank dieser Anekdote das Landtmann stets in Erinnerung geblieben ist, ist es bei weitem kein Wiener Kaffeehaus, das mir besonders gut gefällt. Auf mich wirkt es eher versnobt, der Charme dagegen fehlt. Ein altmodisches Frauenhuber oder ein leicht abgewetztes Hawelka taugen mir schon wesentlich mehr!

Café Korb

Das Café Korb wirbt auf seiner Webseite auf Englisch mit dem Charme seines Interieur im Stil der 1960er Jahre. Und wenn  das Kaffeehaus auch nichts von der Grandeur eines Demel habe und auch nicht zu den traditionellen Alt-Wiener Kaffeehäusern gehöre, habe es seinen Gästen trotzdem etwas zu bieten: einen hervorragenden Apfelstrudel.

Kaffeehaus der Philosophen Wien

Nun ja, und nebenbei bietet es heutigen Künstlern Raum mit seiner „Art-Lounge“ sowie einen Treffpunkt für jüngere und ältere Wiener (oder Touristen), die einmal dem klassischen Kaffeehausangebot auskommen möchten.

Beim Blick in die Runde hatten meine Schwester und ich gleich mehrfach den Verdacht, dass uns dieses oder jenes Gesicht bekannt vorkäme – ein Regisseur? oder Autor? Wir rätselten und gingen Namen durch, aber sicher sind wir uns bis heute nicht. Obwohl der Herr ein paar Tischchen weiter  schon Robert Menasse hätte sein können… Aber halt, der sitzt ja im Café Sperl!

In diesem Sinne schließe ich meine Wiener Kaffeehaus-Schau. Wenn ihr mal in Wien seid, lasst euch die Kaffeehauskultur nicht entgehen. Eine Melange und dazu eine Zeitung – oder einfach den Blick schweifen lassen und den alten Kaffeehausliteraten gedenken: das ist schon was Feines.

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5 Gedanken zu “Kaffeehaus-Kultur: Wien

  1. Liebe Stefanie,
    was für ein schöner Spaziergang durch die Kaffeehäuser. Vielen Dank dafür. Wenn man selber dort ist, ist es sicher schade, dass so wenig los ist. Aber für den Betrachter finde ich es gar nicht schlecht. So kann man mal viel besser die Einrichtung anschauen. Und jetzt, wo es auch in Wien nicht mehr ganz so heiss ist, werden die Leut‘ schon wieder ins Kaffeehaus gehen.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai, danke für deinen netten Kommentar. Ich muss dir recht geben, auf Fotos wirken die leeren Kaffeehäuser eigentlich ganz gut 😉 Liebe Grüße, Stefanie

  2. Sehr schön, liebe Stefanie, diese Vorstellung einiger Kaffeehäuser. Ich muss unbedingt auch mal wieder nach Wien … Eigentlich wollte ich mir auch unbedingt die Ausstellung zur Ringstraße ansehen, die noch bis 4. Oktober läuft, aber das wird wohl nichts. Immerhin gibt es bestimmt einen interessanten Katalog dazu. Wien ist einfach immer wieder eine Reise wert. Liebe Grüße
    Petra

    • Da hast du recht, liebe Petra, Wien hat so viel zu bieten und ist immer schön zu bereisen. Ich habe im Jüdischen Museum die Ausstellung zum jüdischen Leben an der Ringstraße besucht und fand sie wirklich sehr interessant. Und eine faszinierende Galizien-Ausstellung gab es im Wien Museum, aber die ist leider auch schon vorbei. Na, egal wann es dich wieder nach Wien verschlägt, es gibt auch da sicher viele tolle Ausstellungen 😉 Liebe Grüße, Stefanie

  3. Pingback: Kultur in Wien | Vienna News

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