Kazuo Ishiguro im Literaturhaus München: „Ich will das Ding zum Fliegen bringen“

Am Mittwoch stellte Kazuo Ishiguro im Literaturhaus München seinen neuen Roman The Buried Giant / Der begrabene Riese vor. FAZ-Autorin Felicitas von Lovenberg befragte den englischen Autor zu seiner Ideenfindung und Arbeitsweise, aber auch zum Anspruch seines neuesten Werks, das häufig in die Fantasy-Ecke gedrängt wird. Ishiguro gab, mit typisch britischem Augenzwinkern und Selbstironie, überaus interessante, spannende Antworten und erklärte, warum er nicht an Genre-Grenzen glaubt.

Literaturhaus München Ishiguro

Kazuo Ishiguro signiert nach Ende der Lesung.

Seit Wochen hatte ich diesem Abend entgegengefiebert. Die Vorstellung, endlich einmal dem Autor von The Remains of the Day / Was vom Tage ürbig blieb, seinem wohl berühmtesten Werk, zu begegnen, fand ich richtig aufregend.

Meine Eindrücke von Ishiguros Werk

Vor einigen Jahren, gegen Ende meines Erasmus-Jahres in Schottland, las ich The Remains of the Day und war davon tief beeindruckt. Die feinsinnige Zeichnung der Figuren, die Erzählstimme des Butlers Stevens, deren Ton und Haltung schon so viel über diesen Mann aussagt, berührten mich zutiefst. Stevens‘ Steifheit, seit Verinnerlichung des Dienens, seine blinde Loyalität, seine Abhängigkeit von den vorgegebenen Strukturen irritierten mich fortwährend. Ich wünschte, er würde endlich einmal aus sich heraus kommen, sein Leben selbst bestimmen und Miss Kenton schlussendlich seine Liebe bzw. zunächst einmal sich selbst seine Gefühle eingestehen (!!). Trotz all dieser Irritationen fühlte ich mich der tragischen Figur des altgedienten Butlers sehr nahe und die Erzählung weckte in mir Verständnis für seine inneren Verstrickungen. Auch wenn ich mir ein anderes Ende für Stevens und das Buch gewünscht hätte, anders hätte es nicht enden dürfen.

(The Remains of the Day ist übrigens eines der Werke, die ich in meine anglophile Bücherkiste für Philea’s Blog gepackt hatte.)

Ich las später noch When We Were Orphans / Als wir Waisen waren, Ishiguros Annäherung an den Detektivroman. Dieses Buch beeindruckte mich deutlich weniger und ich fand es verwirrend, aber die Sprache und die Erzählweise des Autors beeindruckten mich auch hier.

Der begrabene Riese – ein Mythos über Erinnerung und Vergessen

Seit der Veröffentlichung von Kazuo Ishiguros letztem Roman, Never Let Me Go / Alles, was wir geben mussten, sind 10 Jahre vergangen. Und nun ist also, endlich, Der begrabene Riese erschienen, ein epenhafter Roman über das Erinnern –  oder vielmehr das Vergessen. Da die Handlung im Britannien des 5. Jahrhunderts angesiedelt ist und sowohl der alternde Artus-Ritter Gawain als auch Drachen, giftige Nebel und Kobolde darin auftauchen, fällen Kritiker und Leser weltweit schnell das Urteil „ein Fantasyroman“. Die Welt unkt sogar „Macht Ishiguro jetzt auf Game of Thrones?“.

Während der Lesung im Münchener Literaturhaus wurde natürlich auch die Frage nach dem Genre des Romans gestellt. Doch mehr dazu später.

Worum geht es in Der begrabene Riese?

Der Klappentext des Blessing-Verlags.:

Britannien im 5. Jahrhundert: Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice sind seit vielen Jahren ein Paar. In ihrem Dorf gelten sie als Außenseiter, und man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung.

Das schreiben die Rezensenten:

Die Zeit

Daniel Kehlmann in der FAZ

Die Lesung im Literaturhaus München

FAZ-Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg führte durch den Abend und hielt interessante Fragen an den Autor bereit. Der Schauspieler Ulrich Noethen übernahm die deutschsprachige Lesung zweier Passagen aus Der begrabene Riese.

Wie findet Kazuo Ishiguro ein Thema für seine Romane?

Zunächst wollte von Lovenberg wissen, wie Ishiguro eigentlich zu seinen Romanideen und -themen käme. Keine außergewöhnliche Frage bei einer Lesung, aber die Antworten sind meistens außergwöhnlich interessant. Ich finde es immer spannend, mehr über die Arbeitsweise, die Herangehensweise eines Autors an sein Werk zu erfahren.

Ishiguro erzählte, dass er stets ein Notizbuch mit sich herumtrüge. Seit Jahrzehnten tut er das schon. Und in diesen Büchlein notiert er besondere Gedanken und Ideen, die es ihm angetan haben. Es müssen klare Ideen sein, die in 3 bis 4 Sätzen zu Papier gebracht werden können. „Aber oft schreibe ich monatelang gar nichts in mein Notizbuch“, gestand er mit englischer Bescheidenheit.

Sobald eine oder mehrere solcher Ideen im Notizbuch stehen, liest Ishiguro sie sich immer wieder durch. Manche sind so machtvoll, dass sie ihn über lange Zeit hinweg fesseln. Und diese fesselnden Ideen sind es, aus denen er schließlich einen neuen Roman zu spinnen beginnt.

Weiß Ishiguro schon zu Beginn eines Romans, wie dieser enden wird?

Nein. Den genauen Plot hat Kazuo Ishiguro in der Regel nicht von vornherein festgelegt. Er gehört nicht zu den Autoren, die akribisch planen. Vielmehr legt er einfach los, schreibt per Hand viele Seiten voll, die „von schlechter Grammatik und schlechtem Stil nur so strotzen“. Doch „es muss einfach raus“ aus ihm, die Idee muss zu Papier gebracht werden. Sein Schreiben kreist um die „Seele“ des Romans, wenn man so will. Die eigentliche Handlung, die Schauplätze und Figuren entfalten sich erst nebenher.

Und natürlich weiß Ishiguro somit auch nicht von vornherein, wie sein Werk enden wird: „Das Ende der Handlung kenne ich nicht von Anfang an“, erklärte er. „Aber ich weiß, wo der Roman in emotionaler Hinsicht enden wird, ich kenne das emotionale Ende.“ Damit meint er, dass er weiß, in welcher Stimmung das Buch enden wird, was auch für seine Art, es zu schreiben, wesentlich und bestimmend ist.

Ich fand es unglaublich faszinierend, seinen Ausführungen zuzuhören. Ishiguro sprach mit ruhiger, eher leiser, aber sicherer Stimme, ganz ernsthaft, aber immer auch mit einem Schmunzeln. Einer seiner Romane habe seine Grundidee letztlich nicht vermittelt, erklärte er. Für ihn sei dieser Roman gescheitert, sei sein schlechtestes Buch – „aber ich verrate Ihnen natürlich nicht, welches es ist“, setzte er augenzwinkernd hinzu.

Wie kam es nun zur Entstehung von Der begrabene Riese?

Kazuo Ishiguro begann sich für das Thema der „Erinnerungslücken“ zu interessieren, „lapses of memory“. Was ist, wenn sich eine Gesellschaft nicht mehr daran erinnert, was ihr in der Vergangenheit widerfahren ist, welche Konflikte sie spalteten? Wollen die Menschen sich wieder erinnern oder sind sie froh, wenn sie einfach so weitermachen können wie bisher und vergangene, womöglich unschöne Dinge vergessen?

Zeit und Ort der Handlung finden

Von dieser Grundidee aus entspann Ishiguro seinen Roman. Zunächst übte er sich als „Location Hunter“, wie  das Mitglied einer Filmcrew begab er sich auf die Suche nach dem idealen Schauplatz. Und der idealen Zeit, in der das Buch spielen sollte.

Eine Gesellschaft mit konfliktreicher Vergangenheit und dem Wunsch nach Vergessen – das hätte Serbien in den 1990er Jahren sein können, oder Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg oder ein Land der Zukunft. Doch Ishiguro wollte verhindern, dass kritische Leser und Historiker seinen Roman an seinem historischen und logischen Wahrheitsgehalt prüften. Er entschied sich für ein Land und eine Epoche, über die kaum etwas bekannt ist, über die die Geschichtsbücher viele weiße Seite aufweisen: Britannien im frühen Mittelalter.

Signatur Ishiguro

Welche Art der Erzählung soll es werden?

„Für mich war schnell klar, dass es eine Art von folk tale, eine Sage, werden sollte. Etwas, das eine allgemeine Gültigkeit und die Reinheit eines Mythos besitzt“, erzählte der Ishiguro.

Im Mittelpunkt sollte der Kontrast zwischen dem Vergessen und dem Erinnern stehen. Ein giftiger Nebel zieht über Ishiguros Britannien und löscht viele Erinnerungen der Menschen. Auch seine Protagonisten, das alternde Paar Axl und Beatrice, haben vieles aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit vergessen.

Für Ishiguro stellte sich die Frage, ob es die Liebe zwischen einem Paar gefährdet, wenn sie nicht vergessen können? Was, wenn alte Konflikte und Verletzungen immer im Gedächtnis bleiben? Endet dann die Liebe?

Doch auch für ein Kollektiv, eine ganze Gesellschaft stellt sich die Frage, inwieweit ein friedliches Zusammenleben durch das kollektive Gedächtnis oder kollektives Vergessen beeinflusst wird.

In den Jahrzehnten vor der Handlung herrschte erbitterter Krieg zwischen den Volksstämmen der Briten und der Sachsen. Die Briten begingen eine wahre ethnische Säuberung an den Sachsen, ermordeten auch Frauen und Kinder, damit ja niemand übrig bliebe, der einst Rache üben könnte. Das Vergessen, das ein seltsamer Nebel über das Land bringt, verhindert ein erneutes Auflodern des alten Hasses.

Ist Vergessen also manchmal das Beste, um für Frieden in einer Gesellschaft zu sorgen?

Kazuo Ishiguro gab auf diese Frage keine klare Antwort – wie könnte es auch eine einfache Antwort auf eine derart komplexe Frage geben. Doch er rief uns viele der aktuell und schon seit langem schwelenden Konflikte zwischen verfeindeten Volksgruppen und Ethnien in Erinnerung: So wird etwa in Nordirland die Erinnerung an ein jahrhundertealtes Geschehen, den Sieg des Protestanten William of Orange über die Katholiken, wachgehalten durch die alljährlichen Umzüge am 12. Juli. Und natürlich stellt sich für Außenseiter angesichts dessen die brennende Frage: Warum erinnert man immer und immer wieder an etwas, was über 300 Jahre her ist und längst keine Bedeutung mehr haben müsste?

Die künstliche Aufrechterhaltung von Konflikten durch manipulierte Erinnerungen und die Unfähigkeit, zu vergessen (oder vielmehr zu vergeben), das ist es, was Ishiguro in seinem Buch in Frage stellt, ja kritisiert.

Kazuo Ishiguros Anspruch: Was der Leser aus der Lektüre gewinnen soll

„Das wichtigste daran, einen Roman zu schreiben“, so Ishiguro abschließend, „ist für mich nicht, einen Rat zu erteilen. Seit jeher versuche ich, normale Menschen zu beschreiben. Ich möchte den Lesern ein Gefühl dafür vermitteln, was es für Menschen bedeutet, auf eine bestimmte Weise zu leben.“ Kennt der Leser die beschriebenen Gefühle? Kann er sich mit den Figuren und ihren Lebensumständen identifzieren (auch wenn sie in einer anderen Zeit und Welt leben)?

„Literatur, wie alle Kunst, hilft uns, unsere Gefühle zu teilen.“

Verständnis für das Fühlen und Handeln anderer Menschen zu wecken, das ist für Kazuo Ishiguro der Kern seiner Schriftstellerei.

Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass ihm das bei The Remains of the Day meisterhaft gelungen ist.

Ist Der begrabene Riese nun ein Fantasy-Roman oder nicht?

Diese spannende Frage stellte Felicitas von Lovenberg dem Autor zum Abschluss. Seit Erscheinen des Romans wird über die Genre-Frage viel debattiert. Ishiguro verwehrt sich jedoch deutlich gegen das Schubladendenken, das das Konzept des Genre mit sich bringt.

„Während des Schreibens ist die Frage nach dem Genre bedeutungslos“, sagt er. „Wenn ich schreibe, bin ich ein wenig wie die Menschen vor Erfindung der Flugzeuge: Ich versuche eine Flugmaschine zu basteln, ich bediene mich aller scheinbar passenden Elemente, die ich finden kann und setze sie zusammen. Wenn ich im Nachbarsgarten etwas Interessantes entdecke, dann nehme ich es und füge es hinzu. Das einzige, was für mich zählt, ist es, das Ding zum Fliegen zu bringen.

Die Genre-Zuordnungen, die von Seiten der Verlage erfolgen, sieht Ishiguro als reine Erfindung des Marketing und der Pragmatik: Es geht darum, dass der Buchhändler wissen muss, auf welchen Stapel ein Buch nun gehört: Krimi? Fantasy? Horror? Und es geht darum, eine Zielgruppe anzusprechen.

Doch solche künstlich gezogenen Grenzen entbehren ihm zufolge jeglicher Authentizität. „Ich will keine Fantasie-Polizei, die die Grenzen zwischen diesem und jenem Genre kontrolliert.“ Die Fantasie ist frei, alles muss möglich sein, auch wenn es dann in keine Schublade passt.

Abschließend erinnerte Kazuo Ishiguro an Autoren wie Shakespeare, Dante oder Homer – bis heute sind ihre Werke gültig und vielgeliebt. Um so etwas wie Genregrenzen hat sich keiner von ihnen gekümmert. Magie und Hexen durften in ihren Werken vorkommen, wenn es notwendig war. Macbeth wird nicht in die Fantasy-Ecke gedrängt, nur weil Shakespeare seine prophetischen Hexen hineingesetzt hat.

Genre-Grenzen seien noch relativ neu, erklärte Ishiguro, von der Buchindustrie gemacht. Ihn selbst interessieren solche Grenzen nicht.

Meine ersten Eindrücke von Der begrabene Riese

Zunächst las der Autor selber die ersten zwei Seiten seines Romans auf Englisch vor. Dann folgte der Vortrag von Ulrich Noethen, höchst fesselnd und stimmgewaltig.

Die Passagen fand ich spannend und sie machten mich neugierig auf die verschiedenen Figuren und ihre Schicksale. Ich bin mir sicher, dass ich das Buch lesen werde. Mehr als der Inhalt selbst reizt mich aber die Idee des Autors, die dahinter steht. Das Britannien des 5. Jahrhunderts ist für mich allzu weit weg und der Plot spricht mich nicht wirklich an. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das ja beim Lesen? Bei einem anderen Autor wäre ich mehr als skeptisch. Da das Werk von Kazuo Ishiguro stammt, bin ich mir sicher, dass es einen echten Lesegenuss bieten wird, selbst, wenn mich der mythische Rahmen leicht befremdet.

Fazit

Es war ein überaus gelungener Abend, eine faszinierende Autorenlesung. Ich bin froh, Kazuo Ishiguro in diesem Rahmen begegnet zu sein und mehr über seine Herangehensweise ans Schreiben und seine schriftstellerische Philosophie erfahren zu haben.

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Und kaum war ich zu Hause, buchte ich in meiner Euphorie gleich das nächste Ticket: Am 12. Oktober wird Jonathan Franzen im Literaturhaus München lesen. 🙂 Auch davon werde ich natürlich auf Worte und Orte berichten.

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