Wie ich Jonathan Franzen für mich entdeckte

The Corrections

Eine ganze Weile schon ist es still geworden hier auf meinem Blog. Mir bleibt gerade wenig Zeit und Muße zum Bloggen, aber natürlich gibt es weiterhin Dinge, die ich auf Worte und Orte festhalten möchte.

Vor ein paar Wochen habe ich eine Lesung mit Jonathan Franzen besucht – ohne je ein Werk von ihm gelesen zu haben. Zugegebenermaßen habe ich mir die Karte nur gekauft, weil ich mir einen Abend mit einem so berühmten zeitgenössischen Autoren nicht entgehen lassen wollte.

Immerhin nahm ich mir die Lesung zum Anlass, mir endlich mal ein Buch von Franzen zu kaufen – The Corrections (dt. Die Korrekturen) – , das ich gerade auch lese.

Mehr dazu später, zunächst möchte ich (mit einiger Verspätung) meine Eindrücke von Franzens Lesung wiedergeben.

Jonathan Franzen: Lesung für das Literaturhaus München

Am 16.10. stellte Jonathan Franzen in München sein neues Werk Unschuld (engl. Purity) vor. Wegens des zu erwartenden großen Ansturms fand die Lesung nicht im Literaturhaus, sondern im Herkulessaal der Residenz statt. Wo sich einst der Thronsaal von König Ludwig II. befunden hatte, stand nun also ein großer amerikansicher Schriftsteller Rede und Antwort zu seinem neuesten Roman.

Was das Besondere an der Lesung war: Franzen las selbst – und zwar auf Deutsch. Und auch das Gespräch mit seiner Wunsch-Gesprächspartnerin Dorothee Kimmich von der Uni Tübingen bestritt er auf Deutsch!

Die Franzen-Fans unter euch wissen natürlich, dass er Deutsch studiert und auch eine Weile in Deutschland gelebt hatte. 1981 kam er für einen Studienaufenthalt nach München.

Übrigens: Auf dem Literaturportal Bayern könnt ihr mehr über Franzen’s Zeit in München erfahren. Zum Beispiel berichtet er über sein Pech mit den Münchener Frauen. (Auch zu Beginn der Lesung im Herkulessaal erwähnte er die Geschichte und erntete mitfühlendes Gelächter aus dem Publikum.

Ich glaube, den meisten Zuhörern im Herkulessaal ging es zu Beginn der Lesung wie mir: sie fühlten eine gewisse Rühring, dass ein Amerikaner es ablehnt, den Abend in seiner eigenen Sprache zu bestreiten und statt dessen lieber sein Deutsch auspackt, um mit dem Publikum in dessen Sprache zu sprechen. Grammatikalische Schnitzer und seinen amerikanischen Akzent sah ihm das Publikum zunächst mit wohlwollendem Schmunzeln nach. Und ich muss sagen, ich emfpand große Bewunderung dafür, wie Franzen eine ganze Lesung in einer Fremdsprache meisterte.

Allerdings wurde es mit der Zeit auch etwas anstrengend: Bei den von ihm vorgetragenen Textpassagen mussten sich die Zuhörer sehr konzentrieren, um trotz Akzent und Aussprachefehlern dem Inhalt zu folgen. Auf Wunsch las Franzen schließlich auch eine Stelle auf Englisch – wobei ich den Eindruck hatte, dass hier auch viele der englischkundigen Zuhörer wegen seines breiten Akzents Schwierigkeiten hatten, ihm zu folgen…

Noch enttäuschender war wohl für viele, dass Franzen die Fragen der Moderatorin sowie des Publikums auf Deutsch beantworten wollte, aber oft Schwierigkeiten hatte, die richtigen Worte zu finden.

Als ich mich nach der Lesung mit der Publikumsmasse nach draußen spülen ließ, schnappte ich Gesprächsfetzen anderer Zuhörer auf und merkte, dass nicht nur ich von dem Abend leicht enttäuscht war. Insgesamt aber hatte ich die Lesung gut und Jonathan Franzen unglaublich sympathisch gefunden. Aber ich verspürte nicht dasselbe beschwingte Gefühl, mit dem ich einen Monat zuvor aus der Lesung mit Kazuo Ishiguro gegangen war.

Meine erster Franzen: The Corrections

Gleich am Abend der Lesung begann ich The Corrections (2001) zu lesen, den Roman, für den Franzen den National Book Award erhalten hatte und für den Pulitzer Preis nominiert worden war. Mit dem ersten Kapitel hatte ich noch so meine Schwierigkeiten, aber dann fand ich immer mehr Gefallen an der Geschichte um die Familie Lambert.

Jonathan Franzens Korrekturen in englischer Ausgabe

Franzens Stil, seine Sprache zogen mich sehr schnell in ihren Bann. Außerdem fasziniert mich, wie treffend und feinfühlig er die einzelnen Familienmitglieder und ihre Beziehungen zueinander beschreibt: Vater Al, dem Gehorsam und Disziplin die größten Tugenden sind, aber dem aufgrund seiner Parkinsonerkrankung die eigenen Hände nicht mehr gehorchen wollen. Mutter Enid, die mit der Krankheit ihres Mannes ebenso zu kämpfen hat wie mit den Enttäuschungen, die ihre Kinder ihr zugefügt haben. Allen voran Tochter Denise, die als junge Frau nicht nur den falschen Mann heiratete, sondern sich dann auch noch scheiden ließ. Und Denise‘ Bruder Chip, der seine vielverprechende Karreire als Collegedozent für eine obsessive Beziehung zu einer Studentin in den Sand setzte und nun versucht, sein Leben und vor allem seine finanziellen Probleme wieder in den Griff zu bekommen…

Ich stecke gerade noch mittendrin in der Lektüre und bin schon gespannt, ob Enids Wunsch am Ende in Erfüllung geht: ein letztes gemeinsames Weihnachtsfest der Familie im Heimatort St. Jude…

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