Carol Ann Duffy – Meine britische Lieblingsdichterin

Carol Ann Duffys Lyrik lernte ich vor sieben Jahren kennen, als ich mein Erasmus-Jahr in Schottland verbrachte. Ich war sofort Feuer und Flamme, als wir ihre Gedichte im Seminar über schottische und irische Gegenwartsliteratur durchnahmen, und schrieb natürlich anschließend meine Semesterarbeit über ihr Werk. Besonders aufregend war es, als Duffy zu einer Lesung kam und ich ein paar ihrer Gedichte aus dem Mund der Dichterin höchstpersönlich hören durfte…

Carol Ann Duffy - Selected Poems

… allerdings muss ich zugeben, dass Duffys Person und ihre Lesung mich recht enttäuschten. Irgendwie hatte ich mir in meiner Bewunderung für ihre spritzigen, spitzen, sarkastischen Gedichte eine Persönlichkeit mit ebenso spritzigem Charme vorgestellt. Doch dieser Vorstellung wurde die echte Duffy nicht gerecht, mir erschien sie an jenem Abend recht trocken und energielos.

Das tat meiner Freude an ihrem Werk jedoch keinen Abbruch. Den Gedichtband New Selected Poems 1984-2004, den ich für das Seminar gekauft hatte, halte ich bis heute heilig und ziehe ihn immer wieder gerne aus dem Bücherregeal hervor.

Die Gedichte von Carol Ann Duffy

Was macht Duffys Lyrik aus? Was ist das Besondere an ihren Gedichten?

Hierzu zitiere ich einfach mal aus Andrea Paluchs Artikel für das Lexikon fremdsprachlicher Gegenwartsliteratur:

In ihren Gedichten bezieht Carol Ann Duffy eine Position, von der aus das Normale befremdlich erscheint, der common sense als das Unübliche. Dies gelingt durch den dramatischen Monolog, dessen Effekt es ist, daß der Leser die Sicht des Sprechers teilen muß, um einen Zugang zu dem Gedicht zu finden.

Dieser Sprecher kann bei Duffy die unterschiedlichsten Gestalten annehmen: sei es die Frau des mythischen Sehers Tiresias („Mrs Tiresias“), eine (lesbische) Liebende („Girlfriends“) oder ein „Psychopath“.

Da Duffy ihre lyrischen Ichs meist in Alltagssprache sprechen lässt, sind ihre Gedichte auch für Leser ohne tiefgehende Englischkenntnisse recht gut zu verstehen.

Duffy, 1955 in Glasgow geboren aber in England aufgewachsen, wurde 2009 zur offiziellen britischen „Hofdichterin“ ernannt: damit war sie die erste DichterIN, der im Vereinigten Königreich der Titel „Poet Laureate“ zuerkannt wurde.

zwei spitze Felsen in den Highlands

Duffys Gedichte wecken in mir Erinnerungen an Schottland: raue, windumzauste Landschaften, die sich tief ins Herz prägen.

Meine Lieblingsgedichte: The World’s Wife

Die Sammlung The World’s Wife (1999) besteht aus 30 Gedichten, die Titel tragen wie „Demeter“, „Mrs Midas“, „Elvis‘ Twin Sister“, „Frau Freud“ oder „Anne Hathaway“. Sie greifen bekannte Geschichte(n) auf, spielen mit unserem festgelegten Bild von historischen Persönlichkeiten oder fiktiven Gestalten. Carol Ann Duffy lässt Protagonisten aus der antiken Sagenwelt gleichermaßen auftreten wie Figuren der Populärkultur. Doch immer sind es Frauen, die in ihren Gedichten das Wort ergreifen.

Weibliche Sichtweisen

Freud, Darwin, Shakespeare, King Kong, Herodes, Elvis, Midas, Ikarus – sie alle haben die Welt und unsere Sichtweisen geprägt, wir kennen ihre Geschichten, bewundern ihre Leistungen und bedauern ihre Missgeschicke.

Doch was ist mit den Frauen, die in ihrem Schatten standen?

Was hält Frau Freud eigentlich vom „Penisneid“, wie sieht Shakespeares Ehefrau den Umstand, dass der große Dichter ihr in seinem Testament nur das „zweitbeste Bett“  vermacht hat? Und erkennt auch Mrs Darwin eine Ähnlichkeit zwischen Mensch und Affen?

Standbild in einem schottischen Schlosspark

Das zweitbeste Bett vermachte Shakespeare seiner Gattin. In Duffys Gedicht „Anne Hathaway“ verteidigt diese ihr oft angezweifeltes Eheglück.

Carol Ann Duffy erzählt alte Geschichten neu und aus weiblicher Sicht. Nicht die patriarchalische Version interessiert sie, sondern die weiblichen Stimmen, die nie Gehör fanden. Die Geschicke von Männern wie König Midas oder dem Seher Tiresias werden von deren Ehefrauen kritisch beleuchtet. Das kurze „Mrs Darwin“ nimmt den männlichen Anspruch, die Ordnung der Welt und der Dinge zu deuten, aufs Korn und lässt schmunzeln, weil in seinen wenigen Worten ein wahrer revolutionärer Funken schlummert.

Gedichtband Carol Ann Duffy und andere Bücher

Duffys Frauenstimmen schlagen selbstbewusste Töne an.

Der Mythos Pygmalion entmythifiziert

In „Pygmalion’s Bride“ wird der Mythos um den König und Bildhauer Pygmalion aufgegriffen, der eine schöne weibliche Statue erschuf und sich in diese unsterblich verliebte. Die Götter hatten ein Einsehen und  schenkten der Statute schließlich das Leben.

Der Mythos um den schöpferischen Mann, der eine Frau nicht nur erschafft, sondern auch nach seinem Willen formt, fand im Laufe der Jahrhunderte unzählige Abwandlungen. Ob der junge Goethe oder Rousseau, ob „My Fair Lady“ oder „Educating Rita“ – der Pygmalion-Mythos hat über die Jahrhunderte vielfältige Formen angenommen.

Statuten im Botanischen Garten Buenos Aires

Männerfantasie: Die perfekte Frau, die genau so ist, wie mann es sich erträumt hat.

Bei Duffy aber ist die Statue kein willenloses Geschöpf, das seinem Schöpfer gehorcht – sie hat ihren ganz eigenen Kopf. Und sie weiß, mit welchen Tricks sie den liebeskranken Mann dazu bringt, sie endlich mal in Ruhe zu lassen…

Ganz frech und unglaublich amüsant demontiert die Dichterin Duffy den Mythos Pygmalion. Jahrhundertelang waren Romanseiten und Libretti über Pygmalions Verhältnis zu seiner Kreatur gefüllt worden. Duffy aber braucht nur zwei Seiten, um den Mythos zu entzaubern.

Ondina del Plata

Die schöne Galathea, „Pygmalions Braut“, ist bei Duffy ziemlich genervt von Pygmalions Liebeswerben.

Ich hoffe, ich habe euch Carol Ann Duffys Werk ein wenig nähergebracht. Soweit ich weiß, gibt es noch keine deutsche Übersetzung ihrer Gedichte. Lediglich ihre Fabel The Gift (Das Geschenk) ist auf Deutsch im Kunstmann-Verlag erschienen, ich selbst kenne dieses Buch allerdings noch nicht. Aber wie gesagt, auch auf Englisch lassen sich ihre Texte gut lesen!

Falls ihr neugierig geworden seid: Infos und ausgewählte Gedichte von Carol Ann Duffy findet ihr hier  und hier (auf Englisch).

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2 Gedanken zu “Carol Ann Duffy – Meine britische Lieblingsdichterin

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