Natalia Ginzburg: Valentino

Nachmittags an Heiligabend stöberte ich im Bücherregal meines Vaters, dort, wo er einige „seiner“ Italiener und Südamerikaner aufbewahrt. Von Natalia Ginzburg scheint dort fast das gesamte Werk aufgereiht, etwa Die Familie Manzoni oder Alle unsere Gestern. Ihren Namen hatte ich schon des Öfteren gelesen, aber noch nie eines ihrer Werke. Ja, mir war nicht einmal klar, dass Ginzburg Italienerin war, weil mir dieser jüdische Name so ganz und gar unitalienisch schien. Doch nun zog ich eines der schmalsten Bücher mit ihrem Namen aus dem Regal hervor – „Valentino“, eine Erzählung – und verkürzte mir damit die Zeit bis zur Bescherung.

Valentino, Ausgabe des dtv

Die Geschichte von Valentino

Valentino ist der Sohn einer Lehrersfamilie, die in bescheidenen Verhältnissen in einer norditalienischen Stadt (Turin?!) lebt und bei der das Geld immer knapp ist. Für Valentino werden jedoch keine Kosten gescheut: Der Vater glaubt zeitlebens daran, dass aus dem Sohn einst „ein großer Mann“ wird und finanziert ihm sein Medizinstudium. Die Mutter schneidert ihm jedes von ihm gewünschte Kleidungsstück, etwa einen eleganten Skianzug. Dabei fährt Valentino gar nicht Ski, „denn er war träge und litt unter der Kälte“. Aber in seinem schicken Anzug stolziert er gerne vor dem heimischen Spiegel auf und ab.

Der Narziss hat es natürlich auch dem weiblichen Geschlecht sehr angetan, doch mit all seinen kleinen Freundinnen ist schnell wieder Schluss. Eines Tages aber schockiert Valentino seine Familie mit der Nachricht, dass er Maddalena heiraten wolle: Sie ist reich und unabhängig, besitzt eine riesige Villa, Ländereien vor der Stadt und teilt ihren Wohlstand gerne mit anderen. Doch sie ist auch furchtbar hässlich und wirkt durch ihre herrische Art abschreckend. Valentino lässt sich von der Heirat mit ihr jedoch nicht abbringen…

Unverschnörkelte „Ausschnitte aus der Wirklichkeit“

Die einfache, klare, unverschnörkelte Sprache, die ruhige Erzählstimme der Schwester jenes titelgebenden Valentino zogen mich sofort in ihren Bann. Wie der „Der Bund, Bern“, zitiert auf dem Buchrücken, lobend hervorhebt, zeichnet sich die Erzählung dadurch aus, dass „wichtige Vorgänge im Menschen nur angedeutet werden“.

Auf der Suche nach einer neuen Sprache

Wie Maja Pflug im Nachwort schreibt, suchte Natalia Ginzburg nach den Schrecken des zweiten Weltkriegs nach einer neuen Sprache, denn der „Faschismus hatte die Sprache mit seiner Rhetorik ausgehöhlt, vergiftet“ (S. 89). Doch anstatt wie andere Autoren ganz in Schweigen zu verfallen, will Ginzburg sich der Wahrheit widmen: „Nicht zu lügen und nicht zu dulden, das andere lügen“ (ebd.) ist für die Schriftstellerin „vielleicht das einzig Gute, das uns der Krieg gebracht hat.“ Sie verzichtet darauf, das Große Ganze zu beschreiben, denn die Wirklichkeit ist für sie „nebelhaft, wirr, chaotisch, unentzifferbar“ (S. 5). In ihren Werken geht es daher jeweils um einen sehr kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit, jenen Ausschnitt daraus, den sie selbst kennt.

Menschliche Schicksale, beiläufig und doch eindringlich erzählt

„Valentino“ wird aus der Sicht der Schwester Valentinos erzählt und zwar unaufgeregt, undramatisch, geradezu beiläufig. Sie schildert die Lebensumstände ihrer Familie, die Schicksalsschläge, die Ehe ihres Bruders mit Maddalena und ihre eigenen Hoffnungen, die sich bald wieder zerschlagen. Doch nie gewährt sie einen Blick in ihr Inneres, in ihre Gefühlszustände. Ginzburg verzichtet auf jegliche Introspektion. Doch gerade das macht diese kleine Erzählung so stark, gerade das fesselte mich als Leserin und ließ mich gebannt Seite um Seite umblättern. In einer scheinbar unauffälligen, scheinbar schlichten Erzählung entfalten sich mehrere menschliche Schicksale, die sich im Kopf des Lesers festsetzen, eben weil sie nur ausschnitthaft und unsentimental dargestellt werden.

Eine Geschichte von Unscheinbaren und Taugenichtsen

Valentino selbst interessierte mich fast am wenigsten, dieser eitle Geck und Taugenichts. Seine Schwester, deren Name (Caterina) im letzten Drittel der Geschichte zum ersten Mal überhaupt fällt, ja die immer im Schatten aller anderen steht, finde ich wesentlich interessanter. Oder auch die reiche, stolze und hässliche Maddalena sowie ihr müßiggängerische Cousin Kit, der tiefunglücklich ist, weil er weiß, dass er „ein Putzlappen“, „ein Jammerlappen“ und zu nichts zu gebrauchen ist, sind spannendere Figuren als der Titelheld.

Valentino, der mit Kit eng verbunden ist, unterscheidet sich von diesem nur darin, dass er keinerlei Reue für seine Nutzlosigkeit empfindet: Er verprasst das Geld seiner Eltern und seiner Ehefrau und lässt sich stets von anderen durchbringen, ohne selbst einen Finger zu rühren.

Für immer kann das nicht gutgehen. Maddalena ist lange blind für die Fehler ihres Ehemannes. Doch eine Verfehlung kann sie ihm nicht verzeihen und so endet für Valentino der Traum vom Dasein als reicher Lebemann.

Wahre Stärke und Hingabe bis zur Selbstaufgabe zeigt seine Schwester, die immer bei ihm bleibt: Caterina sorgt für Valentino, denn „er ist das Einzige, was mir in meinem Leben geblieben ist“. Und obwohl sie manchmal wütend wird, schwört sie sich, ihm treu zu bleiben und für ihn da zu sein: „Ich freue mich über seinen Schritt, der noch so glücklich, siegesgewiss und frei ist: ich freue mich über seinen Schritt, wohin immer er ihn auch wendet.“ (S. 84)

Eine eindringliche kleine Erzählung, die schnell gelesen, aber keineswegs schnell vergessen ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s