Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer

Ein bezauberndes Buch! Gabriel García Marquez war davon angeblich so angetan, dass er Katalanisch lernte, um es im Original lesen zu können. In Der Garten über dem Meer erschafft Mercè Rodoreda wunderbare Stimmungen und erzählt auf stille, aber dafür umso eindringlichere Art vom Schicksal derjenigen Menschen, die sich sechs Sommer lang in jenem Garten begegnen.

Kaffee-und-Buch

Lässt sich wunderbar mit einem Tässchen Kaffee genießen – aber  ist auch ohne ein echter Lesegenuss: Der Garten über dem Meer.

Zum ersten Mal hörte (bessergesagt: las) ich von der katalanischen Autorin Mercè Rodoreda und ihrem Roman Der Garten über dem Meer auf dem Blog glasperlenspiel13 von Vera alias Die Bücherliebhaberin: Sie hatte die Übersetzerin Kirsten Brandt zu dem Roman befragt – ein höchst lesenswertes Interview!

Exkurs: Die doppelte Rodoreda

Ich dachte mir damals schon, dass dieses Buch nach meinem Geschmack wäre. In einer Buchhandlung schlug ich es wenig später zum ersten Mal auf, kaufte es aber nicht. Ein Fehler, denn ich vergaß es beinahe wieder. Doch ich hatte gewissermaßen Glück im Unglück, denn auf der Suche nach einem besonderen Buch für meine Schwester stieß ich wenige Tage vor Weihnachten erneut auf Rodoredas Roman. („Oh, Rodoreda, wie schön!“, rief die Buchhändlerin aus, als ich damit an die Kasse trat.)

An Heiligabend packte ich die Bücher aus, die für mich unterm Christbaum lagen. Zwei davon hatte ich mir gewünscht, doch mein Vater hatte auch für zwei Überraschungen gesorgt: Yoko Ogawas Liebe am Papierrand  – und Mercè Rodoredas Der Garten über dem Meer! Herrje!

Meine Schwester, die ihre Ausgabe noch in Geschenkpapier verpackt in Händen hielt, beugte sich neugierig über das Buch. „Klingt sehr gut“, meinte sie ahnungslos und ich seufzte erleichtert auf…

Der Lesegeschmack in unserer Familie ist manchmal einfach zu ähnlich!

Der Roman: leicht wie eine Sommerbrise, salzig wie das Meer

Meine Ausgabe von Der Garten über dem Meer ist die vom mare-Verlag – ein Buch, das mein bücherliebendes Herz höher schlagen lässt: Es kommt im Schuber daher und ist in einen sorgsam gestalteten Leineneinband gewandet. Die Seiten sind fein und dünn und fühlen sich beim vorsichtigen Darüberstreichen seidenzart an. Über solche liebevoll gemachten Bücher kann ich mich immer wieder freuen, es ist einfach unvergleichlich, in solch einer Ausgabe zu lese – geschweige denn, sie zunächst einmal aus dem Schuber zu holen, über das Leinencover zu streichen, die Seiten aufzuschlagen und den Duft der Druckerschwärze einzuatmen.

2014 erst erschien Der Garten über dem Meer auf Deutsch. (Das Original wurde 1967 publiziert.) Während Rodoredas Roman Auf der Plaça del Diamant schon 1962 in Deutschland bekannt wurde, geriet dieses andere Werk in Vergessenheit. Bis Roger Willemsen es aus der Versenkung holte und Kirsten Brandt es glanzvoll übersetzte.

Impressionistisches Schreiben: Ein Gemälde auf Buchseiten

Letztere nennt im oben erwähnten Interview Rodoreda eine „Meisterin der leisen Töne, des nur Angedeuteten, weshalb ihre Bücher oft mit impressionistischen Gemälden verglichen werden.“

Dieser Vergleich liegt nahe: Es fühlt sich beim Lesen tatsächlich so an, als betrachte man ein impressionistisches Gemälde mit seinen lichtflirrenden Farben, den gesprengselten Wasserflächen, den Menschen, die der Pinselstrich mehr andeutet als klar vor den Betrachter setzt.

Der Erzähler am Rande

Irgendwann in den Zwanziger oder frühen Dreißiger Jahren spielt der Roman, auf jeden Fall noch vor dem Spanischen Bügerkrieg. Irgendwo an der Küste Kataloniens, wohl nicht weit von Barcelona, ist die Handlung angesiedelt.

Der Gärtner erzählt die Geschichte. Er ist nicht nur der Hüter jenes Gartens über dem Meer. Er ist auch der Hüter der Geheimnisse derer, die dort mit ihm sechs Sommer verbringen: Seine Dienstherren, das junge Ehepaar Francesc und Rosamaria Bohigas; deren Freunde, zu denen etwa der Maler Feliu Roca zählt, der stets nur das Meer malt, mal mit, mal ohne Strand; das kleine Dienstmädchen Mariona, das einen Maurer heiraten will; der Pferdepfleger Toni; der dröhnende, extrovertierte und gutmütige Nachbar Senyor Bellom und viele mehr…

Im Zentrum steht dabei eigentlich die Geschichte von Rosamaria und ihrer Jugendliebe Eugeni, die das Leben aller Beteiligten überschattet und dafür sorgt, dass nach dem sechsten Sommer dieser katalanische Sommernachtraum ein Ende nimmt. Doch der Gärtner erzählt die tragische Liebesgeschichte nur andeutungsweise, so weit er sie selbst oder über Erzählungen anderer miterlebt. Und andere Schicksale und Begebenheiten schieben sich über und unter diese zentrale Geschichte, wie Dias von anno dazumal, die sich im Diabetrachter übereinanderschieben, die Bilder verschwimmen lassen und ein neues ergeben.

Der Gärtner steht am Rande; was sich in den Häusern ereignet, erfährt er nur dank der Köchin Quima, Feliu Roca und durch Gerüchte. Denn seine Sphäre ist der weitläufige Garten, den er so gut wie nie verlässt. In diesem Idyll, diesem „Eden jenseits des Sündenfalls“ (Roger Willemsen, S. 229) treten die verschiedenen Figuren jedoch an ihn heran und machen ihn zu ihrem Vertrauten. So macht der Gärtner sich – und dem Leser! – nach und nach ein Bild von den Menschen des Romans und ihren Beziehungen zueinander.

lila Blüten

Der Garten über dem Meer gleicht einem irdischen Paradies, ist eine Welt für sich.

Anklänge am Viriginia Woolf und Scott F. Fitzgerald

Der Garten über dem Meer erinnerte mich an To the Lighthouse / Zum Leuchtturm von Virginia Woolf – vielleicht wegen des Malers Roca, der vom Garten seiner Freunde, den Bohigas, aus das Meer malt, während bei Woolf die junge Lily Briscoe im Garten ihrer Freunde, der Familie Ramsay, auf der Isle of Skye an ihrer Staffelei steht.

Der Garten über dem Meer ließ mich aber auch an Fitzgeralds The Great Geatsby denken (und das nicht nur, weil das auf der Rückseite des Schubers steht). Auch hier geht es um wohlhabende, ja reiche junge Leute, die ihre Sommertage am Meer verbringen und scheinbar alles haben, was sie nur begehren könnten. Doch dann kehrt einer zurück, der in ein benachbartes Haus zieht, um seiner großen Liebe von früher wieder nah zu sein und der damit alles ins Wanken bringt…

Wellen-spülen-an-den-Strand

Das Meer ist in Rodoredas Roman allgegenwärtig. Es ist weit mehr als bloße Kulisse.

Rodoredas Erzählkunst: Stimmungsvolle und unvergessliche Bilder erzeugen

Das Besondere am Garten über dem Meer sind, wie bereits angedeutet, seine Atmosphäre, sein Rhythmus. Ruhig und gleichmäßig fließt die Erzählung dahin, ein Auf und Ab wie die Wellen des Meeres. Nur manchmal wird das Wasser unruhig, es ereignet sich etwas, das die Wellen aufwühlt. Doch trotz der Gleichmäßigkeit und Ruhe der Erzählung kommt keine Lethargie auf. Zu keinem Augenblick wirkt der Roman langweilig oder belanglos. Im Gegenteil: Als Leserin folgte ich jedem Satz und Absatz wie gebannt zum nächsten.

Es ist ungeheuer faszinierend, wie Rodoreda diese besondere Stimmung schafft und den Leser zu fesseln mag, obwohl sie ihre Geshcichte so ruhig, gelassen und unaufgeregt erzählt – vielleicht auch gerade deswegen.

Roger Willemsen schreibt in diesem Sinne im Nachwort :

Es sind die großen, dabei oft die unterschätzten Erzählerinnen und Erzähler, die etwas so Immaterielles zurücklassen wir das Schweben einer Stimmung, die Verdichtung eines Klimas […] Da eigentliche Element dieses Romans, das ist die Luft zwischen den Informationen, das ist seine Atmosphäre voller Schwingungen und Halbtöne, sie sind es doch, aus denen das Erfahren im Grunde besteht. (S. 228)

Ja, dicht und voller Schwingungen ist die Atmosphäre im Garten über dem Meer. Kein Element, kein Satz oder Wort ist zu viel, alles wirkt stimmig und gehört an seinen Platz. Diese perfekte und zugleich scheinbar mühelose Komposition des Romans sorgt für den Spannungsbogen, den Rodoreda fast unmerklich spannt. Und sie nimmt auch den Leser gefangen und gibt ihm das Gefühl, selbst inmitten des Gartens zu stehen und die Ereignisse gemeinsam mit dem Gärtner zu beobachten.

Auch mir ging es am Ende der Lektüre wie Willemsen:

man verweilt, schwärmt, möchte aus seiner [des Romans, Anm.] Sphäre nicht entlassen werden – denn er ist nicht ausgelesen. Er steht noch im Raum.

Ja, wirklich genauso erging es mir, als ich den letzten Satz gelesen hatte – und wehmütig an den Anfang zurückblättere. (Den hatte ich zwischendurch schon mehrmals wiedergelesen, weil er mir so gut gefiel.)

Es ist jetzt knapp zwei Wochen her, dass ich Der Garten über dem Meer gelesen habe. Und noch immer stehen mir die Bilder des Romans deutlich vor Augen. Als wäre ich selbst sechs Sommer lang im Garten über dem Meer gewesen.

♣♣♣

Tipp zum Weiterlesen: Deutschlandfunk über Rodoreda und ihren Roman

Advertisements

4 Gedanken zu “Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer

  1. Oh, das klingt ganz wunderschön – schon bei Vera dachte ich, das Buch müsste auch was für mich sein. Gut, dass ich morgen einen Besuch in meiner Lieblingsbuchhandlung eingeplant habe ; ) Liebe Grüße
    Petra

  2. Pingback: Blogbummel Januar 2016 – 1. Teil |

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s