Genevieve Cogman: The Invisible Library

Genevieve Cogmans Fantasy-Roman The Invisible Library (dt. Die Unsichtbare Bibliothek) folgt der Agentin Irene auf ihrer Mission, ein wertvolles Buch für die unsichtbare Bibliothek zu finden. Ein spannender und fantasievoller Lesespaß, dem aber doch deutlich das Zeug zum Lieblingsbuch fehlt.

Eine Freundin hatte mir The Invisible Library der britischen Autorin Genevieve Cogman zum Geburtstag geschenkt. Ich las es im November oder Dezember, als mir gerade nach einem spannenden, unterhaltsamen, unkomplizierten Buch zumute war, das den Leser in Atem hält. Insofern hatte Cogmans Roman ganz meinen Wünschen entsprochen.

Und doch hat es schon beim Lesen, ja ab dem ersten Satz, gespaltene Gefühle in mir hervorgerufen.

Aber zunächst zum Inhalt – damit ihr wisst, worum es hier eigentlich geht.

The Invisible Library: Darum geht es

Es geht um eine Bibliothek, so viel ist dank des Titels klar. Wirklich unsichtbar ist sie nicht, aber der Leser lernt sie fast ausschließlich über das Hörensagen kennen: Der Großteil der Geschichte spielt außerhalb der Bibliothek, sie dient nur als Referenz, um die Beweggründe und Handlungen der Heldin zu erläutern.

Die Heldin des Romans heißt Irene. Sie ist Bibliothekarin, doch ihre Aufgaben sind ebenso ungewöhnlich wie die Bibliothek, in der sie angestellt ist: Irene ist Agentin und stets auf der Jagd nach besonderen Büchern. Ihre Aufträge führen sie in vielfältige alternative Welten – alle zugänglich über die Bibliothek.

Auf den ersten Seiten besteht Irene erfolgreich ein Abenteuer in einer dieser alternativen Welten und beweist ihre Zähigkeit und Loyalität. Doch kaum im sicheren Hafen der Bibliothek angekommen, erhält sie auch schon ihren nächsten Auftrag – und einen Schüler obendrein: der attraktive Kai ist Bibliothekarsanwärter und kennt bisher nur die graue Theorie. Durch Irene soll er nun in die Praxis des Büchererwerbens eingewiesen werden.

Irene ist zunächst wenig begeistert. Und ihre gemeinsame Mission hat es in sich: Sie müssen in ein alternatives, pseudo-viktoriansiches London, wo Frauen lange Röcke tragen, große Detektive wirken, Geheimbünde mauscheln und magische Wesen vom Vampir bis zum Werwolf sich zwischen ganz normale Bürgern mischen. Das Chaos hat in diese alternative Welt Einzug gehalten, personifiziert durch das machthungrige Feenvolk und den ebenso verführerischen wie gefährlichen Lord Silver.

Bei ihrer Ankunft müssen Irene und Kai jedoch erfahren, dass das Buch – eine seltene Ausgabe der Grimmschen „Hausmärchen“ – gestohlen und sein Besitzer bestialisch ermordet wurde. Lord Silver, ein technologieaffiner Geheimbund und Irenes größte Rivalin sind ebenfalls hinter dem Buch her und so haben Kai und Irene jede Menge zu tun, um in dieser aus den Fugen geratenen Welt zu überleben – geschweige denn das Buch aufzusüpren.

Und das ist nicht das Schlimmste: der sagenumwitterte Ex-Bibliothekar Alberich scheint ebenfalls irgendwo in diesem London zu stecken. Und auf dem Weg zu „seinem Buch“ hinterlässt er eine blutige Spur… Für Irene ist klar: Sie muss das Buch unbedingt vor Alberich finden!

Invisible Library

Gespalten: Pageturner versus Abturner

Nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, war ich neugierig, ob andere Leser ähnlich empfanden wie ich. Die Kommentare und Rezensionen zu The Invisible Library bei goodreads.com entsprachen in vielen Fällen meinen Leseeindrücken:

I felt detached while reading this: I didn’t really care about the characters or the events. (Burn)

I’m torn on the rating; I did enjoy reading it a lot, but I also felt like it was a bit scatterbrained, a bit… well, disorganised. Lawless. Chaotic. Which is part of the point of the story, I know, but I felt it also on a narrative level. (Nikki)

Vielleicht liste ich einfach einmal auf, was für mich die Pros und Contras waren:

Die Pros:

  • ein Buch über Bücher
  • eine starke Frauenfigur auf geheimer Mission
  • Geheimnisse, die es im Laufe der Lektüre zu enträtseln gilt
  • der Schauplatz London
  • eine Vielzahl interessanter (wenn auch etwas klischeehafter) Charaktere: der gerissene und verführerische Schurke Silver, der jungenhaft-ungestüme Lehrling Kai, die schöne, aber arrogante Widersacherin Bradamant, der väterlich-kluge Detektiv Vale, der blutrünstige, dem Bösen vollkommen verschriebene Alberich…
  • eine spannende Handlung, die den Leser packt und in die Geschichte hineinzieht.

Die Contras:

  • Die bisweilen unorganisiert wirkende Erzählweise nervte mich. Zu Beginn der Geschichte wird der Leser mit der Vorstellung der Hauptfigur, ihrer aktuellen Mission, ihrer Rolle als Spionin, der Existenz von Parallellwelten usw. geradezu erschlagen. Er muss auf wenigen Seiten eine Menge Infos über Irenes Welt verdauen. Doch was es genau mit der Unsichtbaren Bibliothek auf sich hat, ist lange Zeit recht nebulös. Erst spät im Buch folgt eine ausführliche Erklärung, aber zu diesem Zeitpunkt sollte der Leser doch bereits Bescheid wissen!?! Auch bestimmte Begebenheiten und das Auftauchen verschiedener Personen wirken willkürlich und sind zum Teil auch für die weitere Handlung bedeutungslos.
  • Als Leserin dieser Abenteuer-Detektiv-Geschichte rätselte ich unweigerlich mit, was es mit dem Bücherraub und vielen anderen Ereignissen auf sich haben könnte. Doch nie hatte ich die Chance, die Wahrheit vor bzw. gleichzeitig mit Irene zu erraten. Das Problem: Der Leser weiß einfach nicht genug über die Hintergründe der unsichtbaren Bibliothek. Mit jeder Wendung der Geschichte bekommt er wieder neue Erklärungen und Informationen aufgetischt. So wird zwar langsam alles klarer, aber der Leser hat nie „Aha“-Erlebnisse und der Spaß des Miträtselns bleibt gänzlich auf der Strecke.
  • An vielen Stellen wird allzu offensichtlich, was die Intention der Autorin ist: der Leser soll schmunzeln, soll sich berührt fühlen, soll schockiert sein… Doch leider gelingt es ihr nicht immer, diese Empfindungen mit klischeehaften Szenen und Dialogen auch hervorzurufen.
  • Die Charaktere berühren nicht wirklich: wie die Geschichte ließen mich auch ihre Figuren ziemlich kalt. Ja, ich fand sie durchaus sympathisch oder eben unsympathisch, ich folgte Irenes Abenteuer gespannt – aber eine tiefere Beziehung baute ich zu ihnen nicht auf. Besonders die Heldin Irene fand ich blass und wenig greifbar, die ihr zugeschriebenen Charaktereigenschaften sind austauschbar und unterscheiden sie nicht sonderlich von anderen fiktionalen Heldenfiguren.
  • Das Ende fand ich recht platt und nahm es mit hochgezogenen Brauen zur Kenntnis: Zu deutlich wurde (allerspätesetens hier), dass die Autorin eine Fortsetzung in Planung hat und die Geschichte um Irene, Kai und das alternative London fortgesetzt werden soll. (Mit Googles Hilfe fand ich heraus, das der Fortsetzungsband in Großbritannien just im Dezember 2015 erschienen ist!)

Obwohl ich eine gewisse Neugier auf die Fortsetzung nicht leugnen kann (wird sich Irene in Kai verlieben, wird der Bösewicht Silver wieder mitmischen, was hat es mit dem 88. Märchen der Brüder Grimm und dem Geheimnis der unsichtbaren Bibliothek auf sich??), verspüre ich keine sonderlich große Lust darauf, auch The Masked City zu lesen. Sicher wird auch diese Geschichte spannend sein – aber das sind auch viele andere Fantasyromane. Ich werde mich wohl, sollte ich wieder Lust auf Fantasy und Abenteuer haben, besser an eine andere Reihe und andere Autoren halten. Lieber etwas Neues entdecken, das möglicherweise das Potenzial hat, mich von den Socken zu hauen!

Wer Fantasy und Abenteuer, Bücher, Spione und das viktorianische London mag, wird mit The Invisible Library sicherlich ganz gut unterhalten. Doch ein Meilenstein der Fantasy-Literatur ist es nicht.

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3 Gedanken zu “Genevieve Cogman: The Invisible Library

  1. Danke für deine Bewertung. Das klingt ein wenig, als ob sich hier jemand an den Erfolg der Thursday Next-Romane von Jasper Fforde anhängen wollte. LG, Anna

      • Hallo ihr beiden,
        die Thursday-Next-Romane kenne ich noch gar nicht. (Aber kommt mir bekannt vor, ich hab wohl schon mal davon gehört…) Danke jedenfalls für den Tipp! Jetzt weiß ich, was ich lesen werde, wenn mir mal wieder nach Fantasy ist.
        LG Stefanie

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