Eine Geschichte für jeden Tag

Seit dem 1. Januar lese ich jeden Tag eine Geschichte.

aufgeschlagenes Buch mit Geschichten von Eduardo Galeano

Ich lese jeden Tag eine „Miniatur“, um genau zu sein. Kurzprosa.

Es sind ausdrucksstarke, intensive Texte, alle kürzer als eine Seite. Jede dieser Kürzest-Geschichten widmet sich einem Tag im Jahr.

Die Geschichte des 1. Januar handelt davon, dass dieser Tag nur durch die Willkür der Römer und später des Vatikans zum ersten Tag des Jahres geworden ist, das er aber für die Mayas, Juden, Araber und so weiter ein ganz gewöhnlicher Tag war und ist.

Am 4. Januar wird an Isaac Newton erinnert, dessen Geburtstag dieser Tag im Jahr 1643 war.

Am 5. Januar 1943 starb dagegen George Carver, ein Abkömmling von Sklaven und Pionier der amerikanischen Erdnussbutter.

Und so geht es weiter, Tag für Tag, bis zur 366. Geschichte, dem 31. Dezember. (Ja, 366 Texte sind es, denn auch der 29. Februar bekommt seine Geschichte!)

Es geht um das Buch Kinder der Tage des uruguayischen Autors Eduardo Galeano. Ich hatte es im Dezember auf dem Markt der unabhängigen Verlage im Literaturhaus München am Stand des Peter-Hammer-Verlags entdeckt. Sofort war ich fasziniert von der Idee, jedem Tag im Jahr eine Geschichte zu widmen: Knapp und schnörkellos, aber in einer eindringlichen Sprache an historische Begebenheiten und Personen zu erinnern, die mit diesem Datum (lose) verbunden sind.

Eduardo Galeano: Kinder der Tage

Es sind ganz unterschiedliche Dinge, die Galeano seinen Lesern ins Gedächtnis ruft, ja überhaupt erst bewusst macht: die Hinrichtung einer Indio-Kriegerin, die Geburt des Dampfmaschinenerfinders, das Erdbeben von Haiti im Jahr 2010. Galeano erzählt Anekdoten wie die um einen nordargentinischen Schriftsteller und Autoliebhaber, oder erinnert an den Tag, als der Geigenvirtuose Joshua Bell in einer U-Bahnstation Washingtons spielte und ihm keiner der vorbeihastenden Menschen auch nur die geringste Beachtung schenkte.

Allesamt sind es gewissermaßen „unerhörte Begebenheiten“, die der Autor in seinen Miniaturen behandelt.

Jede der Geschichten ist weniger als eine Buchseite lang und vermittelt einen kurzweiligen, ungewöhnlichen Blick auf historische Begebenheiten. Das Lesen der Texte regt mich zum Nachdenken an, inspiriert oder verwundert mich. Jeden Tag öffnet sich mir auf diese Weise ein Fenster, das den Blick auf eine unbekannte Landschaft freigibt. Ich sehe nur einen Ausschnitt der Welt, umrahmt und eingegrenzt vom Fenster der Geschichte; manchmal ist mir der Ausschnitt vertraut, manchmal gänzlich unvertraut und verblüffend.

Dies sagt der Verlag:

Springend durch die Jahrhunderte und fortschreitend durch das Jahr zeigt Eduardo Galeano das immerwährende Prinzip von Oben und Unten, Macht und Ohnmacht. Die Leichtigkeit und der feine Humor nehmen den Geschichten nie die Schärfe, machen sie aber zum großen Lesevergnügen.

Im April 2012 stellte Eduardo Galeano seine Miniaturensammlung, im Original Los hijos de los días, in Montevideo einem begeisterten Publikum vor.

José Gabriel Lagos schrieb in la diaria über diese Lesung und das Buch:

Den roten Faden von Galeanos Vortrag bildet der Antiimperialismus, in einem weiten Sinn verstanden […] Der Argwohn gegenüber der Technologie (Autos inbegriffen), begleitet von der Verehrung für die präkolumbischen Traditionen, der „Lateinamerikanismus“, das Vertrauen in Denkvermögen und Gestaltungskraft als Werkzeuge wahren Fortschritts, die Vorstellung, dass „die Welt kopf steht“, und schließlich die Gewissheit, dass sich alles ins Lot bringen lässt – das macht die großen Linien von „Los hijos de los días“ aus.

[Übersetzung: poonal/ npla.de]

Erschienen ist das Buch Kinder der Tage beim Peter Hammer Verlag.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s