John Williams: Stoner

Stoner stand schon lange in meinem Bücherregal und wartete darauf gelesen zu werden. Ganz geduldig, so wie auch der Titelheld William Stoner ganz geduldig in seinem Leben ausharrt, das alles andere als erfüllt und glücklich ist. Eine stille, schön erzählte, aber auch tieftraurige Geschichte.

englische Ausgabe von John Williams Roman "Stoner"

In dem 1965 in den USA veröffentlichten Campus-Roman geht es um einen Uni-Professor, dessen Leben von Niederlagen, aber auch von seiner Liebe für die Literatur und seinen Beruf geprägt ist.

Als Sohn eines einfachen Farmers soll William Stoner kurz vor dem Ersten Weltkrieg Agrarwissenschaften studieren, entdeckt jedoch die Literaturwissenschaft und die akademische Laufbahn für sich: Als junger Stundent kommt William Stoner durch einen Pflichtkurs mit der englischen Literaturgeschichte in Berührung. Zunächst fühlt er sich von diesem Kurs beunruhigt, er weiß nicht so recht, was er davon halten soll. Dann, eines Tages, kommt es wie eine Erleuchtung über ihn. Es ist ein für Außenstehende unscheinbarer Moment: Stoner soll erklären, was Shakespeares 73. Sonett bedeutet: „It means… it means“ setzt er an und findet keine Worte dafür. Zugleich aber weitet sich mit einem Mal sein Bewusstsein für Dinge, die ihm bisher verborgen geblieben sind, deren Bedeutung er ebensowenig auf den Punkt zu bringen vermag wie die Bedeutung jenes Gedichtes.

„He looked at them curiously, as if he had not seen them before, and felt very distant from them and very close to them.“

Im folgenden Semester wechselt Stoner von Agrarwissenschaften zur Literaturwissenschaft und widmet sich fortan mit großem Eifer seiner Faszination für die Literatur.

Die Jahre vergehen. Es entwickelt sich eine Art Freundschaft mit zwei Kommilitonen – der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten auch über die Universität im Mittleren Westen – Stoner schließt sein Studium und seine Promotion ab und tritt eine Stelle als Assistenzprofessor an der University of Missouri an.

Als er sich schließlich bei einer Party verliebt, möchte der Leser ihm sofort zurufen „nein, sie ist nicht die Richtige, sie wird dir nicht guttun!“. Schon in der ersten Begegnung mit der jungen Bankierstochter Edith wird die Gefühlskälte vorausgedeutet, die die Beziehung der beiden (besser: Ediths Beziehung zu Stoner) prägen wird:

As if she had not heard him she opened the door and stood for several moments without moving: the cold air swept through the doorway and touched Stoner’s hot face. (48-9)

Stoners Ehe wird unglücklich verlaufen. Seine Karriere an der Uni wird durch einen feindseligen Kollegen sabotiert und auch, als Stoner sich in späten Jahren neu verliebt, scheint sein Glück nicht von langer Dauer zu sein…

Vor ein paar Jahren ist Stoner in den USA neu erschienen und wurde schließlich auch in Deutschland entdeckt, wo er lange Zeit auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.

Ich hatte Stoner bereits kurz nach seinem Erscheinen in Deutschland in einer Buchhandlung aufgeschlagen und beschlossen, den Roman unbedingt einmal lesen zu wollen. Schon die erste Seite, die lakonische Zusammenfassung von William Stoners Leben und die Beschreibung seiner Bedeutungslosigkeit („and few students remembered him with any sharpness“), hatte mich fasziniert.

Die ZEIT schreibt über den Roman:

Eine hundsnormale Geschichte also, und doch hat man sie so noch nie gelesen. Sie wirkt nicht wie ein Roman, nicht wie die kunstfertige Erzählung einer fiktiven Biografie, die man interessiert zur Kenntnis nähme. Sie wirkt wie der unabänderliche Bericht über das Leben eines Mannes, der sich selber nicht begreift, gar nicht begreifen will, weil er anderes zu tun hat, als seinem Inneren nachzuspüren. […] Sehr bald sehen wir diesen Mann leibhaftig vor uns, erkennen das Spiegelbild der eigenen Existenz in all ihrer Dunkelheit. Wir freuen uns mit Stoner, wir hadern mit ihm, wir leiden mit ihm – zuweilen so sehr, dass wir nicht weiterlesen mögen.

Und wir begreifen: Man kann das Leben nur leben, so gut es eben geht. Wirklich verstehen kann man es nicht.

Als ich das Buch nun endlich tatsächlich las, war ich weniger angetan als ich erwartet hatte. Ich kann nicht sagen, was genau ich mir eigentlich von dem Roman versprochen hatte, aber nach all den begeisterten Besprechungen und Rezensionen war ich dann fast ein wenig enttäuscht. Ich fand Stoner gut zu lesen, ich fühlte mit dem Helden. Aber „begeistert“ war ich nicht, ich las den Roman nicht mit Hingabe.

Und obwohl mir Williams Stil und Erzählweise ausgenommen gut gefielen, blieb das Vergnügen beim Lesen teilweise auf der Strecke. Der Roman ist eben kein „Gute-Laune-Buch“, keine Geschichte voller Schwung und Leichtigkeit, die den Leser seinen Alltagstrott vergessen lässt. Im Gegenteil: Es ist ein Buch, das seinem Leser vor Augen ruft, dass kein Mensch einen Anspruch auf „Glück“ hat, dass es im Leben nicht immer gerecht zugeht. Gerade weil der Autor seinen Helden so einfühlsam schildert und dem Leser sehr nahe bringt, fand ich es oft regelrecht unerträglich, von den Demütigungen und Rückschlägen zu lesen, die ihm zeit seines Lebens widerfahren. Auf Stoner warten immer wieder neue Niederlagen und Unannehmlichkeiten, während ich als Leserin ihm endlich ein wenig Glück und Frieden gewünscht hätte.

Doch auch wenn mich Stoner nicht restlos begeistert hat: Es ist ein sehr feinfühliges, kluges Buch, das es schafft, das ganz gewöhnliche, unspektakuläre Leben eines gewöhnlichen, unspektakulären Mannes sehr eindringlich zu schildern. Es ist eine unaufgeregte Geschichte, die in so ruhigem, gleichmäßigem Rythmus dahinfließt wie das Leben des Protagonisten.

Mehr zu Stoner findet ihr im Stoner-Special von dtv.

Sehr lesenswert ist außerdem die Rezension von Julian Barnes (Englisch).

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Ein Gedanke zu “John Williams: Stoner

  1. Das ist ein Buch, das ich sehr, sehr gern gelesen habe. Das (einfache) Leben mit all seinen Höhen und eben auch Tiefen finde ich persönlich als ein sehr interessantes Thema. Und ich glaube, da sind die Amerikaner literarisch einfach die Meister. Von Williams hat mir auch sein Roman „Butcher’s Crossing“ gefallen. Viele Grüße

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