Stevensons „Kidnapped“: Unterwegs im rauen Schottland

Wilde Highlander und Rebellen, ein junger, weltunerfahrener Lowlander, dessen schurkischer Onkel und gewaltätige Seeleute – das ist das Figurenpersonal von  Kidnapped (dt. Entführt), einem 1886 erschienenen Abenteuerroman aus der Feder von Robert Louis Stevenson.

zwei spitze Felsen in den Highlands

Die Handlung

Schottland, 1752. Der junge David Balfour hat nach der Mutter auch den Vater verloren und verlässt sein beschauliches Heimatdorf im südlichen Schottland. Er macht sich auf den Weg zu seinem einzigen Verwandten, dem Bruder seines Vaters, der in der Nähe von Edinburgh auf dem verarmten Familiensitz lebt. Doch Onkel Ebenezer ist ein Schurke wie er im Buche steht – er denkt nicht daran, seinem Neffen sein Erbe zu überlassen. Stattdessen versucht er, den Jungen loszuwerden. Und was wäre da bequemer, als ihn von einem Schiffskapitän und dessen Mannschaft entführen und in die amerikanischen Kolonien bringen zu lassen? Dort soll er als weißer Arbeitssklave verkauft werden.

Doch David hat Glück im Unglück: Das Schiff erreicht Amerika nie, denn die Mannschaft erleidet Schiffbruch und David findet sich an der nördlichen Küste Schottlands wieder. Sein Weg gen Süden ist mit zahlreichen Begegnungen und Abenteuern gepflastert. Und dann ist er auch noch bei der Ermordung des „Red Fox“, eines vom englischen König eingesetzen Landvogts, zugegen und wird des Mordes verdächtigt…

Sein Freund, der berüchtigte Jakobit Alan Breck Stewart, tritt mit David die Flucht durch die rauen Highlands an, doch diese gestaltet sich als alles andere als ein Zuckerschlecken…

Kidnapped (sketch)

Skizze von Davids Reise per Schiff und zu Fuß durch Schottland.Abb.: Ancalagon [Public domain], via Wikimedia Commons, gemeinfrei

Ein lebendiges Bild von Schottland nach dem Jakobitenaufstand

Kidnapped zeichnet ein lebendiges Bild von Schottland im 18. Jahrhundert. Konflikte zwischen den Engländern und den rebellischen Jakobiten in den schottischen Highlands bestimmen das Leben der Menschen; die Clanzugehörigkeit entscheidet, auf welcher Seite man steht.

Einige Figuren des Romans sind keine fiktiven Gestalten, sondern historisch belegte Personen: Alan Breck Stewart, Colin Campbell of Glenure (bekannt als „Red Fox“) oder Rob Roys Sohn, der Outlaw Robin Oig. Auch die Ermordung des Colin Campells im Beisein Davids hat einen historischen Kern: Der sogenannte Mord von Appin fand am 14. Mai 1752 statt, mitten in den Nachwirren des Jakobitenaufstands von 1745.

stevenson

Während sich Davids private Probleme rund um Onkel Ebenezer und sein Erbe schließlich in Wohlgefallen auflösen, bleibt am Ende offen, wie David den Mordverdacht wieder abschüttelt. Immerhin wird eine Fortsetzung des Romans angekündigt.

Diese erschien auch 1893 unter dem Titel Catriona. Catriona ist der Name einer fikitven Enkelin Rob Roys, in die David sich verliebt und mit der er weitere Abenteuer erlebt… (Gelesen habe ich die Geschichte aber selbst noch nicht.)

Fazit: Ein zutiefst schottischer Roman

Kidnapped hat ohne Zweifel auch heute noch eine starke Wirkung. Die Heldenreise Davids ist sehr spannend erzählt und nebenbei erfährt der Leser viel über das Schottland des 18. Jahrhunderts. David Balfour und Alan Breck sind sehr greifbare, lebensecht geschilderte Figuren, an deren Abenteuern der Leser echten Anteil nimmt. Von der Thematik her (also den Wirren und Konflikten in Schottland, dem Clanwesen und den politischen Bekenntnissen der Charaktere) war mir Kidnapped allerdings sehr fremd.

Durch die schottisch gefärbte Sprache ist das Buch im Original auch nicht ganz einfach zu lesen – aber Spaß macht es trotzdem, sich beispielsweise nach kurzem Stutzen zu erschließen, dass das „parritch, das Onkel Ebenezer tagein tagaus morgens, mittags wie abends isst, „Porridge“ ist. Und „ye“ steht für „you“, „nae“ für „no“, „I ken“ heißt „I know“ usw. Wörter wie „pit-mirk“, „muckle“ oder „gyte“ sind zwar weniger leicht zu erschließen, klingen dafür aber lustig.

Alles in allem ist der Roman ein zutiefst schottischer. Stevenson, der ja selbst Schotte war, tauchte dafür in die schottische Geschichte ein und zeichnete ein sehr eindringliches und detailgetreues Bild der (Highland-)Schotten und ihres komplexen Charakters.

Zahlreiche Autoren ließen sich von Kidnapped inspirieren oder äußerten sich lobend über den Roman. Auch Henry James war sehr angetan und pries den Abenteuerroman als „Stevensons bestes Buch“.

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