Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten: ein kleines Dorf in Brandenburg, nicht allzu weit von Berlin. So ruhig und beschaulich fließt das Leben in Unterleuten dahin, dass verdrossene Großstädter hierher ziehen, um endlich ihre Träume zu verwirklichen. Doch bald schon machen sich erste Konflikte bemerkbar und die Zugezognen müssen erkennen, dass es unter der friedlichen Oberflächliche ganz schön brodelt.

Was als  Gesellschaftsroman begonnen hat, nimmt zunehmend thrillerartige Züge an…

Roman "Unterleuten" von Juli Zeh

Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv. (S. 434)

Elf Personen stellt Juli Zeh in den Mittelpunkt des Romans, jede von ihnen hat ihre ganz eigene Sicht auf die Entwicklungen in Unterleuten. Manche sind hier alt geworden, wie die Erzfeinde Kron und Grombrowski, die die Nachwirren des Zweiten Weltkrieges und vor allem die DDR miterlebt haben. Andere sind erst seit kurzem in Unterleuten angekommen: Der Ex-Soziologiedozent und jetzige Vogelschützer Fließ mit seiner jungen Familie, die vom Nachbarn mit Luftverpestung terrorisiert wird, wie auch die eigensinnige „Pferdefrau“ Linda Franzen, die alles ihrem Wunsch unterordnet, endlich ihr geliebtes Pferd nachzuholen und einen Pferdehof aufzubauen.

Das zerbrechliche Gefüge der zusammengewürfelten Dorfgemeinschaft droht endgültig auseinanderzuberechen, als in Unterleuten ein Windpark entstehen soll. Zunächst sind alle Dorfbewohner gegen den Park, doch dann stellt sich heraus, das der eine oder die andere aus dem Bau der Windräder Profit schlagen könnte. Und so werden rasch neue Bündnisse geschmiedet und Intrigen ausgeheckt, bis alles aus dem Ruder läuft.

Puzzleteil fügt sich an Puzzleteil

Jeder der Protagonisten steht in einer besonderen Beziehung zum Dorf, aber auch zu den anderen Menschen. Und allerortens schwelen Konflikte: Im Dorf zwischen dem Lager Kron und dem Lager Gombrowski, im Privaten zwischen Töchtern und Vätern, Ehemännern und Ehefrauen oder Nachbarn.

Nach und nach entfaltet sich der dörfliche Mikrokosmos vor dem Leser. Die Kapitel tragen jeweils den Namen derjenigen Person als Titel, aus deren Perspektive erzählt wird: „Fließ“, „Franzen“, „Gombrowski“ usw.

Eine Geschichte wird nicht klarer dadurch, dass viele Leute sie erzählen. (S.629)

Das stellt nicht nur die Journalistin Lucy Finkbeiner fest, die als Außenstehende den Epilog erzählt.

Auch als Leser ist man sich am Ende des Romans nicht sicher, alles „verstanden“ zu haben. Am liebsten würde man sofort wieder nach vorne blättern, querlesen, bestimmte Stellen, an die man sich dumpf erinnert, suchen und wie ein Puzzleteil zum großen Ganzen hinzufügen. Schon mit der forschreitenden Lektüre wird klar: Auf die Details kommt es an. Wenn Juli Zeh von der speziellen Trinkwasseraufbereitungsanlage des Dorfes erzählt, eine gefährliche Kurve auf der Landstraße oder ein verheerendes Gewitter, das vor vielen Jahren stattgefunden hat, erwähnt, dann hat das eine Bedeutung. Auch wenn das der Leser erst viel später begreift. Alles wird sich am Ende zu einem Bild zusammenfügen und logisch erscheinen. Aber zugleich entstehen dabei unendlich viele neue Bilder, die unendlich viele neue Fragen aufwerfen:

Je mehr ich erfuhr, deso stärker erinnerte mich die Geschichte an mein Lieblingsspielzeug aus Kindertagen, ein rotes Kaleidoskop […] Man drehte ein wenig, und alles sah anders aus. (S.629)

Meine Eindrücke

Ich habe Unterleuten über mehrere Wochen hinweg gelesen. Zwischenzeitlich habe ich den einen oder anderen kürzeren Text eingeschoben. Das ist zwar nicht unbedingt ideal, aber bei einem derart umfangreichen Buch, dass sich nicht immer so leicht einstecken lässt, fast unvermeidbar. Und manchmal brauchte ich auch eine kleine Pause vom Unterleuten-Kosmos, der einen ganz schön in den Bann zieht und auch allerhand Hässliches im zwischenmenschlichen Bereich offenbart. Das soll aber nicht heißen, dass ich den Roman nicht gern gelesen hätte. Ich fand ihn vom ersten Kapitel an sehr spannend; ich musste einfach immer weiter- und weiterlesen!

Unterleuten-Juli-Zeh

Mit der Zeit kommen beim Lesen immer mehr Fragen auf. Eine, die mich auch nach Beenden der Lektüre beschäftigt, lautet: Wie ist Gombrowksi, den die einen hassen, die anderen fürchten und wieder andere bemitleiden, wirklich? Wessen Sicht auf ihn kommt der Wahrheit am nächsten? Wem kann der Leser vertrauen? Ihm selbst, seiner Frau, Kron oder doch Jule, der Frau des Vogelschützers? Die Frage lässt sich nicht zufriedenstellend beanworten, weil es darauf keine einzig wahre Antwort gibt, wie auch im Leben selbst.

Es gibt nicht „die eine Wahrheit“

Gerade das aber hat mich an dem Roman so fasziniert: Dass er dem Leser vor Augen führt, dass es immer mehrere Perspektiven und Wahrheiten gibt. Im Politischen wie Privaten. Die „anderen“ kennen die Beweggründe nicht, sondern nehmen nur eine Handlung oder erst ihr Ergebnis wahr. Dementsprechend fällen sie ihre Urteile, doch die „Wahrheit“ liegt womöglich ganz woanders.

Wirklich sympathisch kann man wohl keine der Figuren nennen. Aber doch kann man sie alle verstehen, sobald man ihre Gedanken und Einstellungen kennenlernt. Der Wechsel der Innen- und Außenperspektiven macht „Unterleuten“ so besonders faszinierend und baut Spannung auf.

Ein Roman, den ich nur empfehlen kann!

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2 Gedanken zu “Juli Zeh: Unterleuten

  1. Der Empfehlung kann ich mich anschließen – mit „Es gibt nicht die eine Wahrheit“ bringst Du es auf den Punkt. Auch ich fand in dem Buch keinen Sympathieträger, aber gerade das machte es auch so spannend.

    • Ja, und obwohl man keinen Sympathieträger findet, kann man sich doch gut in die Personen hineinversetzen und irgendwie verstehen, warum sie so (geworden) sind, wie sie sind. So ging es zumindest mir.

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