Meister des angenehmen Grusels: Edgar Allan Poe

Winkler Dünndruck: Ausgabe der Werke von Edgar Allan Poe

Schon als Schülerin haben mich die unheimlichen Geschichten von Edgar Allan Poe fasziniert: Als wir in der neunten, zehnten (?) Klasse im Englischunterricht „The Tell-Tale Heart“ („Das verräterische Herz“) lasen, war das meine erste Berührung mit Poe. Ich fand die Geschichte damals ganz schön unheimlich – und unheimlich gut!

Edgar Allan Poe portrait B

Abb.: Oscar Halling, Wikimedia Commons, CC0

Nach und nach las ich auch „Der Mord in der Rue Morgue“, „Die Grube und das Pendel“, „Die schwarze Katze“, „Der Untergang des Hauses Usher“ und einige Erzählungen mehr; manche davon sogar mehrmals.

Vor kurzem ist mir eine alte Poe-Ausgabe meiner Eltern in die Hände gefallen und ich las darin kreuz und quer verschiedene Erzählungen, deren Titel gerade meine Neugier weckten. Vor allem war ich neugierig auf die Geschichten, deren Titel ich zwar schon des Öfteren gehört hatte, aber die ich noch nie gelesen habe. Darunter waren „Das Manuskript in der Flasche“, „Die längliche Kiste“ und „Hinab in den Maelström“, die alle auf See spielen und das Motiv eines vernichtenden Sturms und des Todes in den Fluten teilen. Schaurig gut fand ich alle drei, wobei mich die „Kiste“ und der „Maelström“ am nachhaltigsten beeindruckt haben.

„Die Tatsachen im Falle Waldemar“ fand ich ebenfalls sehr spannend, zunehmend unheimlicher und am Ende absolut ekelerregend. Poe beschreibt darin ein mesmeristisches Experiment mit einem Sterbenden, das auf grausige Art endet. Der Mesmerismus oder auch Animalischer Magnetismus übte auf Poe und seine Zeitgenossen eine große Faszination aus.

Lebend Begrabenwerden: Eine weitverbreitetete Angst

Auch in anderen Geschichten befasste sich Edgar Allan Poe mit Themen und Phänomenen, die zu seiner Zeit viele Menschen beeindruckten und beschäftigten. In „Vorzeitiges Begräbnis“ (alternativer Titel: „Lebendig begraben“) schildert Poes Erzähler zahlreiche Fälle von Scheintoten, die vorzeitig beerdigt wurden. Schließlich geht er auf seine eigene pansiche Furcht vor dem lebend Begrabenwerden ein: Er leidet nämlich an Anfällen von Katalepsie, die ihn oft tagelang wie tot wirken lassen. Immer größer wird seine Angst davor, eines Tages tatsächlich vorschnell beigesetzt zu werden und anschließend im Sarg zu erwachen, so dass er schließlich Vorkehrungsmaßnahmen treffen lässt:

Unter anderem ließ ich die Familiengruft so umbauen, daß sie von innen leicht geöffnet werden konnte. Der leiseste Druck auf einen langen Hebel, der tief in die Grabkammer hineinreichte, ließ die eisernen Tore auffliegen. Auch traf ich Vorsorge, daß Luft und Licht freien Zutritt hatten und daß dicht bei dem Sarge, der mich aufnehmen sollte, Gefäße für Speise und Trank bereitstanden. Der Sarg selbst war weich und warm gefüttert und mit einem Deckel versehen, der nach Art der Grufttür eingerichtet war, nur daß hier schon die leiseste Körperbewegung genügte, um den Deckel zu lüften. Überdies hing von der Decke der Grabkammer eine große Glocke herab, deren Seil durch ein Loch im Sarge hineingeführt und an der Hand der Leiche befestigt werden sollte. Aber ach! Was vermag alle Vorsicht gegen das Schicksal. (Quelle)

Ich fand es sehr interessant, nun endlich diese Erzählung Edgar Allan Poes zu lesen, von der ich schon einmal, in Zusammenhang mit dem Friedhof von Recoleta in Buenos Aires, gehört hatte:

Vorkehrungen à la Poe: Alfredo Gaths Gruft in Buenos Aires

Auch noch lange nach Poes Tod war die Angst, lebendig begraben zu werden, weitverbreitet. Alfredo Gath, einem Geschäftsmann in Buenos Aires, graute – ganz wie dem fiktiven Erzähler Poes – vor nichts mehr als vor der Vorstellung, einmal lebendig in den Sarg gelegt zu werden. So ordnete er an, ein elektrisches System in seiner Krypta zu installieren, mit dessen Hilfe er von innen den Sargdeckel öffnen und aus seinem Grab entkommen könnte. Als er 1936 starb, bestattete man ihn mit einem von ihm mehrfach getesteten Sicherheitsapparat zwischen den Händen. Es wirkt fast so, als hätte Alfredo Gath sich an der oben zitierten Passage aus „Vorzeitiges Begräbnis“ orientiert. Immerhin scheint Gath Glück gehabt zu haben – es ist nicht bekannt, dass er von dem elektrischen System in seiner Gruft hatte Gebrauch machen müssen.

Ein kataleptischer Anfall mit tragischen Folgen: Die Weiße Frau von Recoleta

Ebenfalls im Friedhof von Recoleta in Buenos Aires liegt das Grab eines jungen Mädchens, vor dem täglich Touristengruppen stehen und mit wohligem Schauer ihren Tour Guides lauschen:

Es ist das Grabmal de jugendlichen Rufina Cambaceres, Tochter aus wohlhabendem Hause. Im Jahr 1902, am Tag ihres 19. Geburtstages, wurde das Mädchen leblos in seinem Zimmer aufgefunden. Die herbeigerufenen Ärzte bestätigten den Tod Rufinas und sie wurde in der Familiengruft beigesetzt. Die Trauer und der Schrecken nach diesem unerklärlichen und plötzlichen Tod war groß, wie im Nachruf des Wochenblattes Caras y Caretas deutlich wird.

Doch wenig später ereignete sich das, was bis heute die Besucher von Rufinas Grab schaudern lässt: Ein Grabwächter berichtete, dass der Sarg des jungen Mädchens bewegt und sein Deckel beschädigt worden sei. Zunächst dachte man an Grabräuber, doch die Entdeckung, die man beim Öffnen des Sarges machte, war wesentlich grausiger: Da lag Rufina mit zerkratzten Händen und blau angelaufenem Gesicht. Offenbar war sie in ihrem Sarg erwacht und hatte versucht, sich zu befreien – vergeblich. Nach einem verzweifelten, panischen Kampf war das Mädchen dann tatsächlich gestorben.

Jugendstilgrab der Rufina im Friedhof Recoleta, Buenos Aires

Rufinas Grabmal

Es soll sich bei Rufina um einen Fall von Katalepsie gehandelt haben – sie erschien wie tot, war es aber nicht, als man sie in ihren Sarg legte.

Die Geschichte klingt jedenfalls wie aus Edgar Allan Poes ein halbes Jahrhundert zuvor verfassten Erzählung entsprungen…

Bis heute wird gerne behauptet, Rufinas Geist erscheine von Zeit zu Zeit und wandle als dama en blanca, als Weiße Frau, auf dem Friedhof von Recoleta umher…

Faszination bis heute

Die Werke E. A. Poes haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Ich bin überzeugt, dass diese Vorfahren der späteren Detektiv-, Kriminal- und Gruselgeschichte auch Leuten sehr gut gefallen können, die normalerweise nicht gerne lesen oder die Klassiker lieber meiden. Mir gefallen zwar nicht alle seine Geschichten („Die Maske des Roten Todes“ und „Eleonora“ fand ich neulich eher belanglos), aber ich würde zum Beispiel jedem „Das verräterische Herz“ wärmstens empfehlen. Vielleicht, weil es mir selbst den Zugang zu Poe verschafft hat…

Einen Überblick über die Werke von Edgar Allan Poe findet ihr bei Projekt Gutenberg und könnt sie dort auch nachlesen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Meister des angenehmen Grusels: Edgar Allan Poe

  1. Da fällt mir ein, dass ich unbedingt mal wieder zu meiner Poe-Sammlung von Penguin greifen muss. Danke fürs Erinnern!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s