Das Leben einer Fotografin

In Die Fotografin entfaltet William Boyd vor dem Leser das fiktive Leben der Fotografin Amory Clay. 1908 in England geboren erlebt sie die großen weltpolitischen Ereignisse und Umstürze des 20. Jahrhunderts häufig aus nächster Nähe – immer eine Kamera griffbereit. Egal was das Leben für Amory bereithält: Sie geht immer ihren Weg, selbstbewusst, eigensinnig und lebensfroh.

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Deutscher vs. englischer Buchtitel

Mit Buchtiteln ist das so eine Sache. Häufig ist es gar nicht so einfach, einen Buchtitel ideal zu übersetzen. Was den William-Boyd-Roman Sweet Caress betrifft, hat man sich im Deutschen für einen komplett unterschiedlichen Titel entschieden, das Buch heißt schlicht Die Fotografin. „Ein wenig langweilig“, urteilte ich zunächst. Andererseits: Dieser schlichte Titel bringt die Essenz des Romans und der zentralen Romanfigur auf den Punkt: Amory Clay ist Fotografin, von Kindesbeinen an betrachtet sie die Welt durch den Sucher der Kamera und die Fotografie bestimmt ihr Leben, stellt ihr beruflich wie privat die Weichen.

Der Originaltitel Sweet Caress, zu Deutsch etwa „süße Liebkosung“ spielt auf das – fiktive! – Zitat an, dass Boyd seinem Roman voranstellt:

However long your stay on this small planet lasts, and whatever happens during it, the most important thing ist that – from time to time – you feel lifes sweet caress.

Ich würde das folgendermaßen übersetzen:

„Wie lang auch dein Aufenthalt auf diesem kleinen Planeten dauern mag und was auch immer währenddessen geschieht, das Wichtigste ist, dass du – von Zeit zu Zeit – die süße Liebkosung des Lebens spürst.“

Sweet Caress passt insofern ausgezeichnet, weil Boyds Heldin tatsächlich von Zeit zu Zeit diese „süße Liebkosung“ des Lebens zu spüren bekommt. Ihr Leben ist zwar häufig kompliziert, sie durchlebt schwere Schicksalsschläge und Krisen, aber sie kämpft sich stets durch, schafft es, sich immer wieder neu zu erfinden, sich zu behaupten und lebt ihr Leben zu Fülle.Und ich glaube, das ist es, warum ich mich als Leserin so für Amory erwärmt habe. Sie ist eine so starke, eigenwillige, liebenswerte Heldin, die Fehler hat und macht, aber nie den Sinn für das Schöne im Leben verliert und glückliche Momente voll auszukosten weiß.

Fotografin blickt durch die Kamera

Ein Frauenleben im 20. Jahrhundert

Reizvoll ist nicht nur die plastisch gestaltete Protagonistin, sondern auch die Tatsache, dass Boyd in seinem Roman ein (recht außergewöhnliches) Frauenleben mit historischen Ereignissen verknüpft und so vor unseren Augen das vielgesichtige 20. Jahrhundert ausschnittweise vorbeiziehen lässt:

Der Erste Weltkrieg macht sich als Schatten in der Kinder- und Jugendzeit von Amory bemerkbar, denn der Vater kehrt völlig verändert aus dem Krieg zurück und die Beziehung zu ihm wird zeitlebens getrübt sein. Dann erlebt sie als junge Frau in London und Berlin die lebensbejahenden, aufregenden Zwischenkriegsjahre, sieht den Faschismus in Deutschland und vor allem England sowie den Zweiten Weltkrieg heraufziehen und geht 1944 gar als Kriegsfotografin nach Frankreich. Jahre später hält sie mit ihrer Kamera den Vietnamkrieg aus nächster Nähe fest.

Vermeintlicher Realismus: Fotos aus Boyds Privatsammlung

Da ich selbst leidenschaftlich gern fotografiere (wenn auch keineswegs so professionell wie die Heldin), ist es vermutlich kein Wunder, dass mich Boyds Roman verzauberte. Besonders reizvoll an dem Buch ist die Tatsache, dass es mit Fotografien versehen ist, die der Lebensgeschichte Amorys Realität verleihen. So sehen wir (angeblich) Bilder ihrer Liebhaber und ihrer Familie oder diejenigen ihrer fotografischen Werke, mit denen sie einen Skandal heraufbeschworen oder für die sie Preise gewonnen hat. Die Fotos stammen allesamt aus der privaten Sammlung Boyds. Doch sie passen so gut zu Amorys Lebensstationen und den Begebenheiten, die sie uns Lesern schildert, dass man gar nicht glauben mag, dass diese Schwarz-Weiß-Fotos eigentlich etwas ganz anderes zeigen.

Gleichzeitig stellte ich mir als Leserin die Frage: Wer sind wohl die Personen, die hier abgebildet sind? Wo haben sie gelebt? Was haben sie in dem Moment erlebt und gedacht, als sie fotografiert wurden?

 Fazit

Sweet Caress / Die Fotografin ist ein spannender Roman, der beste Leseunterhaltung bietet. William Boyd weiß ganz genau, wie man den Leser bei Laune hält und neugierig macht auf das, was noch kommt. Die meiste Zeit wollte ich das Buch kaum aus der Hand legen – den ganzen Tag freute ich mich darauf, abends nach Hause zu Amory Clay und ihrem abwechslungsreichen Leben zurückzukehren.

Interessante Links:

 

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5 Gedanken zu “Das Leben einer Fotografin

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