Eine Frau beschließt, kein Fleisch mehr zu essen…

… damit fängt alles an im Roman Die Vegetarierin der südkoreanischen Autorin Han Kang. Die FAZ feierte ihn als „die literarische Entdeckung des Jahres“, im Mai ist mit dem internationalen Man Booker Prize ausgezeichnet worden.

vegetarian

In Die Vegetarierin geht es also um eine Frau, die von einem Tag auf den anderen beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Ausschlagebend ist für sie ein beunruhigender Traum, der ihr das Essen von Fleisch zuwider macht. Ihrem Ehemann, ihren Eltern, ihren Geschwistern und deren Partnern bereitet dieser radikale Entschluss größtes Unbehagen. Sie können nicht begreifen, dass  die junge Frau Fleisch mit einem Mal widerwärtig findet und sich schlichtweg weigert, ihre einstigen Lieblingsgerichte zu essen. Bei einem Familientreffen kommt es zum Eklat: der jähzornige alte Vater steckt seiner Tochter mit Gewalt ein Stück Fleisch in den Mund, woraufhin sie versucht, sich das Leben zu nehmen… Damit gerät das Leben der jungen Frau, ihres Mannes, aber schließlich auch das ihrer Schwester und ihres Schwagers erst richtig aus den Fugen…

Drei Perspektiven: Der Ehemann, der Schwager, die Schwester

In drei Abschnitte ist das Buch unterteilt: Zunächst berichtet der Ehemann von der für ihn unerklärlichen Wandlung, dem Aufbegehren seiner bisher so unscheinbaren, leidenschaftslosen, stillen Frau Yeong-hye.

Wie es nach ihrem Selbstmordversuch weitergeht, erfährt der Leser aus der Sicht ihres Schwagers, eines Video-Künstlers. Er begreift ihren inneren Zustand und ihr Verhalten, denn er wünscht sich ebenfalls die gesellschaftlichen Regeln zu brechen. Als er beginnt, seine künstlerischen wie erotischen Obsessionen auszuleben, geraten die Dinge immer weiter außer Kontrolle.

Im dritten und letzten Abschnitt des Romans begleitet der Leser die Schwester von Yeong-hye , wie sie diese in einer abgeschiedenen psychatrischen Klinik besucht und hilflos feststellen muss, dass sie den Verfall Yeong-hyes nicht aufhalten kann. Hier nun erfährt der Leser endlich ein wenig mehr über Yeong-hye. Ihre Schwester erinnert sich zurück an die gemeinsame Kindheit, den gewalttätigen Vater. Hier scheint Yeong-hyes Aufbegehren zu wurzeln, denn schon als kleines Mädchen tat sie ihren Wunsch kund, auszubrechen. Nun, als erwachsene Frau, tut sie es in aller Radikalität: Sie träumt davon ihre menschliche Existenz  hinter sich zu lassen und bereitet sich darauf vor, als Pflanze fortzuleben, als Baum, der von Wasser und Sauerstoff allein lebt…

Fleischverzicht als Provokation

Die Lektüre von Die Vegetarierin wühlt auf und verstört. Da ist eine Frau, die ein komplett unauffälliges Leben geführt hat, perfekt in ihre Familie und die Gesellschaft eingegliedert war – und mit einem Mal aufbegehrt. Die radikale Umwandlung ihres Essverhaltens ist als eine Revolte zu verstehen, die sich gegen ihren gewalttätigen Vater und ihren farb- und lieblosen Ehemann zu richten scheint, aber auch gegen die gesellschaftlichen Regeln, nach denen der Verzicht auf Fleisch als anormal betrachtet wird, ja geradezu verdächtig macht.

The Vegetarian von Han Kang mit Nashi auf Holz

Besonders deutlich wird dies in einer Szene, als Yeong-hye bei einem Abendessen mit den Vorgesetzten und Kollegen ihres Mannes kein Fleisch essen will. Die am Tisch Sitzenden können das nicht fassen, für sie gleicht dieses Verhalten einem Affront. Die junge Frau aber beharrt still auf ihrem Fleischverzicht, sie scheint die Empörung und spitzen Kommentare der anderen gar nicht wahrzunehmen, während ihr Ehemann sich zutiefst schämt und nicht begreift, was hier vorgeht.

Gewalt verpackt in eine unaufgeregte, poetische Sprache

Yeong-hyes Ehemann ist dem Leser vom ersten Satz an suspekt. Er ist ein Mensch ohne Ambitionen und Leidenschaften, ein Büronagestellter, der stoisch seine Pflicht erfüllt, und ein Ehemann, der ebendies von seiner Frau erwartet. Seine ungeniert zur Schau gestellte Gleichgültigkeit gegenüber seiner Frau befremdet bereits zu Beginn des Romans:

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.“

So geht es weiter: Ladpidar beschreibt er ihre Beziehung, ihren ehelichen Alltag und schließlich die Metamorphose seiner Frau. Gerade diese klare, emotionslose, aber durchaus poetische Erzählsprache in Kombination mit der physischen und psychischen Gewalt verstört den Leser und hält ihn in Atem.

In diesem Sinne schreibt Julia Encke in ihrer FAZ-Rezension:

„Han Kang schreibt all dies in Sätzen, die unaufgeregt daherkommen, lapidar und gleichmütig, und die man zugleich als unerhörte Provokation empfindet, weil in jedem Satz die Angst mitschwingt, schon der nächste könne in Gewalt umschlagen. In ständiger Habachtstellung liest man dieses Buch, ununterbrochen alarmiert, in jedem Augenblick aufs Äußerste gefasst. Es ist eine Sprache, die man nur bewundern kann: eine ganz und gar ruhige Oberfläche, die einen extrem bewegt.“

Fazit: Tief eingebrannt ins Lesegedächtnis

Die Vegetarierin hat mich vom ersten Satz an fasziniert, bald aber auch verstört. Vor allem die Szenen in der Klinik im letzten Teil des Buches fand ich mitunter unerträglich und ich konnte nur mit Mühe weiterlesen. Han Kangs Roman geht unter die Haut, eindeutig. Kein Leser wird ihn so schnell vergessen. Vieles wird mit der Zeit verblassen, aber einige Szenen, einige sehr starke Bilder, werden sich für lange Zeit in das Gedächtnis des Lesers eingebrannt haben und ihn so schnell nicht loslassen.

Die Autorin

Im Westen war die Autorin Han Kang bislang unbekannt, während sie in Korea bereits seit vielen Jahren als Schriftstellerin und Dichterin gefeiert wird und für ihr Werk bereits mit zahlreichen Preisen geehrt wurde. Die Vegetarierin war in Südkorea bereits 2007 erschienen. Dass dieser kurze, aufwühlende Roman nun auch dem westlichen Lesepublikum zugänglich ist, ist einer jungen britischen Übersetzerin, Deborah Smith, zu verdanken, die das Buch ins Englische übertrug.

Die deutsche Übersetzung ist im Aufbau Verlag erschienen.

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