Heimito von Doderer, Teil II: „Ein Mord den jeder begeht“

 Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.
So beginnt Heimito von Doderers Roman Ein Mord den jeder begeht.

Meine Annäherung an den Autor Doderer habe ich bereits hier beschrieben. Nun habe ich mit Ein Mord den jeder begeht zum ersten Mal ein Werk von ihm gelesen.

Ein Mord den jeder begeht (1938)

Wie der erste Satz bereits verrät, beginnt der Roman mit der Schilderung einer Kindheit. Conrad Castiletz, liebevoll „Kokosch“ genannt, wächst als behüteter Sohn eines Tuchhändlers auf. In der Schule tut sich Kokosch nie schwer, denn er „war im Besitze jener großen Begabung, ja Kunst, welche jedes Schülerleben erleichert, ebenso wie das eines Rekruten: die Kunst, nicht aufzufallen.“ (Ein Mord den jeder begeht, dtv, ²1965, Seite 12).

Der Angepasste, Wohlgeordnete

Die Gabe, nicht aufzufallen, wird Conrad Castiletz auch in seinem späteren Leben nützen: Er tanzt nie aus der Reihe, begehrt nicht auf, sondern folgt den Wünschen seines Vaters, indem er eine Ausbildung zum Textilingenieur durchläuft. Ebenfalls auf Wunsch seines Vaters tritt er seine erste Stelle in einer fremden Stadt, bei einem Geschäftsfreund seines Vaters, an:

Der alte Castiletz lebte lange genug, um sein Söhnchen […] auf ein wohlvorbereitetes Geleis zu setzen [….]: ganz wie man einst die kleinen Wägelchen der Spielzeugeisenbahn auf ihre Schienen gestellt hatte, und da rollten sie denn. (Ein Mord…, S. 90).

In der Tuchfabrik Carl Theodor Veik, „in einer süddeutschen Mittelstadt“, tritt Conrad seine Stelle als Volontär an. Beruflich entwickelt sich alles bestens und er wird bald unentbehrlich für seine Vorgesetzten. Als Conrad schließlich die wohlhabende Marianne Veik heiratet, scheint sein bürgerliches Leben in geordneten Bahnen zu verlaufen. Doch ein alter, unaufgeklärter Kriminalfall und Conrads seltsame Obsession, diesen aufzuklären, werden nicht nur zur Gefahr für seine junge Ehe, sondern rütteln sein ganzes Leben bald durcheinander.

Die Tote im Zug

Louison Veik, die hübsche jüngere Schwester von Conrads Frau Marianne, war vor rund acht Jahren ermordet worden: In einem Zugabteil wurde sie tot aufgefunden, all ihres wertvollen Schmucks beraubt. Je mehr Conrad über Louison und ihren Mordfall erfährt, desto stärker drängt es ihn, sich selbst an dessen Aufklärung zu machen und Licht ins Dunkel zu bringen. Nach und nach befrägt er Zeugen, begibt sich an den vermeintlichen Schauplatz des Mordes, stellt Nachforschungen, findet ein Beweisstück und verfolgt schließlich den mutmaßlichen Täter durch die abendlichen Straßen Berlins. Doch die Wahrheit, die Conrad schließlich ans Licht befördert, ist eine ganz andere, als von ihm vermutet, und er macht eine furchtbare Entdeckung…

Kriminalroman… oder was?

Worum handelt es sich bei Ein Mord den jeder begeht? Mit seinem Titel scheint Doderer den Roman als Krimi oder Detektivroman zu verbuchen, so könnte man meinen. Und die Aufklärung des Mordes an seiner Schwägerin nimmt natürlich einen wesentlichen Teil des Romans um Conrad Castiletz ein.

Aber um einen echten Kriminalroman handelt es sich keineswegs, wie Thomas Wörtche in seinem Vortrag „Die Peinigung der Begriffe – Ein Mord, den jeder begeht“ anschaulich darlegt (Achtung: Die Aufklärung des Falles wird von Wörtche im Detail beschrieben. Wer sich die Spannung nicht nehmen lassen will, sollte lieber zuerst Doderers Roman selbst lesen!).

Vielmehr ist „Ein Mord…“ ein Entwicklungsroman, der das Leben und Schicksal des jungen Conrad Castiletz von dessen Kindesjahren an schildert. Das deutet bereits der oben zitierte Anfang des Romans an. Der Mordfall dient vielmehr dazu, Conrad endlich aus seinem „wohlvorbereitetem Geleis“ zu werfen und ihn zu einem aktiv Handelnden zu machen, statt sich stets von den Wünschen anderer treiben zu lassen.

Faszinierend & amüsierend: Doderers Sprache & Erzählweise

doderer-werke

Die Aufklärung des Mordes an Louison Veik weist eindeutige erzählerische Schwächen auf, denn die Zufälle und Wendungen, die eintreten, wirken allzu konstruiert. Dafür ist der Roman in ganz andere Weise faszinierend: denn er ist sprachlich witzig, originell und treffend sowie erzählerisch raffiniert. Vieles, was sich zu Beginn des Romans andeutet, kehrt später wieder. Keine Begebenheit scheint Doderer willkürlich beschrieben zu haben, alles ist am Ende gezielt und mit Absicht erdacht worden.

Wiederkehrende Motive, Andeutungen, Querverweise

Am deutlichsten wird das am Beispiel des Zug-Motivs. Züge, Gleise und Tunnel tauchen den ganzen Roman hindurch immer wieder auf, als Spielzeug, als Metapher, als Transportmittel. So spielen der junge Kokosch und sein Vater gemeinsam mit einer Spielzeugeisenbahn, als Jugendlicher unternimmt Conrad eine aufregende Bahnreise, Louison Veik wird in einem Zugabteil ermordet, Conrad wird von seinem Vater auf „ein wohlvorbereitetes Geleis“ gesetzt und der Mordfall wird schließlich von einem Zugführer der Berliner Untergrundbahn aufgeklärt…

Ganz treffend steht auf der Website heimito-von-doderer.de zu lesen:

Doderer fordert von seinen Lesern, sich der Sprache und den zahlreichen Eigenarten seiner Sprache zu öffnen, die verschiedenen Bedeutungsebenen zu entschlüsseln und das Gelesene vor allem kritisch zu reflektieren. Er setzt zugleich ein ständiges Wiederlesen seiner Texte voraus, sind die zahlreichen Anspielungen, Mehrdeutigkeiten, ironischen Brechungen und vor allem die vielen Querverbindungen innerhalb seines Gesamtwerks nicht ohne Weiteres zu verstehen.

Tatsächlich fallen auch mir jetzt, beim Querlesen verschiedener Textstellen, immer wieder neue Zusammenhänge und Verweise auf, die ich so zuerst (natürlich) nicht wahrgenommen oder für unwichtige Details gehalten habe. Das macht „Ein Mord…“ faszinierend für mich. Auch wenn es kein „leichtes Buch“ ist und ich nicht augenblicklich zum Doderer-Fan (oder besser: zur „Heimitistin“) mutiert bin, ahne ich nun immerhin etwas von der Fasziniation die dieser Schriftsteller auf viele ausübt.

Ein paar Textstellen aus Ein Mord den jeder begeht

Ein paar Zitate aus dem Roman will ich euch an dieser Stelle nicht vorenthalten, weil sie für mich beispielhaft für die originelle und eindrucksvolle Sprache, aber auch die feine Ironie Doderers sind.

Sehr gelungen fand ich zum Beispiel die Beschreibung des Sprechzimmers des Tuchhändlers Veik, die kleinste Details treffend einbezieht und die Atmosphäre anschaulich wiedergibt:

Das Sprechzimmer der Tuchfabrik Carl Theodor Veik, zu welchem Raum man über eine etwas enge und steile Treppe gelangte, stand auf dem Mahagonitischchen, um das sich vier glatte und magere Armsessel gruppierten, in der Mitte einer jener Apparate, die alles Nötige zum Rauchen enthalten, jedoch nie den persönlichen Bedürfnissen irgendeines Rauchers wirklich entsprochen haben, Apparate, die man mitunter zum Geschenk erhält, und früher oder später ins Sprechzimmer stellt, wenn man etwa ein Firmenchef, oder ins Wartezimmer, wenn man ein Zahnarzt ist. Solche Dinge sind vertretungsweise Andeutungen der Humanität in einer Umgebung, die an Sachlichkeit sonst nichts mehr zu wünschen übrig lässt. Ganz das gleiche wäre auch von der Stechpalme zu sagen, die in einer Ecke des Carl Theodor Veikschen Sprechzimmers ihrer ähnlich gearteten Funktion oblag.(S.93-4)

Auch Doderers bilderreiche Sprache und sein Talent, jedes Ding, das er beschreibt, anschaulich zu machen, finde ich bewunderstwert. Etwa hier:

In der Ferne zackten die Giebel einiger villenartiger Häuser (S.104)

Diese Formulierung („zackten die Giebel“) gefiel mir, weil sie so schlicht daher kommt, aber ein ganz deutliches Bild vor meinem inneren Auge erzeugte: als Leser sieht man förmlich die Zacken der Häusergiebel in den Himmel ragen.

Und beinahe kugeln vor Lachen könnte ich mich bei der Beschreibung einer Herrenrunde in Kapitel 30:

Über einen Teil der Ottomane […] erstreckte sich der Doktor Velten, lässig da und dorthin verteilt, während der Baurat in mehr hämsterlich-kugeliger Art gesammelt in sich selber ruhte.

Hat man da nicht augenblicklich ein eindrucksvolles Bild vor Augen von diesen zwei ganz gegensätzlichen Männern, der einige jugendlich-lässig, der andere gemütlich und rundlich wie ein dicker Hamster?

Ein eigenwilliger, aber faszinierender Autor

Ihr merkt, Doderer übt eine gewisse Faszination auf mich aus. Die ersten Kapitel über spürte ich davon noch relativ wenig, aber mit der Zeit freundete ich mich mit seiner etwas altmodischen, gespreizten Sprache an. Vor allem die rückblickende Beschäftigung mit seinem Roman hat ihn mir näher gebracht. Doderer lesen ist kein leichtes Unterfangen. Man muss sich ihm und seinen Werken, seiner Sprache, seiner Haltung erst annähern und sich immer wieder neu darauf einlassen. Aber gerade das ist auch das Faszinierende am eigenwilligen, eigenartigen Stil des Heimito von Doderer.

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2 Gedanken zu “Heimito von Doderer, Teil II: „Ein Mord den jeder begeht“

  1. Vielen Dank für Deine wunderbare Rezension! Ich selbst habe dieses Werk während des Studiums lesen müssen, kenne mich also durchaus in der Welt der Erzähltraditionen aus, aber ich fand es leider sehr langweilig, wenngleich die Grundüberlegung, die sich ja auch im Titel widerspiegelt, sehr wichtig ist: Bedenke Deine Handlungen, denn Du bist immer von Menschen umgeben, auf die dies Auswirkungen hat.

    • Lieben Dank für deinen Kommentar! Ja, mit den Pflichtlektüren in Schule und Studium ist das so eine Sache. Auch ich hatte meine Schwierigkeiten mit dem Roman und habe eine Weile gebraucht, bis ich mich darauf einlassen konnte. Doderer schreibt halt sehr speziell und ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Ein interessanter Autor ist er allemal.

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