Ludwig Thoma: 150. Geburtstag eines ambivalenten Schriftstellers

Der Autor Ludwig Thoma ist heute, anlässlich seines 150. Geburtstages in zahllosen Zeitungsfeuilletons vertreten. Am 21. Januar 1867 wurde er in Oberammergau in eine Försterfamilie geboren, studierte später Jura, arbeitete in Dachau als Rechtsanwalt und begann schließlich 1897, mit seinem Umzug nach München, seine schriftstellerische Laufbahn.

Vorzeigedichter und antisemitischer Hetzer

Porträt des Ludwig Thoma 1909

Porträt von Karl Klimsch; Wikimedia Commons, gemeinfrei

Thoma galt lange als bayerischer Vorzeigedichter schlechthin, ist bis heute für seine „Lausbubengeschichten“ berühmt und hat in seinen zahlreichen Theaterstücken, Gedichten und Erzählungen den Alltag und die Eigenheiten der bayerischen Bevölkerung sehr treffend und ironisch beschrieben. In jungen Jahren schrieb der linksliberale Thoma im Satireblatt „Simplicissimus“ wie auch in seinen literarischen Werken gegen Bürokratismus, bürgerliches Spießertum und kirchliche Moralvorstellungen an und verbüßte im Gefängnis Stadelheim eine Haftstrafe wegen eines von ihm verfassten Spottgedichtes.

Doch Ende der 1980er Jahre trübte sich das Bild vom bissig-jovialen Volksdichter, als sich herausstellte, dass Thoma sich in seinen letzten Lebensjahren bis zu seinem Tod 1921 vom linksliberalen Satiriker in einen antidemokratisch gesinnten Hetzer verwandelt und antisemitische Hetzschriften verfasst hatte. Den Gesinnungswandel hatte möglicherweise der Erste Weltkrieg mit sich gebracht, an dem Thoma ab 1915 als Sanitäter freiwillig teilnahm. Nach dem Krieg verspürte Thoma jedenfalls den Drang sich „patriotisch“ zu betätigen und verfasste für den Miesbacher Anzeiger zahlreiche Hetzschriften gegen das Judentum, die Sozialdemokraten und das „Weimarer Affentum“.

In einer soeben bei dtv erschienen Thoma-Biographie Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben leuchtet Martin A. Klaus diese hässliche Seite im Leben des Schriftstellers aus.

Auch die Artikel, die zum 150. Geburtstag Ludwig Thomas in den Medien veröffentlicht wurden, setzen sich mit dem Autor kritisch auseinander:

In diesem Sinne sagt etwa auch der Heimatpfleger Norbert Göttler im SZ-Interview: „Wer sich mit seiner Biografie beschäftigt, kann ihn [Ludwig Thoma] gar nicht naiv feiern; er muss kritisch an ihn herangehen.“

Ambivalenz: Zwei Ludwig Thomas

Ich selbst verbinde den Namen Ludwig Thoma stark mit meiner Kindheit und Jugend. Denn gerade als Kind bin ich Ludwig Thomas vielfältigen Werken in verfilmter Form begegnet: die „Lausbubengeschichten“, der Einakter „Erster Klasse“, „Der Münchner im Himmel“ und so weiter. Irgendwann las ich auch ein paar seiner kürzeren Erzählungen. Ich liebte Thomas bissigen Humor, seine treffend gezeichneten Figuren, die poiniert herausgearbeiteten und überspitzten Konflikte zwischen Bayern und Preußen oder zwischen altbayerischen Dörflern und verknöchert-bürokratischen Beamten.
Dass es eine andere, sehr dunkle Seite an Thoma gibt, war mir lange Zeit nicht bewusst. Heute kommt es mir vor, als gäbe es zwei Ludwig Thomas: Der eine ist der mir so sentimental-vertraute Autor, der seine Mitmenschen auf feinsinnige, humorvolle, immer aber auch gutmütige Weise analysiert und karikiert. Der andere ist ein hasserfüllter, radikaler Hetzer, dessen Haltung zutiefst unsympathisch und unverständlich ist. Dass diese beiden Thomas ein und derselbe sind, scheint mir fast unbegreiflich.
Was bleibt, ist ein zerrissenes Bild. Die literarischen Werke von Ludwig Thoma sind nach wie vor beliebt – und das zurecht! Gerade jetzt zu seinem 150. Geburtstag werden sie allerorten wieder vorgetragen, zitiert und aufgeführt. Wie schade, dass dabei immer auch ein komischer, bitterer Beigeschmack bleiben muss.
***
Wenn ihr Ludwig Thoma bisher nicht kanntet oder aber einmal wieder in seinen Werken stöbern wollt: Im Projekt Gutenberg findet ihr viele seiner Dramen, Gedichte und Erzählungen.
Hier der Anfang der Geschichte „Auf der Elektrischen“, die mich immer wieder zum Schmunzeln bringt. Geschildert wird eine Trambahnfahrt im München von Anno dazumal:

Auf der Elektrischen

aus: Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel

In München. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten gibt es einen Ruck, daß die stehenden Passagiere durcheinander gerüttelt werden.

Ein Schaffner ruft die Station aus. »Müliansplatz!«

Heißt eigentlich Maximiliansplatz.

Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen nicht leiden.

Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige Mütze, und der Schaffner salutiert militärisch.

Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie bilden sich darauf was ein.

Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen, geben sie Trinkgelder.

Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht.

Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt fünf Pfennige.

Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgültig ins Leere; er zeigt, daß er dem Geschenke keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner salutiert wieder.

Wumm! Prr!

Der Wagen hält.

»Deonsplatz!« schreit der Schaffner.

Heißt eigentlich Odeonsplatz.

Eine Frau, die ein großes Federbett trägt, schiebt sich in den Wagen. Ein Sitzplatz ist noch frei.

Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren. Sie stößt dem einen den Zylinder vom Kopfe.

Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und blickt strafend auf das Weib.

»Aber erlauben Sie!« sagt er.

[…]

Weiterlesen könnt ihr hier.

Advertisements

2 Gedanken zu “Ludwig Thoma: 150. Geburtstag eines ambivalenten Schriftstellers

  1. Vielen Dank für Ihre Geburtstagserinnerung an Ludwig Thoma.

    Alle Menschen haben seine zwei Seiten. Jeder von uns. Glücklich, wer lebenslänglich dabei seine Mitte bewahren kann. In unserer Zeit, in der als besonders sublimes Machtmittel die politische Korrektheit Anwendung findet, gerät man zwangsläufig in einen Zwiespalt.
    Beispiel Ludwig Thoma. Darf ich, weil er in seinen letzten Lebensjahren zum rechtsradikalen Hetzer geworden ist, seine Lausbubengeschichten oder Filsers Briefwechsel noch klasse finden? Ich meine, ich darf das. Und ich mache das auch so, weil mir die politische Korrektheit im tiefsten Süden vorbeifliegt.
    Schönabendgruss aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s