„Hier bin ich“: Jonathan Safran Foer im Literaturhaus München

Am vergangenen Sonntag, dem 29. Januar, fand im Literaturhaus München eine Lesung statt, auf die ich schon lange hingefiebert hatte: Jonathan Safran Foer stellte seinen neuen Roman Hier bin ich vor.

Um mich einzustimmen hatte ich im Vorfeld Foers Erstling Alles ist erleuchtet wieder aus dem Bücherregal gezogen und begonnen das Buch nach mehr als einem Jahrzehnt erneut zu lesen. So, wie der „Held“ dieses Romans (der zufällig Jonathan Safran Foer heißt) in die Vergangenheit (seiner jüdischen Familie) reist, so reiste ich beim Wieder-Lesen zurück zu meinem jüngeren Selbst, versuchte mich an meine Leseeindrücke von damals zu erinnern und wurde ein wenig nostalgisch.

Nostalgisch war auch Marion Bösker vom Literaturhaus München zumute, die in die Lesung einführte: Sie erinnerte sich mit leuchtenden Augen an ihre erste Begegnung mit Foer im Jahr 2003, als er Alles ist erleuchtet im Münchner Literaturhaus vorstellte – und sie zum ersten Mal die einführenden Worte zu einer Lesung sprechen durfte.

In medias res oder: Ist Spielberg beschnitten?

Nach der Begrüßung ging es dann auch gleich richtig los: Schauspieler René Dumont trug zwei Ausschnitte aus Hier bin ich vor, mit jeweils recht pikantem Inhalt. Im ersten begegnet Protagonist Jacob auf der Herrentoilette „beim Pinkeln“ Steven Spielberg (zumindest nimmt Jacob an, es müsse Spielberg sein). Dabei entwickelt er eine gewisse Obsession für Spielbergs Penis und die Frage, ob der Jude Spielberg, der Regisseur von Schindlers Liste, womöglich gar nicht beschnitten sei… In dem zweiten vorgetragenen Ausschnitt befinden sich Jacob und seine Frau Julia in der Küche ihres modernen, mit allen Rafinessen ausgestatteten Hauses. Die Kinder liegen bereits im Bett und die Eltern haben somit Gelegenheit, sich in einen Ehestreit zu begeben, der schnell ans Eingemachte geht. Jacob, so stellt sich heraus, hat sich per Smartphone in eine Sexting-Affäre gestürzt und Julia, die seine Nachrichten gelesen hat, hält ihm nun grausam all seine Unzulänglichkeiten vor…

Als Zuhörer folgt man dem Ganzen ziemlich atemlos (auch weil René Dumont so wunderbar lebendig liest), lacht im einen Moment lauthals über eine Pointe, um schon beim nächsten Satz betreten zu verstummen. Komik und bitterer Ernst wechseln sich in Foers neuem Roman stetig ab.

Hier sein heißt Verantwortung übernehmen

In diesen zwei Textstellen werden die wichtigen Themen des Buches bereits angeschnitten: Es geht um Identität (das Jüdischsein, speziell das Jüdischsein in Amerika und die Beziehung amerikanischer Juden zu Israel); es geht um die Ehe oder vielmehr ihr Scheitern; es geht um Familie, das Elternsein und das verbindliche Füreinander-da-Sein.

Der Titel Hier bin ich spielt auf das hebräische Hineni („Hier bin ich“) an, das im Alten Testament Abraham einmal zu Gott, einmal zu seinem Sohn Isaak sagt. Hineni steht für Verbindlichkeit, für: „Ich bin hier, jetzt, mit Leib und Seele, um die Aufgabe zu erfüllen“. Moderatorin Sylke Tempel fragte Foer, ob die Figuren aus Hier bin ich jemals wirklich „hier“ seien, präsent seien. Das Hier-Sein (being present), so Foer, sei doch unglaublich schwierig: Wir alle erlebten in unserem Alltag, dass wir gern vielerlei Dinge zugleich machen wollten und uns ständig zwischen unseren verschiedenen Identitäten bewegten (als Partner, Eltern,…) und für eine davon entscheiden müssten. Und so müssten sich auch seine Figuren fragen, wo sie stehen, wofür sie sich – bedingungslos – einsetzen und wie sehr sie für andere (den Ehemann bzw. die Ehefrau, die Kinder oder gar ihr „Volk“…) – bedingungslos – da sein wollen.

In Zeiten Trumps: Moralisches Handeln im Kleinen

Das Zwiegespräch zwischen Sylke Tempel und Jonathan Safran Foer streift, wie könnte es dieser Tage auch anders sein, auch die Präsidentschaft Donald Trumps. So schockiert auch Foer von der Wahl Trumps war, versucht er sich dennoch einen gewissen Optimismus zu bewahren. Politische Verantwortung sieht Foer aber auch ganz klar bei jedem einzelnen Bürger: jeder Mensch könne für sich moralisch handeln, moralische Entscheidungen treffen, schließlich spiele jeder einzelne auch eine kleine Rolle im politischen System. Hineni, „Hier bin ich“, ist also gewissermaßen auch der Kampfruf all jener Bürger, die politisch und gesellschaftlich Verwantwortung tragen und nicht alle Entscheidungen einer ungeliebten Regierung  überlassen möchten…

Ausklang

Zum Abschluss der Lesung folgt ein weiterer Auszug aus dem Roman, diesmal von Jonathan Safran Foer selbst auf Englisch vorgetragen. Und dann kündigt Sylke Tempel auch schon die Signierstunde an. Gefühlt ist die Lesung viel zu schnell vergangen. Ich (und ich vermute auch die meisten anderen Anwesenden) hätte Foer gerne noch viel länger zugehört.

Es war jedenfalls eine sehr schöne, spannende und geistreiche Veranstaltung. Ich war sehr neugierig auf Foer gewesen und war angetan davon, wie locker, klug und gewitzt er mit Sylke Tempel über seinen Roman, Politik, Ehe und vieles andere sinnierte. Noch zwei Tage später kehre ich geistig immer wieder zu dieser Lesung zurück, die in Vielem zum Nachdenken angeregt und Gedankenfäden zum Fortspinnen hervorgebracht hat.

***

Wenn ihr auf Hier bin ich neugierg geworden seid, kann ich euch die wunderbare Rezension von Mara auf Buzzaldrins Bücher ans Herz legen.

Oder ihr schaut direkt beim Verlag vorbei!

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2 Gedanken zu “„Hier bin ich“: Jonathan Safran Foer im Literaturhaus München

  1. Das hört sich nach einem sehr gelungenen Abend an. Schade, dass solche „Schwergewichte“ bei mir in der Gegend eher selten vorbeischauen.

    • Ja, es war wirklich ein toller Abend! Ich war auch froh, dass ich noch rechtzeitig ein Ticket ergattert hatte, die Lesung war natürlich komplett ausverkauft.

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