Leben in Buenos Aires: 7 Fragen an Simone vom Blog Argentinien 24/7

Den Sprung ins Unbekannte wagen und ohne feste Jobaussichten in ein weit entferntes Land ziehen, das für viele Europäer „am Ende der Welt“ zu liegen scheint: das hat meine Freundin Simone vor bald drei Jahren gewagt. Es zog sie nach Argentinien, genauer gesagt in die Hauptstadt Buenos Aires, die nie stillzustehen scheint und jeden Tag Überraschungen bietet. Vor kurzem hat Simone ihren eigenen Blog ins Leben gerufen: Auf Argentinien 24/7 erzählt sie von ihrem argentinischen Alltag, gibt praktische Reisetipps und stellt in Fotoreportagen besondere Orte vor, „die in keinem Reiseführer stehen“.

Ich möchte euch heute Simone, ihren Blog und ihre Wahlheimat genauer vorstellen. Am besten, ich lasse sie selbst zu Wort kommen!

Gaucho auf einer Estancia in Argentinien

Abendstimmung mit Gaucho. Foto: Simone Glöckler

Hallo Simone! Wie kam es zu der Idee, über Argentinien und deine Erfahrungen dort zu bloggen?

Ich habe schon immer vor mich hingeschrieben, die Texte zum Teil Verwandten oder Freunden gegeben. In Buenos Aires arbeitete ich zunächst in einer Spanischsprachschule und war in ständigem Kontakt sowohl zu Touristen als auch zu Einheimischen. Ich habe Reibungen und Missverständnisse von beiden Seiten mitbekommen und immer besser verstanden (à la „warum antwortet der deutsche Reisende so, warum reagiert meine argentinische Kollegin jetzt so darauf“), was ich wahnsinnig spannend und faszinierend fand – und immer noch finde. Dazu kam, dass die Schüler natürlich immer ähnliche Fragen gestellt haben und ich mir dachte, man könnte sie doch sammeln und im Internet für alle zugänglich versuchen, sie zu beantworten. Auf die eigentliche Idee, daraus einen Blog zu machen, hast dann aber letztendlich du, liebe Stefanie, mich gebracht. 🙂

Was unterscheidet Argentinien 24/7 von anderen Reiseblogs?

Ich versuche Momente in Worten und Bildern einzufangen. Kleine Momente, deren große Bedeutung oft nicht wahrgenommen wird. Ein zufälliges Lächeln auf der Straße, ein Windstoß, ein grauer Nebelhimmel.

Ich versuche, das zu erklären, was ich selbst nicht greifen kann. Seit fast drei Jahren lebe ich hier, mein Blick auf die Stadt hat sich komplett gewandelt. Klar, jeder muss seine eigenen Reiseerfahrungen machen, aber ich versuche auch, ein bisschen mit allzu typischen Aussagen wie „Argentinien ist so und so….Die Argentinier sind so und so…Und deswegen funktioniert die Wirtschaft in Argentinien nicht…“ zu brechen, um das Land mal von einer anderen Seite als der in den Reiseführern dargestellten (oder auch in zahlreichen Blogartikeln, in denen nur vom „Gringotrail“ zwischen Patagonien und den Iguazú Wasserfällen die Rede ist) zu beleuchten. Das bitte nicht falsch verstehen: Reiseführer und genau solche Blogartikel sind goldwert und ich lese sie auch gerne. Mein persönliches Projekt soll aber in eine andere Richtung gehen, denn ich denke, mit Erzählungen kann man auch wunderbar inspirieren, Augen öffnen, informieren.

Schaufenster eines Antiquitätenladens in San Telmo

Antikes & Kurioses gibt es in den Antiquitätenläden im Stadtteil San Telmo zu entdecken. Foto: Simone Glöcker

Du lebst heute in Buenos Aires. Wie hat sich dein Blick auf die Stadt seit deinem ersten Besuch dort gewandelt? Wie nimmst du Buenos Aires jetzt, quasi als „porteña“, wahr?

Haha, schwierige Frage, die ständig in meinem Kopf herumkreist und auf die ich Antworten suche. Ich lebe zwischen zwei Welten. Das einzige, was ich sicher sagen kann, ist, dass sich Buenos Aires jeglicher Beschreibung entzieht. Ich versuche ein Gefühl festzuhalten und während ich das ausspreche, schreit in mir etwas „Nein, so ist es doch gar nicht!“ Seit meinem ersten Besuch als Touristin 2006 hat sich alles gewandelt. Nicht nur der Blick auf Argentinien, auch der auf Deutschland. Was genau und wie das passiert ist, das herauszufinden ist wohl eine Lebensaufgabe.

Hast du einen Lieblingsort in Buenos Aires? Welcher ist das (und warum)?

Mein neuster Lieblingsort: der Balkon meiner neuen Wohnung. Im 10. Stock liegt die ganze Stadt unter mir, wenn ich mich ein bisschen verbiege sehe ich circa drei Zentimeter vom Río de la Plata. Die Sonnenauf- und -untergänge sind spektakulär. Nichts versperrt mir die Sicht zu den Wolken und ich bin weit weg vom chaotischen Straßenverkehr. Trotzdem liegt die Wohnung zentral und ich habe super Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel. Das ist schon viel wert in so einer großen Stadt wie Buenos Aires.

Ansonsten schlendere ich gern ziellos durch die Viertel, trinke Kaffee in den charmanten Straßencafés oder fahre mit dem Fahrrad durch die Bosques de Palermo, einer riesigen Parkanlage, die im November besonders reizend ist, wenn die Jacaranda-Bäume blühen.

blühender Jacaranda in Buenos Aires

Lilafarben blühen die Jacaranda-Bäume. Foto: Simone Glöckler

Welchen Ort bzw. welche Gegend in Argentinien sollte man unbedingt besuchen, wenn man im Land ist?

Ich beantworte die Frage mal im Plural:

  • Patagonien: Sehnsuchtsregion, die Freiheit versprüht.
  • Den Nordwesten: Bizarre Felsformationen in allen Farben, klare Luft auf einer Höhe von meist über 3000 m.
  • Wofür sich die Wenigsten Zeit nehmen: die kleinen pittoresken Dörfer in der Provinz Buenos Aires. Einfach mal die Seele baumeln lassen und Nostalgie in sich aufsaugen.

In deinem Beitrag „Ruinen aus Salz – Reise nach Carhué und Epecuén“ zeigst du atemberaubende Bilder zweier im Salzwasser versunkener Orte. Was ist das besondere an diesen Orten? Was hat dich am meisten fasziniert?

Die Orte sind deprimierend, nostalgisch und ästhetisch zugleich, sie atmen Vergangenheit. Sie sind nicht vom Tourismus überlaufen. Die Einwohner sind extrem freundlich, suchen ständig das Gespräch, nehmen sich Zeit, wollen erzählen. Das hat mich fasziniert. Für Fotografie-Interessierte sind die Dörfer ein wahres El Dorado.

Friedhof in Epecuén

Ruinen in Epecuen. Foto: Simone Glöckler

Worte und Orte ist ein Blog über das Reisen, aber auch über das Lesen. Hast du einen argentinischen Lieblingsautor? Und vielleicht einen Buchtip? Welche(n) argentinische(n) Autor(en) sollte man deiner Meinung nach unbedingt gelesen haben?

Nein, einen argentinischen Lieblingsautor habe ich nicht, auch kein Lieblingsbuch. Umberto Eco hat gesagt: „Wer Argentinien verstehen will, muss Mafalda lesen.“ Das trifft zumindest teilweise zu. Die sechsjährige Comicfigur führt den Leser emblematisch und mit viel Witz in die argentinische Denkweise (das ist natürlich vereinfacht gesagt) ein. Tangotexte. Wer sein umgangssprachliches Vokabular aufpäppeln will: Roberto Fontanarrosa – er schreibt, wie man es auf der Straße hört (LunfardoLexikon bei der Lektüre zur Hand haben hilft ungemein). Adolfo Bioy Casares, zum Beispiel La invención de Morel (Morels Erfindung).

Liebe Simone, vielen lieben Dank für das schöne Interview und die vielen spannenden Einblicke und Tipps!

Neugierig geworden? Hier geht es zu Argentinien 24/7!

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