Der Sultan, der Architekt, sein Lehrling und dessen Elefant

Istanbul im 16. Jahrhundert: Eine Stadt im ewigen Wandel, die Staunen lässt, zum Träumen einlädt und nicht zuletzt allerhand Gefahren und Geheimnisse birgt. Wo Ost und West zusammenprallen, Sultane herrschen, Frauen im goldenen Käfig leben, Höflinge Intrigen spinnen und Architekten, Arbeiter und Sklaven Bauwerke für die Ewigkeit errichten.

Elif Shafak schildert dieses längst vergangene Istanbul, die Hauptstadt des Osmanischen Reiches und Anziehungspunkt für Menschen aus aller Herren Länder, in ihrem Roman Der Architekt des Sultans.

Der englische Originaltitel lautet zutreffender The Architect’s Apprentice, also „Der Lehrling des Architekten“. Denn auch wenn der berühmte osamanische Baumeister Sinan eine zentrale Rolle in Shafaks Roman einnimmt, so steht doch eigentlich sein Lehrling im Mittelpunkt des Buches: Jahan, der als zwölfjähriger Junge in Istanbul ankommt  – gemeinsam mit dem weißen Elefanten Chota, einem Geschenk an den Sultan Süleyman. Als Elefantenpfleger und Mahut zieht Jahan in die Menagerie des Sultanspalastes ein und lernt so aus nächster Nähe das Leben bei Hofe sowie die bezaubernde, aber unglückliche Prinzessin Mihrimah kennen.

Eine entscheidende Wendung nimmt Jahans Leben, als er den großen Architekten Sinan kennenlernt und von diesem in den Kreis seiner Lehrlinge aufgenommen wird. Gemeinsam bauen sie – der berühmte Baumeister und seine vier Meisterschüler – unermüdlich an Bauwerken, die das Stadtbild Istanbuls zum Teil bis heute prägen: Moscheen, Brücken, Aquädukte und Grabmäler. Als Jahan Istanbul als alter Mann wieder verlässt, hat er viel erlebt: die Regentschaft dreier Sultane, Feldzüge, unerfüllte Liebe, Intrigen und Verrat, politische Machtspiele, tiefe Freundschaft und Loyalität, die Entstehung bedeutender Bauwerke und manchmal auch ihre Zerstörung…

istanbul

Der Architekt des Sultans ist ein unglaublich reichhaltiges, vielschichtiges Buch voll unzähliger Geschichten. Historisch gesehen ist nicht alles korrekt, was Elif Shafak beschreibt. In ihrem Nachwort gesteht sie, dass sie sich dichterische Freiheiten in der Chronologie bestimmter Ereignisse erlaubt und ihre eigene Zeitleiste geschaffen habe. Das tut dem Leseerlebnis jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil.

Mein ausgesprochener Liebling unter den Charakteren ist übrigens Chota, der weiße Elefant: Chota ist liebenswürdig, dickköpfig, hilfsbereit und feinfühlig. Er ist ein bisschen zu klein für einen Elefantenbullen, nascht für sein Leben gerne und hat seinen eigenen Kopf. In entscheidenden Momenten in Jahans Leben ist er immer an dessen Seite, zieht mit ihm in den Krieg und trägt als Lasttier zum Bau von Sinans Meisterwerken bei…

Shafak beschreibt die enge Freundschaft zwischen dem weißen Elefanten und seinem Pfleger Jahan ganz wunderbar und herzerwärmend. Vor dem Hintergrund ihrer Erlebnisse in Istanbul zeichnet sich die Geschichte des Osmanenreiches, seiner Herrscher sowie der einfachen Bevölkerung Istanbuls im 16. und frühen 17. Jahrhundert plastisch ab. Gleichzeitig ist der Roman so märchenhaft, bilderreich und fantasievoll, dass er sich liest wie eine Geschichte aus 1001 Nacht.

Ich empfehle Der Architekt des Sultans allen, die mehr über die Lebenswelt der Menschen im Osmanischen Reich erfahren und in ein längst vergangenes, schillerndes und faszinierendes Istanbul eintauchen wollen.

Erschienen bei Kein & Aber.

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