Experiment unter Glas: T.C. Boyle / Die Terranauten

Gebundene Ausgabe des Romans Die Terranauten mit BlumenstraußVier Männer und vier Frauen, die „Terranauten“, werden für zwei Jahre unter einer Glaskuppel eingesperrt, um ein einzigartiges wissenschaftliches Experiment durchzuführen: Wie entwickelt sich das Leben in einem geschlossenen Ökosystem, wenn „nichts rein und nichts raus“ darf? Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen, wenn Menschen sich aufmachen werden, um der kaputten Mutter Erde den Rücken zu kehren und den Mars zu besiedeln?

Dawn und Ramsay sind zwei der drei Ich-Erzähler, die abwechselnd von der Zeit vor, während und nach „dem Einschluss“ erzählen. Beide sind anfangs ungeheuer stolz darauf, zu den auserwählten acht Wissenschaftlern zu zählen, die unter großem Medienrummel in die künstlich geschaffene Welt eingeschlossen werden. Zwei Jahre lang sollen die Männer und Frauen hier die verschiedenen Lebensräume (Dschungel, Savanne, Wüste…) bewirtschaften und studieren, nur das essen, was sie selbst ernten oder schlachten und auf alle Annehmlichkeitenverzichten.

Zunächst geht alles gut.

Doch zwei Jahre sind eine lange Zeit und der Gruppenzusammenhalt muss zunehmende Spannungen verkraften. Als schließlich Dawn und Ramsay einen schwerwiegenden Fehler begehen, kippt nicht nur die Stimmung in der Gruppe, sondern die gesamte Mission ist  mit einem Mal gefährdet…

Selbstzerstörerischer Ehrgeiz

T.C. Boyle stellt seinem Roman Die Terranauten (2017) zwei Zitate voran. Einmal dieses von Margaret Mead: „Wir sollten nie daran zweifeln, dass eine kleine Gruppe umsichtiger, entschlossener Menschen die Welt verändern kann. Tatsächlich ist dies das Einzige, was die Welt je verändert hat.“

Und wie um Meads Optimistimus gleich wieder zu entkräftigen, folgt darauf Jean-Paul Sartres berühmtes „L’enfer, c’est les autresDie Hölle, das sind die anderen.“

Dank dieser beiden Zitate ist der Leser innerlich bereits eingestimmt auf das, was kommen mag: Es geht um eine ambitionierte Gruppe Menschen, die über mehrere Jahre hinweg dafür leben, ein wissenschaftliches Experiment erfolgreich durchzuführen. Koste es was es wolle – der Erfolg der Mission steht (zumindest für manche Teilnehmer) über allem.

Aber sind die Hölle wirklich (nur) die anderen? Oder tragen die Terranauten nicht alle auch ihre eigene Hölle in sich? Ihr Ehrgeiz bringt sie dazu, sich wie Labormäuse hinter Glas einsperren und von Touristen und Wissenschaftler gleichermaßen beobachten zu lassen, während sie tagein, tagaus in ihrer künstlichen Welt schuften, mitunter verzweifeln und immer weiter abmagern.

Als Leser fühlt man sich unweigerlich an Unterhaltungsshows im TV erinnert, deren Kameras den Mitwirkenden ebensowenig Privatsphäre lassen wie die Kameras von Mission Control den Terranauten. Und nichts entgeht dem wachsamen Auge von Mission Control: Legt ein Teilnehmer abnormes Verhalten an den Tag, wird eine andere psychisch auffällig, dann interveniert der Versuchsleiter wie Gott, der im Paradies nach dem Rechten sieht.

(K)ein Gedankenexperiment

Das wirklich Spannende an Boyles Roman ist, dass er keineswegs reine Fiktion ist – er beruht vielmehr auf einem wahren Expertiment, das Anfang der 1990er Jahre in Arizona durchgeführt wurde. Vieles von dem, was Boyle in seinem Roman schildert, ist ziemlich real. Etwa der Aufbau des Ökosystems (sieben Lebensräume auf 1,6 Hektar), der immense technische Aufwand, um die Parallelwelt unter Glas in Gang zu halten (Wasseraufbereitungsanlage, Pumpen, Ventilatoren…) oder die Umstände, die die Mission 1 (beinahe) scheitern ließen (die Handverletzung einer Teilnehmerin).

Die Namen der Beteiligten und ihre Beziehungen sind dagegen natürlich rein Boyles Fantasie entsprungen.

Für mich war der Roman vor allem ein faszinierendes Gedankenexperiment, das viele Fragen aufwirft. Wie weit darf Wissenschaft gehen? Wo verläuft die Grenze zwischen seriösem wissenschaftlichen Experiment und Marketing-Gag? Wie würde ich selbst mich als Teil der Crew verhalten?

Die Terranauten mag nicht unbedingt T.C. Boyles bestes Werk sein, aber sehr unterhaltsam und anregend ist das Buch allemal. Ich habe es mit großem Vergnügen gelesen.

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