Patagonien: Weites Land der Seen, Berge und Gletscher

Im März reiste ich bereits zum dritten Mal nach Argentinien – und zum ersten Mal nach Patagonien. Es war Liebe auf den ersten Blick!

Anden und patagonische Landschaft

Als mich der Minibus vom Flughafen von El Calafate zu meiner Unterkunft bringt, blicke ich unentwegt aus dem Fenster und kann mich nicht sattsehen:

Es dämmert bereits, über dem türkisfarbenen Wasser des Lago Argentino und der dunklen Bergkette im Hintergrund hängen schwer die Wolken. Ausgeblichenes Gras mit harten, struppigen Halmen ist alles, was ich zu beiden Seiten der Straße zu sehen bekomme – kein Baum weit und breit, höchstens hier und da ein struppiger, den patagonischen Winden trotzender Strauch. Dann zwei Darwin-Nandus auf einem Hügelkamm: große, straußenartige Laufvögel mit grau-braunen Gefieder. In der Ferne tauchen schließlich die ersten, niedrigen Häuser von El Calafate auf.

Blick auf den Lago Argentino in Patagonien

Die Farben Patagoniens – so herb und zugleich wunderschön wie die Landschaft!

Die Ausläufer des Städtchens sind alles andere als malerisch, sein Zentrum stark vom Tourismus geprägt. Aber das ist mir egal, die weite, menschenleere, friedvolle Landschaft ringsum übt eine unwiderstehliche Faszination auf mich aus und ich kann es nicht abwarten, sie in den nächsten Tagen zu erkunden.

El Calafate: Das Tor zum Perito-Moreno-Gletscher

Der kleine Ort El Calafate war einst nicht mehr als ein einsames Dörflein inmitten der weiten patagonischen Landschaft. Ein Umschlagplatz für die Wolle, die von den umliegenden Estancias kam. Doch dank seiner perfekten Lage vor den Toren des Nationalparks Los Glaciares mit dem berühmten Perrito-Moreno-Geltscher hat sich El Calafate in den vergangenen Jahrzehnten zu einem kleinen Städtchen mit 20.000 Einwohnern gemausert.

Promenade am Lago Argentino in El Calafate

Die unaufgeregte Uferpromenade von El Calafate führt am Naturschutzgebiet Laguna Nimez entlang (auf dem Bild steht es allerdings unter Wasser)

Typisches Provinzleben sucht man hier vergebens; zumindest das Zentrum des Ortes hat sich komplett dem Komfort der Touristen verschrieben: In der Hauptstraße Avenida del Libertador General San Martín“ reiht sich ein Restaurant ans andere, dazwischen finden sich Souvenirläden, die Büros diverser Reiseveranstalter, Bars und Cafés und Outdoorläden.

El Calafate ist als Ort nicht wirklich sehenswert – aber  strahlt mit seinen kleinen, schmucken Holzhäusern und weiten Straßen doch einen gewissen Charme aus. Hunde laufen frei in den Straßen umher, mal einzeln, mal im Rudel, und in so manchem Garten grast ein Pferd.

Pferde im Garten in El Calafate

Hund badet im Lago Argentino

Mein treuer Begleiter – zumindest einen Spaziergang lang! Er saß immer vor dem Hostel, hoffte auf Streicheleinheiten oder einen Leckerbissen und begleitete mich auf meinem Weg zum See, wo er eine Runde schwimmen ging.

Gastronomie in El Calafate

Wer sich nach einem Ausflug in die wunderschöne Umgebung von El Calafate stärken will, hat in dem kleinen Ort die Qual der Wahl. Entlang der Avenida del Libertador General San Martín und in ihren Seitenstraßen konkurriert eine Vielzahl an Lokalen.

Mir gefielen die bodenständigen Restaurants Mi Viejo und La Cocina besonders gut – letzteres ist besonders gemütlich eingerichtet und strahlt mit seinen holzvertäfelten Wänden patagonische Gemütlichkeit aus. Hier gibt es neben hausgemachter Pasta eine breite Auswahl an Gerichten. Patagonisches Lamm, in all seinen Formen, ist natürlich besonders zu empfehlen.

Das Mi Viejo ist mit seinem großen, etwas nüchternen Saal weniger gemütlich, aber auch eine hevorragende Adresse für Lamm-Asado. Die typischen Asadokreuze sind im „Schaufenster“ des Lokals zu sehen und locken Abend für Abend zahlreiche Gäste ins Mi Viejo. Früh kommen lohnt sich, denn später muss man sich auf die Warteliste setzen lassen.

Ein nettes Café habe ich in El Calafates Hauptstraße auch entdeckt: Das Borges Y Alvarez, das ich für mich immer nur „das Büchercafé“ nannte, lädt zum Verweilen ein. Durch die Fenster im ersten Stock lässt sich das Leben auf der Hauptstraße wunderbar beobachten. Und wer genug vom Aus-dem-Fenster-Schauen hat, der kann sich aus dem deckenhohen Bücherregal einen Roman oder Bildband zum Schmökern holen.

Übernachten in El Calafate

Übernachtet habe ich im kleinen, feinen Bla! Guesthouse unweit der Avenida del Libertador General San Martín. Das Hostel bietet Doppelzimmer und Schlafsäle, eine kleine Gemeinschaftsküche und einen Aufenthaltsraum mit kleinen Tischen sowie einer gemütlichen Fernsehecke. Zimmer und Bäder/WC waren sehr sauber und morgens gab es in der Küche ein kleines Frühstücksbuffet. Das beste waren aber die Mitarbeiter an der Rezeption: sie haben immer ein offenes Ohr und helfen beim Organisieren von Ausflügen.

Wer es etwas luxuriöser mag, der findet in El Calafate natürlich eine Vielzahl an Hotels aller Preisklassen.

Das Natureservat Laguna Nimez in El Calafate

Auch ohne El Calafate zu verlassen kann man die patagonische Natur erleben: Die Laguna Nimez ist Naturschutzgebiet und hier tummeln sich allerhand Tiere, von zahllosen Vogelarten über Füchse bis hin zu Flamingos.

Naturreservat in El Calafate

Als ich in El Calafate war, konnte ich das Naturreservat leider nur von der Straße aus bestaunen, da der See über die Ufer getreten war und alle Wege überschwemmt hatte. Aber auch so konnte ich schon allerlei Tiere beobachten und den Blick bis zur fernen Gebirgskette genießen.

Typisch Patagonien: Estancia Nibepo Aike am Lago Argentino

Neben dem Perito-Moreno-Gletscher, dem ich einen eigenen Beitrag widmen will (–> hier), besuchte ich auch eine „typisch patagonische“ Estancia. Rund um El Calafate gibt es mehrere Landgüter, die für Touristen zugänglich sind; am bekanntesten ist die Estancia Cristina, von der aus man auch zu einem Aussichtspunkt über den Upsala-Gletscher gelangt. Leider war bei den Exkursionen zur Estancia Cristina kein Platz mehr für mich frei und so entschied ich mich für einen Halbtagesausflug zur Estancia Nibepo Aike.  Deren Name klang für mich ja eher japanisch als argentinisch. Aber dazu später mehr.

Am Morgen um halb neun holte mich ein Minibus vor meinem Hostel ab. Er war leer und auch auf der weiteren Fahrt stiegen keine Touristen aus anderen Unterkünften mehr zu. Würde ich den Tag allein auf der Estancia verbringen? Die Aussicht schien mir durchaus verlockend; in erster Linie wollte ich meine Umgebung, die Natur und die patagonische Ruhe genießen.

Patagonische Steppe mit Andenkette

Die Busfahrt über eine holprige Schotterpiste bot mir grandiose Aussichten. Ich konnte mich wieder einmal nicht sattsehen an den patagonischen Farben und der menschenleeren Landschaft!

Kühe in Patagonien am Straßenrand

Grasende Kühe am Wegesrand

Und während ich meinen Blick so schweifen lasse, sehe ich in der Ferne, zwischen die Berge gebettet, eine weiße Fläche. Ist das etwa…? Ja, er ist es: „Der Perito-Moreno-Gletscher“, sagt mein Fahrer und deutet auf die ferne Eisfläche.

patagonische Landschaft mit fernem Gletscher

Klein und unscheinbar liegt der 255 km2 große Perito-Moreno-Gletscher in der Ferne.

Schließlich erreicht der Minibus die Estancia Nibepo Aike. An eingezäunten Schafen vorbei fahren wir auf eine locker verteilte Gruppe an Gebäuden zu, die allesamt die typischen grünen Dächer der patagonischen Estancias haben.

Estancia Nibepo Aike nahe El Calafate

Gebäude einer Estancia mit Schafsherde

Tatsächlich scheine ich die einzige Besucherin zu sein – doch ich werde rasch aufgeklärt: Es wird noch eine Gruppe von vier Personen erwartet, mit denen ich mittags am selben Tisch sitzen werde, sowie ein Reisebus voller Dänen. Ok, das war’s wohl mit der patagonischen Ruhe…

Als ich mich mit Tee und Gebäck stärke, tauchen auch meine künftigen Tischgenossen auf: zwei französische Ehepaare mittleren Alters. Sie können kaum Englisch und Spanisch, also versuche ich es mit Französisch. Mit einem Mix dieser drei Sprachen schaffen wir es, uns in den nächsten Stunden leidlich zu unterhalten.

Gebäude auf der Estancia

In diesem Holzhaus werden mittags die Tagesgäste bewirtet.

Zunächst starten wir fünf alleine mit unserer Führerin, denn der dänische Bus lässt noch auf sich warten. Zwei der Franzosen entscheiden sich für eine Reittour, wir anderen machen einen Spaziergang zum Ufer des Lago Argentino, an dessen südlichem Arm die Estancia liegt.

Blick auf See und Berge

Währenddessen taucht auch der Reisebus auf, spuckt rund vierzig grauhaarige Dänen aus und plötzlich sind wir ein Riesentrupp, der den Spaziergang gemeinsam fortsetzt.

Unsere Führerin erklärt uns die Flora und Fauna, aber erzählt auch die Geschichte der Estancia:

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte ein kroatischer Einwanderer die Estancia gegründet, die damals noch „La Jerónima“ hieß. Nach seinem Tod übernahm seine Frau die Leitung des Landguts und benannte es nach ihren drei Töchtern oder bessergesagt: nach deren Spitznamen „Niní“, „Bebe“ und „Porota“: NiBePo. Das „Aike“ ist eine Hommage an die einst hier ansässigen Tehuelche-Indianer. Auf Tehuelche heißt Farm „Aike“.

Baumstamm am Ufer des Lago Argentino

Treibholz am Ufer des Lago Argentino.

Hagebutten in Patagonien

Im Anschluss an den Spaziergang ging es zu den Schafen: Sie warteten in ihrem Korral darauf, endlich auf die Weide getrieben zu werden.

argentinischer Gaucho zu Pferd

Ein Gaucho kommt angeritten, um die Schafe auf die Weide zu treiben.

Herde Schafe in Patagonien

Auf zur Weide!

Ein paar weniger gückliche Schafe mussten im Stall ausharren. Eines davon wurde vom Gaucho ausgewählt, um uns zu demonstrieren, wie annodazumal die Schafe geschoren wurden: von Hand mit einer großen Schere.

Das arme Schaf schaute ganz schön verdutzt drein, als es vor einer Gruppe faszinierter Touristen seiner Wolle entledigt wurde, aber es hielt schön still.

Ein Schaf wird auf altertümliche Weise geschoren

Schaf nach der Schur

Schon ziemlich nackig…

Nach diesem Programmpunkt blieb nur noch einer: das Mittagessen. Es gab, wie sollte es auf einer patagonischen Farm auch anders sein, ein vorzügliches Lamm-Asado.

Nach dem Essen blieb mir noch Zeit, ein paar Fotos zu machen und den Blick auf die wunderschöne Umgebung zu richten. Und dann hieß es auch schon: Abschied nehmen von der Estancia Nibepo Aike und nach El Calafate zurückkehren.

patagonische Pflanzen und Bergwelt

Mein Tagesausflug zur Estancia hatte mir gut gefallen, denn er hatte mir einen schönen Einblick in das patagonische Landleben vermittelt. Lieber wäre es mir aber gewesen, noch ein weniger mehr von der Estancia, ihren Wirtschaftsgebäuden, aber auch der Landschaft ringsum zu sehen. Und einfach die Stille zu genießen, das Kreisen des Kondors zu beobachten und den Blick auf den Gebirgszügen ruhen zu lassen.

Zaun und altes Wagenrad

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3 Gedanken zu “Patagonien: Weites Land der Seen, Berge und Gletscher

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