Literarischer Streifzug durch Salzburg, Teil I

Heute führe ich euch dahin, wo „alte Plätze sonnig schweigen“ – in die Heimatstadt meines expressionistischen Lieblingsdichters. Wir wandeln auf seinen lyrischen Spuren von Ort zu Ort.

Blick vom Mönchsberg über Salzburg

Literaturinteressierte denken bei Salzburg vermutlich an Hugo von Hoffmannsthal, den Mitbegründer der Festspiele und Autor des Jedermann, sowie Stefan Zweig, der von 1919 bis 1934 eine Villa am Kapuzinerberg bewohnte.Wenn ich an Salzburg denke, fällt mir immer sehr schnell und noch vor den beiden anderen der Dichter Georg Trakl ein.

Sohn Salzburgs

1887 wurde Georg Trakl in Salzburg geboren. Hier verbrachte er seine Kindheits- und Jugendjahre, machte eine Apothekerlehre, wurde rauschgiftsüchtig, schrieb wenig erfolgreiche Theaterstücke und starb viel zu jung gleich in den ersten Monaten des ersten Weltkriegs.Der Nachwelt ist seine Lyrik erhalten, die zwischen Leichtigkeit und Schwermut, Idyll und Verfall, Traum und Wahnsinn changiert und voll ausdrucksstarker Bilder ist.

Vor ein paar Jahren habe ich mich dank einer spannenden Vorlesung zum Expressionismus näher mit Trakl und seiner faszinierenden Lyrik, aber auch mit seiner Beziehung zu Salzburg beschäftigt. Salzburg spielt in vielen seiner Gedichte eine Rolle, sei es „Am Mönchsberg“, „Musik im Mirabell“, „Die schöne Stadt“ oder „St.-Peters-Friedhof“.

Umgekehrt hat die Stadt ihrem berühmten Sohn einen Steg, eine Straße, einen Brunnen und Gedenktafeln gewidmet. Im Traklhaus, dem Geburtshaus des Dichters, befindet sich heute eine Forschungs- und Gedenkstätte mit Fotos, Mobiliar und Autographen Trakls.

Worte und Orte: In Salzburg auf den Spuren von Trakls Lyrik wandeln

Besonders schön finde ich, dass man bei Spaziergängen durch Salzburg dem Werk von Georg Trakl begegnen kann: Im gesamten Stadtgebiet gibt es neun Tafeln mit den „Salzburg-Gedichten“ Trakls. Seine Spaziergänge nach Anif, auf den Mönchsberg oder durch den Hellbrunner Schlosspark inspirierten den jungen Dichter ebenso wie der Ausblick aus seinem Wohnhaus oder die Lehrzeit in der Engel-Apotheke.

Mir gefällt, wie mit den Gedichttafeln Salzburger Orte mit Trakls Worten in Verbindung treten…

Worte und Orte, womit wir wieder beim Thema wären… 😉

Eine Auswahl von Georg Trakls Salzburg-Gedichten

Kunstwerk mit Festung in Salzburg

In Gold und Blau strahlt Salzburg: Der Mann auf der goldenen „Mozartkugel“ von Stefan Balkenhol am Kapitelplatz

Tief in Blau und Gold versponnen…„. Bilder einer schönen Stadt.

Eine schöne Stadt ist Salzburg, keine Frage: Malerisch, wie die Festung hoch oben auf dem Berg trohnt. Kuppeln und Türme recken sich allerortens gen Himmel, dazwischen kleinere und größere Plätze mit Brunnen und schmucken Hausfassaden. Hügel, die sich im Herbst in leuchtende Farben hüllen, rahmen die Altstadt und das glitzernde Band der Salzach ein.

An einer Innenhofwand am Waagplatz 1a, bei Trakls Geburtshaus, ist folgende Verewigung der „schönen Stadt“ zu lesen:

Die schöne Stadt

Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus dem Brunnen.
Blütenkrallen drohn aus Bäumen.
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen.
Durch der Gärten Blätterrahmen
Schwirrt das Lachen schöner Damen.
Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
Durch die Blumen an den Fenstern.

Felseneinsamkeit: Rundgang über den Friedhof

Unterhalb des Salzburger Festungsberges, auf dem sich weit sichtbar die Feste Hohensalzburg erhebt, schmiegt sich der alte Friedhof St. Peter an die Felswand. Heutzutage strömen hier die Touristen ein und aus, angezogen von den malerischen Katakomben und Kapellen, die einst in den Fels gehauen wurden. Georg Trakl erlebte diesen Ort vor etwas mehr als hundert Jahren noch als „traumverschlossenen Garten“.

Auch wenn der Peters-Friedhof heute nicht mehr so friedlich-still erscheint, statte ich ihm bei Salzburgaufenthalten immer wieder gerne einen Besuch ab. Ich kann gut verstehen, warum Trakl diesem besonderen Ort ein Gedicht widmete. An einer Mauer beim Friedhofseingang ist es auf einer Tafel zu lesen:

St.-Peters-Friedhof

Ringsum ist Felseneinsamkeit.
Des Todes bleiche Blumen schauern
Auf Gräbern, die im Dunkel trauern –
Doch diese Trauer hat kein Leid.

Der Himmel lächelt still herab
In diesen traumverschlossenen Garten,
Wo stille Pilger seiner warten.
Es wacht das Kreuz auf jedem Grab.

Die Kirche ragt wie ein Gebet
Vor einem Bilde ewiger Gnaden,
Manch Licht brennt unter den Arkaden,
Das stumm für arme Seelen fleht –

Indes die Bäume blüh’n zur Nacht,
Daß sich des Todes Antlitz hülle
In ihrer Schönheit schimmernde Fülle,
Die Tote tiefer träumen macht.

Und langsam kriecht die Röte durch die Flut…„: Am Salzach-Ufer

Eine schöne Stadt hat auch ihre dunklen Seiten. Und gerade in Trakls Lyrik ist nie alles einfach nur hell und licht und schön: Bei seinen Spaziergängen entlang der Salzach inspirierte der städtische Schlachthof nahe der Eisenbahnbrücke den jungen Dichter zur morbiden und ekelerfüllten Schilderung der „Vorstadt im Föhn“:

Vorstadt im Föhn

Am Abend liegt die Stätte öd und braun,
Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.
Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen –-
Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.

Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut,
In Gärten Durcheinander und Bewegung,
Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung,
In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.

Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor.
In Körben tragen Frauen Eingeweide,
Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude,
Kommen sie aus der Dämmerung hervor.

Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut
Vom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter.
Die Föhne färben karge Stauden bunter,
Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.

Ein Flüstern, das in trübem Schlaf ertrinkt.
Gebilde gaukeln auf aus Wassergräben,
Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben,
Die mit den warmen Winden steigt und sinkt.

Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen,
Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern.
Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheitern
Und manchmal rosenfarbene Moscheen.

Das Gedicht ist übrigens auf einer Stele am rechten Salzachufer zu lesen, gegenüber dem ehemaligen Schlachthofsgelände.

Herbstlicher Mirabellgarten: „Schatten, die ins Dunkel gleiten“

An der Mauer des Mirabellgartens hängt über einer Bank die Gedichttafel mit Trakls „Musik im Mirabell“. Ursprünglich sollte dieses Gedicht „Farbiger Herbst“ heißen, in der zweiten Fassung erhielt es dann seinen heutigen Titel. An einem farbigen Tag im Spätherbst 2014 spazierte ich selbst durch den kleinen Park und sah zu, wie auf den Wegen „bedächtig stille Menschen gehen“…

Musik im Mirabell

Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn
Im klaren Blau, die weißen, zarten.
Bedächtig stille Menschen gehn
Am Abend durch den alten Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut.
Ein Vogelzug streift in die Weiten.
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster.
Ein Feuerschein glüht auf im Raum
Und malet trübe Angstgespenster.

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löscht eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

Ich hoffe, dieser kleine Salzburg-Spaziergang mit Georg Trakl hat euch gefallen.

Demnächst folgt Teil II meines literarisch inspirierten Streifzugs durch Salzburg. Lasst euch überraschen! 🙂

♠♠♠

Zum Weiterlesen:

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4 Gedanken zu “Literarischer Streifzug durch Salzburg, Teil I

  1. Ein wunderbarer Trakl-Beitrag – vor allem auch, weil hier der Bezug zur schönen Stadt so bildhaft schön hergestellt wird.

  2. Liebe Stefanie,
    das ist aber mal ein wunderschöner Post. Trakt war zwar nie so meiner – aber in Zusammenhang mit Salzburg, Deinem schönen Salzburg-Spaziergang und den schönen Bildern dazu wird sogar für nicht ein (poetischer) Schuh draus.
    In Salzburg war ich einige Male von Bad Reichenhall aus – und jedes mal war ich hingerissen von der Stadt. Erstaunlich immer wieder die Weite, die diese Plätze erzeugen in dieser doch eigentlich eher engen Stadt am Felsen. Und dann diese Gassen und Gässchen – und natürlich, dass aus allen Ecken und Enden der Stadt Kultur kriecht. Soweit ich es mitbekommen habe, gibt es sogar eine kleine Off-Szene um die Innenstadt herum. Hingerissen war ich übrigens auch immer von diesen Würstlständen, besonders dem am Alten Markt …
    Das Einzige, was mich an Salzburg immer gestört hat, ist diese völlig klischeebeladene Touristenranschmeisse mit all dem original Mozartgekugele, den Original-Karajankuhglocken und anderem abstrusen Zeux, aber glücklicherweise konzentriert sich das ja auf die Gold- und die Getreide- und die Linzer Gasse – obwohl letztere mit dem Platz am Ende auch einen ganz besonderen Charme hat.
    So, jetzt hör ich auf mit der Schwärmerei – es war schön, Deinen Beitrag über Salzburg und Trakl zu lesen und zu sehen, für mich eine schöne Erinnerung.
    Vielen Dank dafür und liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      danke für deinen netten,langen Kommentar! Ich kann gut verstehen, dass dich Salzburg zum Schwärmen bringt 🙂 Es ist einfach wunderbar gelegen zwischen den Hügeln, dann die verwinkelte Altstadt und die schönen Plätze… Ich mag ja die österreichische Kaffeehauskultur sehr gerne. Das Tomaselli ist leider sehr von Touristen überlaufen, aber das Bazar am Salzachufer hat mir recht gut gefallen – da kann man einfach wunderbar Mehlspeisen essen, Melange trinken und Leute beobachten 😉
      Aber ich muss dir recht geben, die Touristenfallen in der Altstadt und das ganze Gedränge und die Ramschläden, das finde ich auch ziemlich abschreckend. Zum Glück gibt es ja noch andere Ecken, an die sich (fast) kein Tourist verirrt. Bei meinem letzten Salzburg-Besuch hat es mich über die Nonnbergstiege zum Nonnberg verschlagen, wo schon seit Urzeiten ein Benediktinerinnenkloster steht mit einer schönen, stillen Kirche. Dort sind auch zwei meiner herbstlichen Fotos (s.o.) entstanden. Zuvor war ich nie weiter als bis zur Festung gekommen und an dem Tag hab ich mich richtig gefreut, so einen „abgeschiedenen“ Ort durch Zufall entdeckt zu haben. Vielleicht warst du ja auch schon mal in dieser Ecke von Salzburg?
      Liebe Grüße
      Stefanie

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